Die Illusion des Vertrauens

Ein Essay In der Pandemiekrise wird viel outgesourced: Der Bürger soll sein Vertrauen jetzt selbst produzieren.
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Ding-dong, ding-dong, ding-dong.

Glockengeläut hallt herüber von der Kirche, erst laut, dann leise verhallend. Der Widerhall ist noch eine Viertelminute später zu hören, die Hügelkette auf der anderen Seite des kleinen Tals reflektiert den Schall. Ich erinnere ich mich zurück: Es war Ostern 2020 und die Kirchen waren leer in Deutschland. Das ist jetzt bereits ein Jahr her. Mittlerweile haben wir uns fast schon daran gewöhnt, und doch herrscht eine flächendeckende Unzufriedenheit.

Der Bundespräsident spricht bei seiner Osteransprache von einer Vertrauenskrise. Davon, dass Durchhalteparolen keine Wirkung mehr hätten. Er hat Recht. Allerdings ist die Frage auch, ob Parolen je das richtige Mittel zur Erreichung von Vertrauen waren. Was in der öffentlichen Diskussion manchmal vergessen wird, ist, das Vertrauen nie ein Naturgesetz war. Politiker, dieser Tage manchmal mehr Gestalten als Gestaltende, brauchen im normalen Tagesgeschäft schließlich kein Vertrauen. Vertrauen braucht man nur dann, wenn es um etwas geht, und man keine Garantie für den Erfolg geben kann.

Es gibt verschiedene Arten von Vertrauen. Vertrauen zu seinen Eltern beispielsweise, eine Art Urvertrauen, häufiger wohl zur eigenen Mutter. Dazu gehört zum Beispiel, dass man seinen Eltern als Kind glaubt, es gäbe den Osterhasen, statt auf die Idee zu kommen, dass die Eltern die Geschenke ja auch selbst versteckt haben könnten.

Vertrauen läuft manchmal auch automatisch ab. Lassen Sie mich das kurz erzählen, denn dabei kommen bei mir direkt Erinnerungen an eine Fahrradtour mit meiner Familie hoch. Ich war damals schätzungsweise in der vierten Klasse. Wir fuhren durch ein Waldstück, dass am Hang lag, und als wir im Tal ankamen, mussten wir eine viel befahrene zweispurige Straße überqueren. Wir fuhren ein kurzes Stück und nutzen dann die Abbiegespur an einer Kreuzung. Die entgegenkommende Spur war hinter einer Böschung verborgen. Ich wollte gerade losfahren, als meine Mutter „Stopp“ rief. Wenig später schoss ein Auto auf der Gegenfahrbahn an uns vorbei. Im Bruchteil einer Sekunde nur, hatte ich entschieden, nicht loszufahren. Reflexartiges Vertrauen auf das Urteil eines anderen, dem man selbst zutraut als sich selbst, das ist wahrscheinlich vor allem kindisch. Aber: Das war eine Situation, wo es wirklich auf etwas ankam, auch wenn ich zugebe, dass es wenig Vertrauen bedeutet, ein Risiko nicht einzugehen. Und das sieht man auch in der Politik: Dass das Vertrauen paradoxerweise sehr davon abhängt, wie erfolgsversprechend das Unterfangen ist. Es scheint fast so, dass man es eher dann bekommt, wenn man es eigentlich gar nicht mehr benötigt. Fast fraglich demnach, ob Vertrauen der Wert ist, den wir aktuell in den Fokus nehmen sollten.

