Schweden - der Fels in der Brandung

Schwedens Coronapolitik Schweden hat in der Coronakrise einen anderen Weg eingeschlagen als die meisten anderen Länder und dafür viel Kritik bekommen, doch ist diese berechtigt?
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Viel über Schweden gibt es in den deutschen Medien normalerweise nicht zu sehen, ab und an mal wenn der ESC mal wieder gewonnen wurde oder Zlatan mal wieder für die Nationalmannschaft geglänzt hat aber ansonsten gibt es nicht viel zu berichten über das lange Land im Norden Europas. Doch in den letzten Wochen und Monaten wird man als Deutsch-Schwede täglich mit Berichten förmlich überschüttet. Wie in so vielen Bereichen hat auch hier Corona zugeschlagen.

Der schwedische Sonderweg in der Krise sorgt für viel Aufmerksamkeit. Vor allem Kritik schlug der schwedischen Regierung rund um Stefan Lövfen und dem Epidemologen Anders Tegnell, der Vorsitzende der schwedischen “Folkhälsomyndigheten” die in der Krise ähnlich wie das RKI in Deutschland der Regierung zur Seite stehen, entgegen. Die vergleichsweise hohen Todeszahlen (im Verleich zu den Nachbarländern) sorgten für alles von Kritik bis Hass gegen das Land im hohen Norden. Doch nicht nur im Ausland gab es Kritik, etliche Forscher innerhalb von Schweden schrieben einen gemeinsamen Brief in der scharfe Kritik an die Regierung gerichtet wurde.

Doch langsam aber sicher weicht die Kritik dem Lob. Der Oxford-epedimologe Carl Heneghan lobte Schweden, man würde im Gegensatz zu Großbritannien den Kopf kühl halten. Auch die WHO lobte zuletzt. Der “schwedische Weg” könne in Zukunft für Pandemiepläne zu Grunde liegen. Hat Schweden etwa von Anfang an die richtigen Schlüsse gezogen?

Um den schwedischen Weg zu verstehen braucht es ein Verständnis der schwedischen Kultur. Der übliche Schwede hält sich sowieso gerne fern, social distancing wird auch ohne Corona bereits vorgelebt wie sonst wohl nirgendwo in Europa. Und auch die Unterstützung für den Staat ist sehr groß, selbst ungeschriebene Regeln werden ohne Widerrede befolgt, das kann von Zeit zu Zeit auch mal nerven, als jemand der die deustche Debattenkultur gewohnt ist.
Aus der Sicht betrachtet macht der schwedische Sonderweg unmittelbar mehr Sinn. Es braucht einfach keine starken Maßnahmen, Empfehlungen - so in Schweden üblich - reichen normalerweise aus damit die staatstreuen Schweden ihren Verpflichtungen nachkommen.

Schwedens Sonderweg ist also gar kein richtiger Sonderweg sondern ein Ausdruck von Vertrauen in die eigene Bevölkerung. Denn auch in Schweden will man keineswegs - wie häufig in etlichen Medien behauptet - eine unkontrollierte Ausbreitung um eine Herdenimmunität zu erreichen. Man versucht - genauso wie in Deutschland und überall anders auch - die Kurve nach unten zu drücken um die Krankenhäuser zu entlasten. Jedoch baut man seine Politik nicht auf Vermutungen auf, auf Annahmen, sondern Langlebigkeit und Empirie. Die Maßnahmen sollen möglichst lange durchgehalten werden, Lockdown oder Ausgangsbeschränkungen so immer wieder von Tegnell geäußert, ist keine Option. Und wenn es neue Erkentnisse gibt werden eben strängere Maßnahmen gezogen, immer mit Blick auf die Verhältnismäßigkeit. Damit weder die Wirtschaft zu stark leiden muss noch die Demokratie und die Freiheit der Bevölkerung. In Deutschland habe ich immer mehr das Gefühl von Panik bei den Politikern, sowohl bei den Diskussionen um Schulen und Geschäften als auch allgemein bei den Lockerungen. Einen langfristigen Plan für das Leben mit Corona sucht man vergeblich. Doch gerade den muss es geben. Denn ob und wann wir einen Impfstoff bekommen ist unklar, klar aber ist es wird länger dauern. So lange, dass wir Pläne brauchen. Pläne um die Wirtschaft, und damit Millionen von Jobs, Arbeitnehmern, Kleinunternehmen usw, zu retten. Pläne um trotzdem die Kranken- und Todeszahlen niedrig zu halten. In Schweden kriege ich zunehmend das Gefühl der Gelassenheit, jedoch immer mit der nötigen Ernsthaftigkeit damit die Bevölkerung die Maßnahmen weiterhin befolgt. Die skandinavische Ruhe eben. Der Fels in der Corona-Brandung.

15:45 05.05.2020
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