Schön einfach bleibt einfach schön

Eine Pille gegen Unlust Ein Beitrag über die vermeintliche weibliche Unlust und warum Frauen davon voraussichtlich nicht profitieren werden.
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Ausschlaggebend für diesen Beitrag war eine Werbung, die mich in einer Fernsehzeitschrift anlachte. Für alle, die es noch nicht wussten: Für Frauen gibt es endlich eine Pille gegen Unlust. Unlust auf sexuellem Gebiet versteht sich. So weit so gut. Betrifft mich nicht, da dem Bild nach zu urteilen (es befindet sich das Konterfei einer ca. 60jährigen Frau neben besagter Pillenpackung), nicht meine Altersklasse und außerdem: Wer kümmert sich um Werbung in einem Käseblatt? Ich nicht. So dachte ich, bis mich sechs Wochen später eine ähnliche Werbung in gleicher Zeitschrift anlachte. Diesmal eine andere Firma (glaube ich) und ein anderes Präparat (denke ich), aber das gleiche Problem (da bin ich sicher!). Sexuelle Unlust bei Frauen. Ich ärgere mich. Wieso zwei Mal Werbung für ein Produkt der Pharmaindustrie in wenigen Wochen in der gleichen Zeitschrift, das sich mit einem Problem beschäftigt, welches mir bis zu diesem Zeitpunkt verborgen geblieben war? Wer ist denn hier unlustig und ist der Grund für diese vermeintliche Unlust eventuell tablettenresistent? Ich versuchte mich in der Analyse der Unlust, weil das eigene Befinden hier eventuell wenig repräsentativ sein könnte. Jedoch ist die Untersuchung der sexuellen Befindlichkeiten im eigenen näheren Umfeld, sagen wir mal, nicht ganz einfach. Und ohne ins Detail gehen zu wollen (ich will schließlich keine Freundschaften aufs Spiel setzen) muss an dieser Stelle gesagt werden: Mir scheint der Eindruck der weiblichen Unlust nicht medikamentös behandlungsbedürftig zu sein. Aber um das ganze mal auf einen professionelleren Sockel zu heben: Zu diesem Thema gibt es glücklicherweise Zahlen, die da wären:

Die größte Unlust auf Sex betrifft statistisch gesehen Frauen am häufigsten mit Anfang 30, Männer dagegen mit Mitte bis Ende 40. (Quelle: Psychologie heute 06/2005, Artikel “Willkommen im Club Sexualität”)

Interessanterweise wird in der Werbung für luststeigernde Mittel für Frauen etwas anderes suggeriert. Nämlich, dass Frauen mit zunehmenden Alter keinen Sex mehr wollen. Dagegen spricht ebenfalls:
Die sexuelle Aktivität steigert sich bei Menschen ab 26 Jahren, bleibt dann auf einem relativ konstanten Niveau bis zum Alter von 55 Jahren und sinkt dann kontinuierlich ab. Im Vergleich sind die 56- bis 65-Jährigen sexuell aktiver als die 18- bis 25-Jährigen (Quelle: Martin Merbach, Elmar Brähler und Antje Klaiberg: Partnerschaft und Sexualität in der zweiten Lebenshälfte)
Was ist also dran an der Werbung für dieses Mittel? Will die Pharmaindustrie etwas verkaufen, was die Frau gar nicht braucht (wahrscheinlich, denn was der Mensch wirklich braucht sind sicherlich nur wenige Prozent von dem, was im Einzelhandel feil geboten wird)? Soweit so gut. Wäre im Prinzip nicht weiter schlimm, ich muss es ja nicht kaufen, wenn ich es nicht brauche. Das Problem dabei ist jedoch: Es wird suggeriert, dass diese Pille benötigt wird, weil die sexuelle Unlust ein körperliches Phänomen ist, welches sich schnell beheben ließe, wenn Frau nur willig wäre. Die Frau ist krank – deshalb braucht sie eine Tablette. Diesen Eindruck bekommt man auch ohne Erwerb der Arznei per Werbung mit auf den Weg gegegeben.
In Zahlen ausgedrückt:

