Demokratie: Kampf der Gefühle?

USA Donald Trump macht Wahlkampf mit Gefühlen, mit den Ängsten und der Unzufriedenheit der Bevölkerung. Aber eine Politik der Leidenschaften kann auch Positives hervorbringen

Wenn es Banken zur Speicherung von Angst und Zorn gäbe, die diese menschlichen Gefühle einlagern, bewirtschaften und mit politischer Rendite wieder auszahlen könnten, dann wären diese derzeit wohl gut gefüllt. Mit der Metapher der „Zornbank“ beschrieb Peter Sloterdijk in seinem 2006 erschienenen Buch Zorn und Zeit Affektagenturen, die verstreute Protestenergien einsammeln, um daraus ein revolutionäres Risikokapital zu formen. Historisch waren das meist kommunistische Parteien und Gewerkschaften – mit Streikkassen ausgestattete Kreditinstitute des Klassenkampfs. Aber auch die französischen Jakobiner, die ersten Feministinnen, oder die amerikanischen Bürgerrechtskämpfer waren gut darin, die Gefühle der Menschen in eine Protestbewegung oder gar Revolution umzuwandeln. Grundsätzlich hat Zorn, oft hervorgerufen durch Angst, also viel Potential. Politisch scheint das in den letzten Jahren allerdings nicht nur für Freiheit, Gleichheit, Menschlichkeit genutzt zu werden, sondern auch für Rassismus, Terrorismus und Anti-Feminismus.

Woran liegt das? Nicht zuletzt daran, dass die Rechtspopulisten aller Länder gerade dabei sind, die Linken in der Verwaltung der Wut zu überholen. Bestes Beispiel: Donald Trump. Kaum einer erreicht die Ängstlichen, Wütenden und Verunsicherten gerade so gut wie er, niemand haushaltet so gut mit Hass und Verzweiflung. Und so gerne man der politischen Meinungsbildung unterstellen würde, sie beruhe auf der rationalen Abwägung von Argumenten und dem logischen Sieg des Guten, kommt man am Ende doch nicht darum herum, Leidenschaften und Affekte als treibende Kräfte der Politik anzuerkennen. Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe hat in ihren Schriften immer wieder darauf hingewiesen, dass politische Identitäten sich nicht nur anhand von Vernunft und Moral, sondern anhand von Gefühlen, von Leidenschaften bilden. Nirgendwo wird das deutlicher als im amerikanischen Wahlkampf, in dem nicht der vernünftigste, sondern der leidenschaftlichste Präsidentschaftskandidat dabei ist, die Stimmen der Unzufriedenen für sich zu gewinnen. Nichts anderes tun die AfD in Deutschland oder der „Front National“ in Frankreich.

Angesichts dessen stehen aufgeklärte Demokraten nun wie die Kaninchen vor der Schlange. Doch statt blind Panik zu schüren, sollten sie lieber versuchen, den Zorn nicht einfach den Rechtspopulisten zu überlassen, sondern ihn in ihrem Sinne zu bewirtschaften. Das heißt konkret: sich auf die Leidenschaften einlassen, den politischen Konflikt nicht scheuen. Schließlich ist demokratische Politik nichts anderes als die ewige Auseinandersetzung zwischen Kontrahenten. Da die Gesellschaft, so Chantal Mouffe, antagonistisch ist, sich also durch eine unauflösbare Vielzahl gegensätzlicher Meinungen und Identitäten definiert, könne es so etwas wie einen sozialen Konsens nicht geben. Konflikte und die Abgrenzung vom „Anderen“ sind nicht nur unvermeidbar, sondern Kern der Demokratie, wenn jeder Mensch den eigenen Überzeugungen und Werten treu bleibt – viel schlimmer ist, wenn er das nicht tut, weil seine Ideale sich vielleicht nicht genug von denen der „Anderen“ unterscheiden, sie also die Auflehnung nicht wert sind. In Sloterdijks Worten: „Die Bewohner der wohlhabenden Nationen schlafwandeln zumeist im unpolitischen Pazifismus.“

Der politische Konflikt entsteht nur dann, wenn erstens die „ungeheure Macht des Negativen“ Überhand nimmt und zweitens eine Zornbank die negativen Energien bündelt, wenn also genug Menschen ähnlich unzufrieden sind. So waren Revolutionen und Protestbewegungen stets Reaktionen auf autokratische Herrschaft oder repressive Regierungen, wenn das kollektive Gefühl von Ungerechtigkeit, Unfreiheit oder Unterdrückung zu groß wurde. Gerade Amerika braucht nur einen Blick auf die eigene Geschichte zu werfen, um Beispiele für erfolgreiche Bürgerrechts-, Umwelt- und Friedensbewegungen zu finden, die alle ein Resultat von Wut, eine Form der Auflehnung waren. Doch momentan investieren viele Unzufriedene ihre Gefühle in Donald Trumps Zornbank rassistischer Billigangebote.

Dass er bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen reelle Chancen hat, hält Eva Schweitzer, Journalistin und Autorin des Buches Trump Party – der weiße Wahn, aber eigentlich für unrealistisch. Es sei denn, die Angst wächst bis November noch weiter. „Wenn es jetzt noch einen richtig großen Anschlag geben würde, eine Woche vor der Wahl, könnte das schon Einfluss haben. Da denken die Leute, das wollen wir in den USA nicht haben, wir wollen die Grenzen dicht machen, damit hier nicht so ein verrückter Axtmörder rumläuft. Das hilft alles Trump“, so Schweitzer.

Dagegen hilft nur eine politische Alternative. Eine, die wirklich soziale Veränderung anbietet. Bernie Sanders hätte das womöglich leisten können, Hilary Clinton nicht. Mit ihr wird es im Weißen Haus vermutlich keinen großen Wandel geben. Aber bevor es weitergeht wie bisher, das haben Umfragen gezeigt, schlagen die Ängstlichen und Wütenden, die anfangs mit Sanders sympathisierten, sich nun auf die Seite der personifizierten Rache am System: Donald Trump.

Sollte der tatsächlich Präsident werden, wäre das aber nicht das Ende der Welt, sondern die Zeit für eine neue Protestbewegung, die genug Menschen aus dem „unpolitischen Pazifismus“ reißt und einen „kollektiven Willen“ gegen Trump formt. Die muss, so formuliert Chantal Mouffe es treffend, „einen Stellungskrieg führen, der auf die Radikalisierung demokratischer Institutionen und die Errichtung einer neuen Hegemonie abzielt.“ Der Hegemonie humanistischer Ideale zum Beispiel. Nichts anderes bedeutet Demokratie.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 14.09.2016
Geschrieben von

Louisa Theresa Braun

Studentin und Journalistin mit Schwerpunkt Feminismus und Philosophie
Louisa Theresa Braun

Ausgabe 32/2020

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