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Es gibt ein bestimmtes Porträt des britischen Malers Jonathan Yeo, das hat es in sich. Yeo ist bekannt dafür, die Mächtigen, die Einflussreichen der englischsprachigen Welt zu malen, Menschen wie Rupert Murdoch, Prince Phillip, aber auch Paris Hilton.

Hier hat nun offenkundig Anthony Blair Modell gesessen, britischer Premierminister von 1997 bis 2007, heutzutage Wiedergänger der Labour-Partei und Reizfigur für viele Briten. Das Bild aus dem Jahr 2008 ist in den Hallen der Lincoln’s Inn zu sehen, einer der vier altehrwürdigen Anwaltskammern mit Sitz in London. Rechtsanwalt Blair ist Mitglied dieser Kammer, genauso wie seine Frau Cherie Booth, die der Kammer sogar als Kronanwältin angehört. Ebenfalls in der Lincoln’s Inn zugelassen ist übrigens Blairs nicht ganz heimliches Vorbild Margaret Thatcher.

So, wie Blair sich auf dem Porträt darstellen lässt, hat das eine ganz eindeutige und unmittelbare Bedeutung für den anglophonen Betrachter. Der Anblick des Bildes wird eine ganz bestimmte Saite in ihm anklingen lassen. Ausschlaggebend dafür ist die Mohnblüte im Knopfloch von Blairs hellblaugrauen Anzug. Es ist nicht Extravaganz oder gar Zufall, dass Blair sich hier mit einer Mohnblume (engl. poppy) als Boutonniere abbilden ließ.

Vielmehr steht diese gewöhnliche Feldblume für Briten (und das gesamte Commonwealth) seit den Schlachten des 1. Weltkrieges und insbesondere seit dem Aderlass von Ypern für das Sterben des Soldaten im Feld und die Gräuel des modernen Krieges. Die Blume wurde zum zentralen Motiv in einem berühmten Gedicht des kanadischen War Poet John McCrae. Zum jährlichen Waffenstillstandstag am 11. November kann man im Vereinigten Königreich Mohnblüten aus Papier oder Plastik kaufen und damit Veteranenorganisationen unterstützen. Im öffentlichen wie im privaten Gedenken spielt der Mohn eine ganz zentrale Rolle.

Genau dieses Symbol hat Anthony Blair, der Großbritannien in den Irakkrieg brachte, also ganz bewusst gewählt, um den Briten eine Botschaft zu überbringen. Sie sollte wohl von Blairs Schmerz und Bedauern angesichts der Toten künden. Doch gerade eine solche Geste wurde ihm von Vielen (auch Veteranen) sehr übel genommen. Aber ob aufrecht empfunden oder nicht, das Blair-Porträt macht Eines unmissverständlich klar: die Katze lässt das Mausen nicht.

Für Jemanden vom Schlage Blairs, einem Meister der politischen Kunst des Spin,scheint es geradezu unmöglich, nicht permanentund aktiv das eigene Image pflegen zu wollen, nicht vorauseilend die öffentliche Meinung beeinflussen zu wollen. Das betreibt er nicht nur reaktiv auf Vorwürfe hin, sondern ganz proaktiv und selbst in einer Lebensphase, in der er schon längst völlig außerhalb des Politbetriebes steht und in eine weitgehende Privatheit hätte abtauchen können, wie das viele ehemalige Spitzenpolitiker zumindest in den ersten Jahren nach ihrem Abgang zu tun pflegen.

In der Blair’schen Manier der permanenten Selbstdarstellung steht auch die vor kurzem erfolgte Veröffentlichung von Blairs Memoiren. A Journey war lange erwartet worden und wird unter Garantie ein Bestseller (im krassen Gegensatz zu Gordon Browns letztem Buch, welches ein absoluter Ladenhüter wurde). Es gehört zur Logik der Situation, dass der politikaffine Teil der Öffentlichkeit an Blairs Autobiografie (die am 8. September auf deutsch erscheint) nicht vorbeikommt. Dementsprechend groß war der Presse-Wirbel.

