Und ewig lockt das Erste

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Diese Woche mal kein Rücktritt, aber doch immerhin eine gänzlich unerwartete Personalie – und für viele Menschen in diesem Land wohl eine gewichtigere Personalentscheidung als die Nominierung von Lukrezia Jochimsen durch die Linkspartei: Günther Jauch wird ab 2011 für die ARD arbeiten. Das berichtet die Süddeutsche Zeitung exklusiv.

Der Sunnyboy aus Potsdam soll auf Anne Wills Sendeplatz eine Polit-Talkshow erhalten. Die ARD gewinnt damit niemand geringeren als den mit Abstand beliebtesten Moderator. Nichtsdestotrotz will Jauch seine Unterhaltungsshow „Wer wird Millionär“ bei RTL nicht aufgeben. Nicht weiterführen wird er jedoch das langjährige Format Stern TV, welches ihn in der Gemischtwarenunterhaltung etabliert hatte. Soviel zu den verfügbaren Fakten.

Wenn ein so millionenschwerer Fisch wie Jauch den Angelhaken wechselt, kann man davon ausgehen, dass dahinter ein richtig gut eingefädelter Deal steckt. Die Süddeutsche spricht gar von „konspirativen Umständen“. Sinn ergibt mit Jauchs Wechsel eine Begebenheit, die sich Ende letzen Jahres in der ARD ereignete und über welche die Süddeutsche ebenfalls berichtete. Damals war, für viele verwunderlich, Günther Jauch als Gast im Presseclub, um über „Klima, Krise, Kanzlerin“ zu räsonieren. Vorgestellt wurde er damals als „Fernsehjournalist“. Auf Augenhöhe diskutieren durfte er mit Ulrike Hermann (taz), Hans-Ulrich Jörges (Stern) und Sabine Adler (Deutschlandfunk) – allesamt schwerste Schwergewichte der politischen Berichterstattung, denen man auch bestimmte politische Positionen zuordnen kann. Er durfte also mit ihnen, oder war es vielleicht schon andersherum gemeint? Jauch wurde in der Runde jedenfalls, das konnte man spüren, sehr neugierig beäugt.

Zu verstehen ist sein Gastauftritt, zumindest rückblickend, als ein großes Vorab-Geschenk der ARD. Und obwohl es zweier Anläufe bedurfte, um den Wechsel Jauchs zu bewerkstelligen, ist durch diese Geste klar, was die beteiligten Seiten sich vom Deal erhoffen. Im Fall des Ersten dürften die Motive so durchsichtig wie möglicherweise auch zweifelhaft sein. So jemanden wie Jauch holt man sich natürlich, wenn man denn kann und letztlich ist es egal, für welche Sendungen. Jauch – eines der bekanntesten Gesichter Deutschlands und Bundespräsident der Herzen.

Doch was könnte so einen bewogen haben, einen Wechsel in die ARD ins Auge zu fassen? Obwohl manche von einer Rückkehr sprechen, ist es wohl mehr als das, denn zwischen seiner Zeit bei den Öffentlich-rechtlichen und heute liegen ganze Zeitalter – eben massive Quoten, enorme Saläre und die schiere Unverzichtbarkeit, die mit dem Jauch des Privatfernsehens in Verbindung gebracht werden. Nostalgische Regungen werden jedenfalls nicht ausschlaggebend gewesen sein. Um mehr Geld, um höhere Quoten wird es Jauch auch nicht gehen. Da hat er erreicht, was möglich war; ein Mehr wird mit der ARD als neuem Arbeitgeber kaum möglich sein.

Man kann sich aber leicht ausmalen, was Jauch zum beruflichen Maximalerfolg noch fehlen könnte. Der Nimbus, von denen die Akteure der medialen Politikbegleitung wohl ohne zu zögern annehmen, dass er ihresgleichen anhaftet. Die Sporen, die man sich mit Anne Wills Job (und es ist nicht mehr als das) eben verdienen kann. Die Teilhabe an einem sträflich selbstreferenziellen Zirkel. Muss einem das erstrebenswert erscheinen, wenn man wie Jauch mit den Privaten verwachsen ist? Dort gibt man sich ja noch nicht mal die Mühe, wenigstens den Anschein zu erwecken, man würde den Aufgaben der Massenmedien innerhalb einer politischen Öffentlichkeit Rechnung tragen.

Vielleicht ehrt es zumindest Jauch ein bisschen, dass er den Polittalk am Sonntagabend für bedeutsam genug hält, in seinem Alter dafür einen Karriereknick zu riskieren. Und wenn man sich vor Augen führt, wen RTL als Nachfolger bereit hält, um zum neuen Zugpferd zu werden, kann man dem Menschen Jauch sein Wechselbestreben jedenfalls kaum übel nehmen. Denn wo Geissen der Nachfolger ist, wer möchte da schon Vorgänger gewesen sein?

18:34 10.06.2010
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Geschrieben von

Ludwig Hasselberg

Die Pizza ist servierfaehig, wenn der Kaese gut zerlaufen und leicht gebraeunt ist.
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