Pink vor Zorn

Marketing Auf Youtube sorgte ein kleines Mädchen für eine Sensation mit ihrer aussagekräftigen Wutrede zu pinken Marketing-Strategien. Gibt es diese auch für Erwachsene?
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Quelle: Flickr

Die Marketingwelt hat einiges zu überdenken – besonders im Hinblick auf Werbung für Technik, Elektronik und die Automobilindustrie. Je näher man einige der Kampagnen betrachtet, desto deutlicher die Erkenntnis, dass Produktwerbung in manchen Bereichen immer noch äußerst geschlechtsspezifisch betrieben wird. Doch ist die Realität kaum mehr eine, in der Frauen hilflos vor ihrem Laptop sitzen oder entsetzt vor dem Rasenmäher stehen und auf männliche Hilfe hoffen. Zeit umzudenken.

Vor kurzem stand ich vor dem Problem, dass mein Toshiba Satellite Pro Laptop nach nur knapp zwei Jahren nicht mehr so wollte wie ich. Er sollte also ersetzt werden, vorzugsweise mit etwas leichtem, handlichem, haltbarerem, und hübscherem als dem schlichten, mattschwarzen Satellite Pro. Außerdem wollte ich eine eingebaute Kamera samt Mikrofon und ansonsten keinerlei technische Einbüßungen gegenüber meinem bestehenden Modell. Ein Ausflug in mehrere Elektronikgeschäfte zeigte mir jedoch vor Allem eins: alles, was nicht pink und leicht zu bedienen ist, ist Männersache. Wer einmal genauer hinschaut, wird schokiert sein, wie offensichtlich geschlechtsorientiert sich Werbung heutzutage immer noch gestaltet - und nicht nur Werbung. Meinung und Verhalten von Verkaufsassistenten spiegelt eine Welt wider, in der Frauen alles verkauft werden kann, was pink und „weiblich“ ist und Online-Shopping ermöglicht. Die Sache stört mich gleich auf mehreren Ebenen: Werbung geht zu häufig davon aus, dass Frauen „von Natur aus“ weniger über Technik wissen. Technik, Computer, Autos und so weiter sind Männersache.

Dieses Marketing-Konzept sieht man schon an Kinderspielzeugen: die Geschlechtertrennung zwischen pink-gekleideten Barbies für Mädchen und blauen, batteriebetriebenen Fernlenkautos für Jungs ist klar gegeben. Die Suche nach einem ferngesteuerten Spielzeugauto, auf dessen grüner oder gelber Packung Kinder beiden Geschlechts abgebildet sind, gestaltet sich schwer. Fernsehwerbung und Produktverpackungen versuchen schon Kleinkindern klar zu machen, dass Mädchen mit Puppen, Prinzessinen und Plastik-Einbauküchen spielen sollten. Wie das kleine Mädchen Riley in diesem goldigen YouTube-Clip klar ausdrückt, basiert diese Art von geschlechtsspezifischer Einordnung von Spielzeugvorlieben nicht umbedingt auf der Meinung der Kinder.

Die Annahme, dass Mädchen sich nicht für Technik und Superhelden interessieren, und dass alles, was einen Motor hat und abstraktes Denken voraussetzt, Männersache ist, ist also zu überdenken. Als noch viel störender als diese Annahme empfinde ich die daraus entstehende Schlußfolgerung, dass Frauen daher mit primitivstem Marketing und ein bisschen Pink beim Kauf von technischen Geräten „geködert“ werden können:

Diese Spielzeugthematik setzt sich in der Werbung für Technik jeglicher Art fort. Glücklicherweise hat Dell von der 2009 initiierten Seite Della gelernt, die Laptops der Marke Dell an weibliche Kunden heranbringen sollte. Die überragend negative Resonanz im Internet führte dazu, dass Dell die Seite zunächst stark modifizierte, und dann vollständich aus dem Netz nahm – nun führt der Della-Link nur noch auf die Hauptseite des Herstellers. Doch während Dell aus Fehlern lernen konnte, zeigt der Della-Versuch auf, was noch immer der vorherschenden Meinung über weibliche Technologienutzung entspricht. Und die scheint auszusagen, dass Frauen ihre Laptops hauptsächlich für Facebook, Kochrezepte, Online Diäten und Shopping gebrauchen.

Frauen, die sich (ob nun auf Grund einer frühkindlichen Prägung durch die Medien- und Werbungsindustrie oder nicht) wenig für Technik interessieren und sich dementsprechend nicht in Fachsprache mit Verkäufern unterhalten können, sind deswegen nicht dümmer als ein Mann. Natürlich möchte ich damit nicht sagen, dass man pinke Laptops verbieten sollte. Firmen wie Sony und Lenovo bieten Laptops in vielen verschiedenen Farben an – und Pink ist nur eine davon. Dellhatte schließlich in einem Recht – Ästhetik ist ein wichtiger Aspekt, und verbunden mit Funktionalität, bevorzuge ich persönlich ein dünnes, silbernes Ultrabook gegenüber dem langweilig mattschwarzen Toshiba Satellite Pro.

Gleichzeitig verhindert die Darstellung von Frauen als dürftig bekleidete „Dummchen“ in an Männer gerichtete Werbung, dass irgendetwas an der Folgerung „Frauen sind Dummchen“ rüttelt. Das besten Beispiele hierfür sind der Medienriese Saturn und die Automobilindustrie. Beide nutzen häufig weibliche Darstellerinnen, um bestimmte Assoziationen im männlichen Werbepublikum zu wecken und Produkte so begehrenswert zu machen, wie die dürftig bekleidete Dame, die auf ihnen liegt.

Natürlich sind workshops wie RailsGirls einerseits ein Schritt in die richtige Richtung. Andererseits zeigt Liz Weidingers Bericht auch die Arroganz auf, mit der einige der männlichen Anwesenden weiblichen Kursteilnehmern begegnen. Die meisten Frauen wissen, was RAM ist, auch wenn sie es nicht treffend umschreiben können. Jedenfalls sind Frauen an mehr interessiert, als Kinder und Einkauf in langweiligen Autos von A nach B zu transportieren, und mittels pinker Laptops Diätseiten aufzusuchen.

16:05 23.10.2012
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Geschrieben von

Loumiller

Freie Journalistin im grauen London
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