Die Heftigkeit der Reaktionen kann man anhand des Guardian gut nachvollziehen. Polly Toynbee legte den Ex-Granden von Labour schon Tage vor der Veröffentlichung nahe, statt sich mit medialem Ellenbogeneinsatz wieder das Rampenlicht zu erkämpfen doch einfach die Klappe zu halten. Und in der eigentlichen Buchbesprechung war dann neben aller verständlichen Faszination von Übelkeit erregenden Passagen die Rede. Außerhalb der Redaktionsstuben führt das gespaltene Verhältnis der Briten zu ihrem Ex-Premier sogar dazu, dass auch Eier fliegen.

Und was steht nun genau drin in den 700 Seiten? Herausgepickt haben sich die Rezensenten vornehmlich einen bestimmten Knaller. Die Rede ist von den Passagen, in denen Blair seinen Nachfolger, langjährigen Rivalen, aber (das wird weniger häufig erwähnt) eben auch unverzichtbaren Weggefährten Gordon Brown noch einmal so richtig abkanzelt. Jenem fehle die „emotionale Intelligenz“ völlig und Blair hätte schon immer gewusst, wie desaströs eine Brown-Regierung enden würde.

Das Scheitern des vorerst letzten Labour-Premierministers ist natürlich offensichtlich. Doch das letzte, wessen die Öffentlichkeit bedarf, sind Blairs selbstgerechte Auslassungen dazu. Man braucht sich kaum die Mühe zu machen, Gordon Browns Anteil am Niedergang von Labour ermessen zu wollen. Denn schon allein Blairs Anteil daran wäre immer schon ausreichend gewesen.

Das hängt eng zusammen mit einem weiteren Aspekt des Buches, nämlich den darin vorgebrachten Rechtfertigungen des Ex-Premiers für die britische Beteiligung am Irak-Krieg. Diese stehen wieder ganz im Zeichen der Mohnblume. Die Einnahmen aus den Buchverkäufen nämlich, man rechnet mit nicht weniger als fünf Millionen Pfund, hatte Blair schon im Vorfeld der Veröffentlichung einer Veteranenorganisation gespendet. Auch das wurde vielfach als Geschmacklosigkeit gewertet. Nicht zuletzt wohl vor dem Hintergrund, dass Blair nun in seiner a.D.-Phase in ungeahnte Einkommenssphären vordringt.

Es spricht Einiges für die Annahme, dass es letztlich der Krieg war, der den Briten die Lust an New Labour und seinen Hauptexponenten nahm. Dabei kann man durchaus diskutieren, ob die Invasion im Irak realpolitisch sinnvoll und ethisch vertretbar war. Die Art und Weise jedoch, wie der Waffengang gegen alle Bedenken und Widerstände in der internationalen Gemeinschaft, im eigenen Land, in Partei und Regierung durchgezogen wurde, hat bleibende Schäden hinterlassen und Labour als politische Kraft desavouiert. Ein religiös-bellizistisch erweckter Anthony Blair und sein PR-Paladin Alastair Campbell überzogen das Land damals mit einer regelrechten Kampagne, um diesen Krieg führen zu können. Die britischen Streitkräfte haben den Irak längst wieder verlassen, aber der Kampf um die Deutungshoheit hat nie aufgehört.

Und so fügen sich die Memoiren ein in Blairs unablässiges Ringen mit der Öffentlichkeit. Wirklich Neues wird man den Seiten also eher nicht entnehmen können. Wesentlich interessanter für eine Beurteilung der Regierung Blair sind sowieso Alastair Campbells 2007 veröffentlichte Tagebücher.

14:29 07.09.2010
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Geschrieben von

Ludwig Hasselberg

Die Pizza ist servierfaehig, wenn der Kaese gut zerlaufen und leicht gebraeunt ist.
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