Über “zu selten Sex” klagt in den meisten Beziehungen nur einer der Partner, häufiger ist es der Mann. Nach einem Jahr Beziehung taucht das Thema “Mir ist es zu selten” bei 50 Prozent aller Paare auf, nach sechs Jahren Beziehung ist es Thema bei 70 Prozent aller Paare. (Quelle: Psychologie heute 06/2005, Artikel “Willkommen im Club Sexualität”)

Gelegentliche sexuelle Lustlosigkeit innerhalb einer Beziehung kommt mit zunehmender Beziehungsdauer häufiger vor, Frauen sind häufiger lustlos als Männer. Nach einem Jahr Beziehung betrifft es 33 Prozent Männer und 60 Prozent Frauen, nach sechs Jahren Beziehung 40 Prozent Männer und 80 Prozent Frauen. (Quelle: Psychologie heute 06/2005, Artikel “Willkommen im Club Sexualität”)

Diese Zahlen kann man einfach so hinnehmen oder mal mit diesen in Beziehung setzen:

Geschätzt rund 30 Prozent aller Frauen äußern zu wenig ihre sexuellen Bedürfnisse (Quelle: Psychologie heute 08/2009, Artikel “Das Begehren der Frau)

Wenn ich dies alles kombiniere komme ich zu einem völlig anderen Bild, als folgendes, von der Werbung vermittelte:

Die weibliche Unlust rührt von einem körperlichem Mangel her. Ein Pillchen nehmen und schon haben alle gewonnen. Die Frau hat wieder Lust, die Pharmandustrie hat verdient und der Mann hat eine willige Frau Was will Mann mehr? Die Frage, die ich mir stelle ist: Wann das endlich aufhört, dass der Frau suggeriert wird, dass sie ein Defekt hat, wenn sie im Bett nicht so funktioniert, wie es der männlichen Vorstellung entspricht? Wenn ich mir obige Zahlen anschaue, ergibt sich für mich folgendes Bild: Es scheint im Zusammenspiel zwischen den Partnern in einer langen Beziehung ein Phänomen zu geben, das die Lust im Keim erstickt. Offenbar scheint da das Problem begraben. In Zahlen:

Frauen verbinden mit “Sexualität”: Zärtlichkeit (90 Prozent), Gefühl (89 Prozent), Liebe (88 Prozent), Lust (87 Prozent), Zuneigung (82 Prozent) und Leidenschaft (80 Prozent). (Stand: 2000; Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach).

Wenn ich alle Zahlen auf mich wirken lasse, entsteht bei mir der Verdacht, dass es eine generelle Unlust bei Frauen als solche nicht wirklich gibt. Eher schleicht sich bei mir das Gefühl ein, dass das Verschweigen der weiblichen Bedürfnisse und das Zusammenspiel (bzw. das Fehlen des selben) mit dem Partner für eine fehlende Sexualität verantwortlich ist und als “Unlust” deklariert wird. Ist auch praktischer. Erstens weil die Pharmaindustrie ihren Profit steigern kann und zweitens, weil es einen Grund gibt, der verhindert, dass sich jemand über sein Leben Gedanken machen müsste (schön einfach bleibt eben einfach schön!). Wo kämen wir denn hin, wenn Frau und Mann sich sagen, was sie wollen und was der andere gerade nicht richtig macht! Und dann müssten beide noch überlegen wie sich das Problem gemeinsam lösen lässt, ohne dem anderen die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben. Klingt nach ganz viel Arbeit. Dann vielleicht doch lieber eine Pille schlucken und sich der Illusion hingeben: Alles wird gut, irgendwann und irgendwie. Wenn mich jemand fragen würde, äußerte ich die Vermutung, dass das nichts bringen wird. Aber mich fragt keiner.

17:55 15.09.2015
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Geschrieben von

loulila

Ich bin ein Mensch, der gerne die Dinge der Welt betrachtet, aufschreibt und mit anderen Meinungen austauscht.
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