Warmer Frühlingswind bläst herüber. Ich blicke über den Marktplatz unseres kleinen Dorfes hinauf zum Turm, auf dem ein goldener Hahn thront. Als ich weiter spaziere, wundere ich mich. Es ist schon ironisch, dass die evangelische Kirche für ihre Turmspitze das Symbol jener Nation auswählte, in der sie später so unerwünscht war. Oder das Kreuz, Symbol für die Hinrichtungen im antiken Rom. Die Demokratische Partei in den Vereinigten Staaten hat diese Form des Perspektivwechsels später perfektioniert, indem sie voller Stolz einen Esel zu ihrem Parteisymbol erkor. Dabei merkt man: Selbstbewusstsein, „positive Energie“, das ist der erste Schritt zu Vertrauen. Es ist jedoch mehr als Selbstbewusstsein, denn was auch klar wird: Für Vertrauen benötigt man immer Feinde. Das mögen jene sein, die einen verfolgen, jene, die die eigene politische Kampagne in den Schmutz ziehen möchten, oder etwas viel Unpersönlicheres, wie zum Beispiel eine Pandemie. Denn um zu vertrauen, braucht man auch etwas an das man glaubt, man braucht etwas dem man widersprechen kann. Und wenn es nicht welche gebe, die einem nicht vertrauen, wäre die Dimension Vertrauen in gewisser Weise irrelevant.

Die Kirchen in Deutschland haben unabhängig von der Pandemie schon lange eine eigene Vertrauenskrise am Hals und das ist in diesem Zusammenhang wirklich mehr als verwunderlich, denn Feinde hätte sie im aktuellen Zeitalter ja genug. Nur überzeugend ist sie nicht mehr. Es fehlt die Sicherheit, die ich in Form eines 5-Teile-Edelstahl-Kochtopfsets bekomme, wenn ich beim Einkauf bei Lidl meine Treuepunkte sammle. „Was bringt mir das?“, fragt sich heute jeder bei allem, und sagt an der Kasse nicht nur, dass man keine Paybackkarte besitzt, wobei man sich dann denkt, dass das sowieso eine Abzocke ist, sondern verneint auch sogleich den Glauben an ein übernatürliches allwissendes Bewusstsein und zweitausend Jahre christliche Kulturgeschichte. Die Verhältnismäßigkeit ließe das auch gar nicht anders zu.

Aber, und das ist vielen in der Kirche längst nicht klar genug: Für die Kirche ist das ist eine ernstzunehmende Existenzfrage, denn Glaube selbst ist nicht irgendeine eine Form von Vertrauen, sondern wahrscheinlich die Ultimative. Selber schuld, mag mancher denken: Es gibt schlicht keine guten Antworten auf wichtige Fragen der Gerechtigkeit, die man meistens nur durch Taten beantworten kann. Lutherdeutsch oder Floskeln aus den 1950er Jahren werden heute nicht gehört, wenn man irgendeine Bedeutung überhaupt verstehen könnte oder wöllte.

Machen wir nicht den Fehler, daraus gleich zu schlussfolgern, dass unsere Gesellschaft kein Vertrauen mehr habe. Vieles kann die kirchlichen Angebote in der modernen Welt deutlich besser ersetzen, als man denkt. Und deutlich mehr ersetzt das, was Kirche und Glaube einst geleistet hat, als man sich das im ersten Moment bewusst wäre. Statt eines Pfarrers gibt es heute Seelsorger, statt des Gebets rufen wir unsere Wünsche und Vorstellungen in den großen Bedeutungsraum einer globalen Weltgemeinde hinein, mit dem Unterschied, dass uns hier klare Antworten sicher sind. Alles wird bewertet, 1 bis 5 Sterne. Und wozu benötige ich da selbst noch Werte? Nur, um andere zu bewerten.

Während der Bundespräsident spricht zoomt die Kamera immer näher sein Gesicht, das wirkt fast ein wenig manipulativ, so als wöllte man die Bürger davon überzeugen, dass sie ihm nahe sind, dass sie ihm vertrauen können. Er spricht davon, wie die Pandemiebekämpfung einen Vertrag beinhaltet habe, wo jeder, Staat und Gesellschaft seinen Teil beitragen müsse. Dieser Vertrag wurde nicht kommuniziert, und trotzdem konnte er gebrochen werden. Vertrauen ist oft erst dann existent, wenn man es im Nachhinein erwartet hätte, dass man die Sicherheit gehabt hätte, es nicht zu brauchen.

