Nichts bleibt, wie es ist

Gastkommentar Beim Ende des Saarbergbaus sollten die Politiker keine großen Töne spucken

Als Spross einer Sulzbacher Familie, die seit mehr als 150 Jahren im damaligen Mittelpunkt des saarländischen Bergbaus gelebt und gearbeitet hat, habe ich seit meiner Kindheit den Zusammenbruch, ja, den Untergang des Kohlenbergbaus miterlebt.

Tagtäglich stehe ich für ein paar Minuten auf unserer Veranda und schaue über das Sulzbachtal hinweg auf eine sanft gewölbte Kuppe, in deren Innerem seit Jahrhunderten ein Kohlenflöz glost. Nicht einmal ein Kilometer Luftlinie trennt mich von dieser Kuppe, sie liegt zum Greifen nahe, und einmal in der Woche spazieren wir zu diesem Naturschauspiel hinauf. Es ist der Brennende Berg, den Goethe im Sommer 1770 besucht und in Dichtung und Wahrheit beschrieben, sein Erlebnis anschaulich erzählt hat.

Mein Lebensraum ist klein, einfach in seiner landschaftlichen Erscheinungsform, übersichtlich gegliedert und leicht erklärbar. Es ist eines der drei Kohlentäler rechts der Saar, die von langgestreckten bewaldeten Höhenrücken getrennt sind. Ein Querriegel aus Buntsandstein schließt die Täler ab. Sie seien mit dem Riegel wie die Zähne eines Kamms mit dem Kammbügel verwachsen, lernten wir in der Schule -, unser Sulzbachtal sei zwar nicht das schönste und auch nicht das fruchtbarste, aber das vollkommenste in seiner typischen Industriegestalt. Das Saarwellinger Erdbeben erinnert mich an die Industrie- und Menschenschicksale meiner eigenen Jugend. Ich denke an die durch unterirdische Verwerfungen und Erdstöße verursachten Spalten und Risse in den Außen- und Innenwänden der Häuser meiner Großeltern und Eltern, an die hässlichen Stahlschienen, mit denen das Mauerwerk zusammengehalten wurde, erinnere mich der unaufhörlichen Reparatur- und Sanierungsarbeiten, um die so genannten Bergschäden zu beheben, rufe mir die Sorgen und Nöte der Eltern und Großeltern ins Gedächtnis zurück, höre immer noch ihre Klagen über bevorstehende Widrigkeiten.

Mich bewegt das Schicksal der vom Ende des saarländischen Bergbaus betroffenen Menschen, ihres Arbeitsplatzes und ihres Lebensraums, ebenso wie die Ängste der vom Erdbeben Betroffenen. Nichts wird bleiben von dem, was einmal war, von dem, was einmal ihr Leben gewesen ist. So wie heute mein Heimatort kein blühender Lebensort mehr ist, wird das Ende des Bergbaus in Saarwellingen auch diesen Ort verändern.

Ich sehe täglich die leerstehenden Geschäftshäuser meines Heimatortes Sulzbach, die vernagelten Schaufenster, hinter denen einst die leckersten Feinkostwaren nicht nur bestaunt, sondern gekauft und genossen wurden -, hüte mich aber, große Töne zu spucken, wie sie den Politikern zwanglos von den Lippen gehen.

Obwohl seit Jahren schon von dem bevorstehenden Ende des saarländischen Bergbaus gefaselt, ja philosophiert wird: Kürzlich veröffentlichte die Saarbrücker Zeitung markante Sprüche, die diesem Entschluss vollmundig widersprechen. "Ich werde nicht müde, für das Bergwerk zu kämpfen", sagte der Vorsitzende der RAG Deutsche Steinkohle, und der Ministerpräsident unseres Landes sprach davon, den Beschäftigten im Bergbau "eine neue Perspektive zu bieten", Angela Merkel habe ihm telefonisch Gespräche mit dem Bundeswirtschaftsminister und dem Bundesarbeitsminister zugesichert. Ja, was soll ich dazu sagen? Als Urgroßenkel saarländischer Bergleute sage ich: Glück auf!

Ludwig Harig, Schriftsteller

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