Sollbruchstellen der EU - Das Schicksal Gibraltars

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Teil 1 einer Mini-Serie zu realen und potentiellen inner-europäischen Territorial-Konflikten widmet sich dem britischen Überseegebiet Gibraltar. Folgen werden Beiträge zu Schottland, Belgien und dem Baskenland.

In deutschen Medien hat ein Ereignis nur sehr wenig Niederschlag gefunden, welches in unseren Mit-EU-Staaten Großbritannien und Spanien noch richtig die Gemüter zu bewegen versteht. Es geht um weitere Annäherung in einem 300 Jahre alten Konflikt zwischen diesen beiden Nationen. Der Stein des Anstoßes ist dabei über 400 Meter hoch und ganz wörtlich zu nehmen: der Felsen von Gibraltar.

Letzte Woche also besuchte zum ersten Mal seit 300 Jahren ein Mitglied der spanischen Regierung den kleinen Nachbarn Gibraltar. Der Guardian berichtete und kommentierte. Bedeutsam ist das, weil Spanien schon seit Jahrzehnten Anspruch auf den „Affenfelsen“ erhebt – auf eine echte britische Kolonie in Europa.

Der Konflikt um Gibraltar ist vermutlich so alt wie das Dasein der kleinen Stadt als von Spanien abgetrennte Mini-Kolonie. 250 Jahre lang hat das vermutlich nur fürs gehörnte Spanien eine Rolle gespielt. Großbritannien war der mächtigste Staat auf der Erde und Mutterland so zahlreicher Eilande und Ländereien nah und fern. Rücksicht muss so ein Staat nur nehmen, wenn er es für geboten hält.

Brisanz bekam der Konflikt dann mit der Entstehung der Vereinten Nationen, der NATO und dem vereinigten Europa. Denn das spanische wie das britische Königreich sind jeweils Mitglied, mit der entsprechenden Verpflichtung zu kooperativem Umgang miteinander.

In den 50er Jahren, als im übrigen (West-)Europa mit dem Ende des 2. Weltkrieges der ewige Friede einkehrte, keimte der Konflikt um das Territorium erneut und mit bislang nicht da gewesenen Dimensionen auf. Spanien verhängte – als Reaktion auf eine Stippvisite der Queen in ihrer Kolonie – eine Blockade. In der an Belagerungen nicht armen Chronik gilt diese als die längste. Betroffen waren nicht nur der Zugang über die einzige Straßenverbindung, sondern auch die Strom- und Trinkwasserversorgung sowie der Flugverkehr. Diplomatisch flankiert wurden diese Maßnahmen durch Resolutionen vor der UN-Vollversammlung und die Anrufung des UN-Ausschusses für Dekolonisation. Ziel der spanischen Bemühungen war der Übergang Gibraltars von britischer in spanische Hoheit.

Der weltweite Dekolonisationsprozess war in den 60er Jahren in vollem Gange. Großbritannien betraf das natürlich in außerordentlicher Weise. Viele ehemals britische Territorien änderten ihren völkerrechtlichen Status, und auch in Gibraltar führte man ein von den UN gefordertes Referendum durch. Anders als in anderen Gebieten entschloss sich die überwältigende Mehrheit der „Gibraltarians“ im Referendum von 1967 jedoch dafür, weiter eine britische ‚Kolonie’ zu bleiben.

Obwohl Gibraltar aufs Engste mit der spanischen Kultur verflochten ist, blieben die Einwohner Gibraltars ihrer politischen Präferenz für Großbritannien selbst nach dem Ende der Franco-Diktatur treu: auch ein weiteres Referendum 2002 zeigte ein entsprechendes Ergebnis. Hier wurde nun sogar der Idee einer gemeinsamen anglo-iberischen Hoheit – einem mustergültig anmutendem pro-europäischem Projekt – eine klare Absage erteilt.

Trotz der schier unüberbrückbaren Gegensätze der Konfliktparteien (Spanien kann weltweit einige Sympathie für seine Versuche verbuchen, seine territoriale Integrität wieder herzustellen und ein koloniales Überbleibsel aufzulösen; auf der anderen Seite sieht die britische Regierung sich, wie unschwer nachzuvollziehen ist, dem erklärten Willen der Bevölkerung von Gibraltar verpflichtet und findet dafür Unterstützer) ist man sich seit den 80er Jahren spürbar entgegen gekommen. Der EG-Beitritt Großbritanniens 1973, der Beitritt des post-franquistischen Spanien zu NATO (1982) und EG (1985) stellten den Gibraltar-Disput in einen völlig neuen Kontext. Die Grenze Gibraltars zum spanischen Festland ist im Jahr 1985 nach fast 30 Jahren Total-Blockade wieder geöffnet worden – eine unheimliche Erleichterung für den Alltag der Menschen nicht nur in der britischen Kolonie, sondern auch in den benachbarten spanischen Grenzorten.

Weitere Schritte hin zu einer Normalisierung der Beziehungen zwischen Großbritannien und Spanien sollten folgen, wobei veränderte politische Kräfteverhältnisse in den beiden Ländern sicherlich einen Einfluss hatten. Mit Labour an der Macht in London ließ Großbritannien sein angedrohtes Veto zu einem von Spanien geforderten NATO-Kommando eben dort fallen, was wiederum den Weg freimachte für gemeinsame NATO-Manöver in Gibraltar. Und den spanischen Sozialisten ist anzurechnen, dass man 2006 in vielversprechende trilaterale Verhandlungen eintrat.

Das letzte Wort in Sachen Gibraltar ist noch lange nicht gesprochen. Und wie fragil die Beziehungen zwischen den beiden Kontrahenten heute noch sind, zeigt sich am vehementen Protest der spanischen Konservativen anlässlich des Regierungsbesuches oder am kürzlichen Zusammenstoß der britischen Marine mit spanischen Kriegsschiffen in den Gewässern Gibraltars.

Auch wenn für die Mehrheit der Menschen in Deutschland, Polen, Frankreich oder anderen EU-Staaten Gibraltar kaum schlagzeilenfähig ist – für die EU (ebenso die NATO) als Ganzes ist der Konflikt um den Felsen durchaus von Belang. Vom DDR-Beitritt mal abgesehen, sind territoriale Veränderungen in einzelnen Mitgliedsstaaten, zumal solche mit anhaftendem Disput, bisher nicht dagewesen. Wie soll die EU damit umgehen? Welche für die EU akzeptablen Lösungen kommen in Frage? Die völkerrechtliche Dimension (Selbstbestimmungsrecht der Völker vs. Territoriale Integrität der Staaten) ist vertrackt genug, um ein passendes Sujet für Doktorarbeiten zu sein.

Eines dürfte sicher sein. Egal, ob Gibraltar völkerrechtlich gesehen britisch bleibt, von Spanien und Großbritannien gemeinsam verwaltet wird oder sich gar einreiht unter die Zwergstaaten Europas – sein einzigartiges Flair wird es wohl behalten. Ein Besuch auf dem bizarren Felsen, zu dessen Füßen sich britische mit spanischer Lebensart zu etwas völlig Neuem verbindet, wird sich immer empfehlen.

Gibraltar als eigentlicher Star im Prequel zu "Der Hauch des Todes"...





Kaum weniger reich an Action – Start und Landung auf dem Gibraltar Airport...






00:17 27.07.2009
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Geschrieben von

Ludwig Hasselberg

Die Pizza ist servierfaehig, wenn der Kaese gut zerlaufen und leicht gebraeunt ist.
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