Viele fühlen sich heute, auch aufgrund all dieser Bemühungen auf der obersten Politiketage um Vertrauen, aber ferner und nicht näher, ferner als je zuvor. Und damit sind wir Jesus gar nicht so unähnlich, der am Kreuz an Ostern aufschrie: “Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Was hätte er wohl zu der ganzen Frage nach Vertrauen gesagt? Man kann nur spekulieren. Vermutlich hätte er schnaufend berichtet: „Ja… also war schon ein schwieriges Spiel, …. die erste Hälfte waren echt knallharte Angriffe. Haben gut verteidigt, ich stand teilweise schlecht, aber jetzt … in der Halbzeitpause, raufen wir uns nochmal zusammen, haben den Gegner analysiert und denke auch dass wir dann in der zweiten Hälfte wieder mehr Pressing spielen werden.“

Machen Sie sich bereit für eine These, die mir an diesem Osterspaziergang kam, als die Glocken verhallt waren, als nur noch Stille war. Und Vogelzwitschern. Vertrauen ist in der Politik ein leeres Wort. Es ist der letzte tote Überrest eines „In god we trust“, der Vorstellung, Gott stünde an der Seite eines in den Krieg ziehenden Nationalstaats und passe schon auf die eigenen Söhne auf. Gott als Vertrauensgeber kann heute kaum noch instrumentalisiert werden, nicht zuletzt aufgrund der deutschen Kirchenflucht, aber auch, weil die Geschichte mittlerweile weniger schnell vergessen wird. Es gibt keine Sicherheit in der Pandemie, und die Vorstellung, Vertrauen wäre die Lösung dafür, wird wohl kaum erfüllt werden. Und ich denke, dass ist ein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft, Zeichen des kritischen Hinterfragens.

Vertrauen bedeutet nämlich in der Formulierung der Politik viel zu häufig immer noch einen kindlichen Glauben an den Osterhasen, der für einen Erwachsenen, der die Fakten sieht, schlecht aufrecht zu erhalten ist. Die Menschen, die Vertrauen, vertrauen immer einer Autorität, und diese Obrigkeitsverherrlichung ist allerspätestens am Ende des letzten Jahrhunderts abgestreift worden. Wie lange die digital affinen Kinder der nächsten Jahrzehnte selbst noch an ein Konzept wie den Osterhasen glauben werden, oder ob sie irgendwann früh dieselbe Haltung wie die Erwachsenen bereits im Kindesalter einnehmen, wird sich zeigen.

In gewisser Weise ist Vertrauen das Futur II der gesellschaftlichen Grammatik. Aber was wir jetzt brauchen, ist nicht mehr Futur II, sondern Präsenz. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus war am Ende von allen verlassen. Aber auch ohne das Vertrauen, oder gerade weil er alleine gelassen wurde, werden musste, hat er zumindest in der biblischen Erzählung am Ende triumphiert.

Wenn ich an die Fahrradtouren mit meiner Familie denke, dann verbinde ich damit immer auch viel Freiheit. Der kühle Wind und die Sonne, die auf der Nase kitzelt. Vertrauen in unsere Gesellschaft und unsere Politik leben wir immer dann, wenn wir sie nicht verlangen. Wenn es nicht notwendig ist, darauf hinzuweisen. Aufrufe zu immer mehr Vertrauen offenbaren nur, wie viel Angst Politiker in dieser kritischen Zeit haben. Da man die Kontrolle über so vieles verloren hat, versucht man sich nun auch an dem, was gar nicht kontrolliert werden kann.

Auf dem Rückweg komme ich wieder an der Kirche vorbei. Sie wirft einen langen Schatten auf den Marktplatz. Vielleicht ist das mit dem beschworenen Vertrauen doch keine Illusion. Denn alles was sich auf der obersten und breitesten gesellschaftlichen Ebene abspielt, ist am Ende nur ein Resultat der menschlichen Natur in konzentrierter Form. Alles was sich manifestiert, hat am Ende in irgendeiner Interpretationsebene zumindest teilweise recht, ganz egal was man darüber auch denken mag. An Ostern ist das genau die richtige Botschaft: Vertraue!

16:15 04.04.2021
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