Über zu genaues Verständnis: das Sehr-wohl-Opfer einer Nicht-Debatte

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So schnell kann es gehen, so unverhofft kann es kommen.

Was hat Horst Köhler die Lust am Amt genommen, was zwang ihn zum ungewöhnlichen Schritt, als Bundespräsident – beinahe schon spontan! – zurückzutreten und damit nicht zuletzt sein ureigenes Lager in Bedrängnis zu bringen?

Er möchte missverstanden worden sein und auch Respektlosigkeit gegenüber seiner Person führt er an.

Respekt, der bekundete Mangel daran und zur Überwindung des empfundenen Mangels das verbale Einfordern von Respekt. Habe ich persönlich oft genug erlebt, als Mündel von irgendwie Erziehungsberechtigten und als Kollege von Erziehungsberechtigten. Es gibt ja keine fruchtlosere Geste als das Einfordern von etwas, das man nicht einfordern kann, was durch eben das verbale Einfordern nur noch in unerreichbarere Ferne rückt. Soviel dazu, dass man sich zu Respekt eigentlich nur verräterisch äußern kann.

Das Interview im Dunstkreis afghanischer Erde, mit dem Geschmack des Staubes auf der Zunge, den die Hubschrauber der Entourage aufwirbeln, mit dem scharf machenden Anklang des Heroenschweißes der harten Männer, die da einfach nur für Deutschland ihren Job verrichten und doch nur den Undank oder schlimmer, das Desinteresse ihrer Landsleute ernten. Da passiert es schon mal, dass einer zuviel sagt, obwohl er noch nicht einmal Klartext redet.

Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden, und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.

[Das komplette Interview zum Lesen und Hören unter www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1188781/]

Es könnte ihn übermäßig gewurmt haben, dass ausgerechnet er, der sich dem routinierten Betrieb der geborenen Berufspolitiker so fern fühlt, nun so tölpelhaft auf das durch jene verminte Gebiet tritt und das dann auch gleich zu spüren bekommt. Der schmale minenfreie Korridor war wohl durch das hochoffizielle Eingeständnis von überhaupt „Kriegszuständen“ lediglich an manchen Stellen etwas geweitet worden. Eine freie Bewegung aller Bürger in rückhaltlosen, tabufreien Gesprächen auf Augenhöhe, über Sinn und Zweck von ISAF und Enduring Freedom war wohl immer noch nicht vorgesehen. Da erklärt er zwar verschwurbelt, aber doch treffsicher, das neuere außenpolitische Selbstverständnis seiner Brüder im Geiste in fast allen politischen Gruppierungen. Die Kritikmaschinerie der embedded journalists, der geistigen Wegbereiter und klammheimlichen Komplizen springt an. Es geht eigentlich nur um PC, doch es wird auch unheimlich – wohin wird der geistige Druck letztlich entweichen, der durch Lüge, Manipulation und Wegverschweigen in einer Nicht-Debatte entstehen muss? Das neuere außenpolitische Selbstverständnis verträgt es nicht, wenn einer versucht, Worte und Taten wieder in Einklang zu bringen. Der Eine möchte dann missverstanden worden sein. Und damit macht sich der höchste Mann im Staat selbst zum billigen Bauernopfer - von Selbstrespekt wenig zu spüren. Den fordere ich hiermit ein!

17:43 31.05.2010
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Geschrieben von

Ludwig Hasselberg

Die Pizza ist servierfaehig, wenn der Kaese gut zerlaufen und leicht gebraeunt ist.
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