Leben-Kaufen-Sterben im Informationszeitalter

Mathematik. Wie Google, NSA & Finanzindustrie nach dem Schlüssel des Lebens suchen und warum es mal klappt – und mal nicht.
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Mathematiker betrachten eine Umgebung, sie suchen nach einem System, wollen Ordnung ins Chaos bringen. Sie wollen verstehen. Die Regeln eines kreativen, von Zufälligkeiten – so scheint es – geprägten Prozesses.

Das Ergebnis sind komplizierte Formeln mit denen die meisten von uns nicht einmal rechnen können. Mathematiker überprüfen dies und führen den Beweis, dass die Regel stimmt – oder nicht. Dafür sind die vorgegebenen Bedingungen wichtig, der Definitionsrahmen.

Ein Beispiel, wir alle kennen a² + b² = c² den Satz des Pythagoras. Er gilt für alle rechtwinkligen Dreiecke, immer. Aber halt nicht für alle Dreiecke.

Google, aber auch Amazon, Facebook und andere nutzen die Mathematik. Sie werten aus wer sich für Produkt A, B, C interessiert, der interessiert sich zu 90% auch für Produkt D. Produkt E aber würden diese Kunden nie kaufen, u.s.w. Das Ergebnis dieser Algorithmen, sehen Sie z. B. als Werbung auf Webseiten. Es geht darum unser Verhalten zu messen, und noch mehr – es vorherzusagen. Marktforschung im Informationszeitalter. Und jede Information, jeder Mausklick perfektioniert das System um dem kommerziellen Interesse zu dienen. Das funktioniert gut – sogar sehr gut. Und es stellt für die Unternehmen eine Verbesserung dar. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Werbung beim potentiellen Kunden landet steigt. Henry Ford’s alte Weisheit: „Die Hälfte des Geldes für Werbung ist rausgeschmissenes Geld, man weiß nur nicht welche Hälfte“, sie stimmt nicht mehr.

Die Effizienz steigert sich – im Prinzip positiv.

Aber, wer diesen Algorithmus kontrolliert, kontrolliert auch was Kunden angeboten wird. Was heißt das? Diese geballte Macht und das ist es letztlich, konzentriert sich auf einige wenige Konzerne: Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft. Wie viele Leute kennen Sie, die kein „Kundenkonto“ oder Produkt von einem dieser fünf haben?

Ob Produkte überhaupt auf den Markt kommen, auch diese Entscheidung wird mittlerweile so getroffen. Damit entscheiden eine Handvoll Unternehmen, was Sie überhaupt kaufen können – denn wie sollen Sie denn Produkte finden, wenn sie nicht im Algorithmus vorkommen?

Staaten haben auch solche Interessen. Sie wollen aber weniger wissen was wir kaufen werden, Staaten wollen wissen, wo müssen sie kriminelle suchen? Wo werden sie das nächste Mal zuschlagen? Und bei Terroristen – erst recht.

Können so nicht gleich Verbrechen verhindert werden? Science Fiction meinen Sie? Nein, in den USA wird es bereits angewandt. IBM hat eine Technologie entwickelt die Verbrechen und deren Orte vorhersagt. Einen Werbespot für Predictive Crime Fighting hat IBM auch schon gedreht. Minority Report lässt grüßen.

Gleiches gilt für die öffentliche Meinung, ob in Demokratien oder nicht, die Mächtigen wollen wissen wohin sie geht. Was trägt das Volk mit? Revolution oder Bestätigung? Die US-Wahlkämpfe sind ein Beispiel dafür. Kein Dollar aus dem Wahlkampfbudget soll verschwendet werden. Optimierung, Perfektionierung. Es braucht nur eine solide Datengrundlage – und die Zahlenfüchse machen sich ans Werk. Wo macht es Sinn um Stimmen zu werben, wo ist es vergebens, wo bekomme ich die Wähler ohnehin? Straßen genau. Obama richtete seine Wahlkämpfe anhand von Datensätzen aus, wie wir wissen – erfolgreich.

Und was macht die Finanzindustrie? Auch sie wollen in die Zukunft sehen. Wie entwickelt sich eine Aktie, wohin geht der Ölpreis? Und gerne auch mit etwas komplizierten Finanzprodukten, wie Derivaten.

Fischer Black und Myron Samuel Scholes haben die Wunderformel (Black-Scholes-Modell) dafür gefunden und wurden dafür mit dem Nobelpreis geehrt.

LTCM (Long-Term Capital Management) war der erste Hedgefonds der ausschließlich auf diese Formel setzte und voll darauf setzte – er ging pleite, eine Rekordpleite. Man befürchtete eine Kettenreaktion, ein Zusammenbrechen internationalen Finanzsystems. Eine weltweite Allianz aus Banken, verhinderte schlimmeres und rettete den Fonds. Es war der Vorbote der Finanzkrise von heute.

Warum klappt das mal gut, warum scheitert es mal so katastrophal? Black & Scholes (heute immer noch in Verwendung) funktioniert wie jedes mathematische Modell nur unter bestimmten Bedingungen. Sie erinnern sich, für jedes rechtwinklige Dreieck, aber nicht für alle Dreiecke. Sind diese Bedingungen nicht gegeben, gibt die Formel ein falsches Ergebnis aus. Verhängnisvolle Ergebnisse, wenn man an die Folgen denkt.

Bei Black & Scholes waren die Bedingungen u.a. ein gleichbleibender Zinssatz zudem sich unbegrenzt Geld geliehen werden kann. Eine Bedingung die mit der Realität so ihre Schwierigkeiten hat – und dann klappt es mit der besten Formel nicht.

Während solche „Fehler“ das weltweite Finanzsystem in den Abgrund reißen, kann es in anderen Fällen dazu führen, dass Amazon Ihnen Dinge anbietet die Sie nicht kaufen wollten oder Google Ihnen Werbung zeigt die Sie nicht interessiert. Fehler die weniger tragisch erscheinen.

Wie ist es mit Kriminalität? Oder Terrorismus? Was ist wenn jemand zu 95% Wahrscheinlichkeit einen Terroranschlag verüben wird? Was sollte ein Staat dann tun? Fantasie, theoretische oder philosophische Debatte? Nein, das ist bereits Realität, sogar Alltag. Über Drohnenangriffe entscheiden die USA nach solchen Modellen. Der ehemalige Direktor der CIA und Ex-Direktor der NSA, General Michael Hayden hat dies mit den Worten „We kill people based on metadata“ in einer Debatte an der Johns Hopkins University öffentlich bestätigt.

Aber 95% sind nicht 100%, und was ist wenn in der Formel ein Fehler steckt oder außerhalb ihrer vorgegebenen Rahmenbedingungen angewendet wird?

Technologie bereichert unser Leben, es verbessern und sogar verlängern. Aber Medaillen haben Kehrseiten und Technologien können missbraucht werden. Unsere Gesellschaft muss entscheiden was sie will, aber dafür muss sie wissen worum es überhaupt geht.

00:32 12.01.2015
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