Der Untergang des Abendlandes

Jahresrückblick Pegida, Hogesa und Tugendterror - Der Rechtsruck innerhalb der deutschen Gesellschaft ist kaum zu übersehen. Die Entwicklungen des Jahres sind besorgniserregend
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Der Untergang des Abendlandes
HoGeSa-Demonstrant in Hannover
Foto: Alexander Koerner/ Getty Images

Das Jahr neigt sich dem Ende, über die Fernsehbildschirme des Landes bahnt sich wie jedes Jahr eine Flut rührseliger Jahresrückblick-Shows den Weg in unsere Wohnzimmer. Sie suggerieren, dass das vergangene Jahr zwar „hochemotional“, ein kleines bisschen dramatisch, aber irgendwie ja doch schön war. Wir sehen Siegtore, ein Fahnenmeer, zankende und lachende Politiker, Celebrities und Royals und ein weinendes Kind, dessen traurige Augen zur Hans Zimmer- Pianomusik uns zeigen, dass es anders wo in der Welt viel schlimmer zugeht als hier bei uns im warmen Wohnzimmer. Und so müssen die geschickten Fernsehmacher schon tief in ihre Trickkiste greifen, um uns auch nur ein kleines Tränchen in den Augenwinkel zu zaubern. Ein Kommentar von Lennart Pfahler.

Sind wir ehrlich: 2014 war eine Katastrophe. Neben dem Chaos in der Welt, IS-Terror, Ukraine-Krise, Nahostkonflikt und Ebola-Epidemie hat das vergangene Jahr auch auf nationaler Ebene eine erschreckende Entwicklung deutlich gemacht: Die deutsche Gesellschaft kippt nach rechts. Das Feld der rechten Akteure hat sich mit rasendem Tempo diversifiziert, es ist ein schier undurchsichtiger Brei hetzender, unter Deutschlandfahnen und völkischen Parolen marschierender Gestalten entstanden, der dieser Tage durch die Straßen der deutschen Großstädte quillt. Wo man einst einerseits Thor-Steinar tragende Glatzen und andererseits Stammtischpolitiker aus dem bayrischen Hinterwald hatte, gesellen sich heute Verschwörungstheoretiker, „Reichsbürger“, USA-Hasser, und Friedenswächter aller Couleur hinzu, die unter dem Vorwand pazifistischen Idealismus vor der gebührenfinanzierten Lügenpresse und der kriegstreibenden deutschen Regierung warnen, um im gleichen Atemzug die vermeintliche Islamisierung und Überfremdung unseres Landes zu verteufeln.

2014 war das Jahr von Thielo Sarrazin, der mit seinem „Neuen Tugendterror“ dem Arbeitskreis „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen...“ eine Bibel an die Hand gab.

Es war das Jahr der seit März stattfindenden „Mahnwachen für den Frieden“, jener groteskenMontagsdemonstrationen, bei denen Polit-Esoteriker wie Ken Jebsen oder Jürgen Elsässer für eine friedliche Welt eintraten und dabei am Rande noch ihre Version des beliebten alten Kanons der jüdischen Weltverschwörung“ in den Nachthimmel schmetterten und damit dem selben Antisemitismus die Tür öffneten, der auch die (an sich absolut legitimen) israelkritischen Demonstrationen des Sommers begleitete.

2014 war das Jahr der AfD. Nachdem die europakritische Partei, die nicht selten durch rechten Populismus auffällt, im vergangenen Jahr bei den Bundestagswahlen noch knapp an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, reichte es bei der Europawahl für mehr als sieben Prozent der Stimmen. Bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen wurde dieser Prozentwert sogar deutlich übertroffen. Das zeigt: Es lohnt sich wieder, am rechten Rand zu fischen.

Und das hat auch die CSU erkannt. Aus der Idee Zuwanderern die Benutzung der deutschen Sprache innerhalb der Familie vorzuschreiben spricht - neben dem ein oder anderen Weißbier zu viel - vor allem die Angst vor eben jener Überfremdung, die in der Rhetorik des gemeinen Patrioten immer wieder bemüht wird, ohne dass ihr Gesicht je nachweislich gesehen ward.

2014 war das Jahr von Hogesa und Pegida. Während bei ersterer Großveranstaltung mit den selbst ernanntenHooliganseine eher konventionell-rechte Idiotentruppe gegen Islamisten aufmarschierte (bei der anschließenden Keilerei mit der Polizei aber ihre eigene Verwirrtheit bezüglich des gemeinsamen Feindes offenbarte), sind die über 10.000 Demonstranten der Pegida-Veranstaltungen in Dresden ein Abbild des gefährlichen Potpourris dubioser Weltanschauungen, die immer weitere Teile der Gesellschaft anzusprechen scheinen. Der kleinste gemeinsame Nenner der Demonstranten ist dabei wohl die Frustration über die Politik. Die sei ihnen geschenkt. Doch die Fremdenfeindlichkeit, die auf diesen Veranstaltungen, auf denen sich patriotische Europäerliedersingend unter der Deutschlandfahne vereinen, offen mitschwingt, ist mehr als besorgniserregend. Dazu kommt ein wachsendes Misstrauen gegenüber den Medien, das die eine sinnvollen medialen Umgang mit dem Thema beinahe unmöglich macht , von einer sachlichen Diskussion ganz zu schweigen.

Wenn breite Teile der Gesellschaft sich in Zeiten einer solch bedrohlichen Rechtstendenz dann gegen die Linkspartei und den ersten linken Ministerpräsident Bodo Ramelow einschießen und Wolf Biermann selbige ohne Not gar als „Drachenbrut“ bezeichnet, dann ist das, wie wenn Recep Tayyip Erdogan im Angesichts der IS-Bedrohung Stellungen der kurdischen PKK bombardiert. Ein Kampf zur falschen Zeit, gegen den falschen Feind.

2014 war eben nicht nur das Weltmeister-Jahr. Und ja, 2014 hat auch bei mir die Angst vor dem Untergang des Abendlandes geweckt. Doch das liegt nicht an einer vermeintlichen Islamisierung, nicht an „Wirtschaftsflüchtlingen“ und schon gar nicht am Thüringer Ministerpräsidenten. Was mir wirklich Angst macht, sind Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamophobie und das Wegbrechen der Vernunftsbasis, das den Stimmungswandel innerhalb der deutschen Gesellschaft dieses Jahr begleitet zu haben scheint. Denke ich an Sarrazin, Bachmann und Ulfkotte, dann kann 2015 nur besser werden.

01:14 26.12.2014
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