Frühstück bei Tiffany

Neu gesehen Der Klassiker mit Audrey Hepburn und George Peppard in den Hauptrollen - ein Trugbild, wenn auch ein elegantes.
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http://assets.nydailynews.com/polopoly_fs/1.162243!/img/httpImage/image.jpg_gen/derivatives/landscape_635/alg-breakfast-at-tiffanys-jpg.jpgEs gibt gute, schlechte, mittelmäßige, überragende und trashige Filme. Und es gibt die sogenannten Klassiker, die sich jeglicher objektiven Beurteilung entziehen, Filme, die stets und automatisch in jeder Fernsehzeitschrift mit der Höchstnote bedacht werden und die dem Zuschauer von vornherein und unmissverständlich suggerieren, man habe es mit einem Meisterwerk zu tun.
"Frühstück bei Tiffany" (USA, 1961) ist so ein Fall. Oskardekoriert, stilprägend, etwas gewagt (für die Zeit zumindest) und mit einer unsterblichen Audrey Hepburn in der Hauptrolle, die dem Streifen die nötige Eleganz und Erhabenheit gibt und sich regelrecht einbrennt ins kollektive Menschheitsgedächnis mit ihrer feinen Givenchy-Coture, der Sonnenbrille, ihrer langen Zigarettenspitze und der 5th Avenue als Kulisse im Hintergrund.
Und trotz alledem - was ist das doch für ein verlogenes Stück Kino!

Worum geht's?
Die 18-jährige Holly Golightly lebt in einer kleinen New Yorker Wohnung, ihren Lebensunterhalt finanziert sie mit... ja, womit denn eigentlich? Egal. Jedenfalls bekommt sie regelmäßig von irgendwelchen Männern 50 Dollar zugesteckt (ob nun als Spende oder Bezahlung für einschlägige Dienstleistungen, lässt sich nur erahnen). Offensichtlich reicht das aber gerade so für diverse Designer-Roben, die sie stolz über den gesamten Film hinweg spazieren trägt. Aber gut - geschenkt - man will ja nicht kleinlich sein. Weiter geht's. Hollys Lebenswandel besteht aus Party, Gin, Männern, Party, Gin, Männern und viel, viel bedeutungsschwangerem Geschnatter, in dessen pseudophilosophischem Wust man zwar ständig versucht ist eine gewisse Weisheit zu entdecken, dann aber enttäuscht feststellen muß, daß sich hinter der offenkundigen Banalität ihrer Interessen weder eine tiefgreifende Sinnsuche, noch ein kompliziertes Wesen verbirgt. Was bleibt, ist Hollys hysterischer Drang, sich immer wieder auf's Neue künstlich zu stimulieren, um nicht an der eigenen gähnenden Leere zu Grunde zu gehen. Menschen wie Holly geben gerne vor in irgendwelchen entfernten Sphären unterwegs zu sein, frönen aber in Wirklichkeit einer extrem nüchternen, rationalen und pragmatischen Herangehensweise an das Leben. Folgerichtig ist denn auch das Lebensziel dieser sympatischen jungen Frau definiert: Sie möchte sich, welch Überraschung, einen Millionär angeln. Doch wie es der amerikanische Zufall so will, verliebt sich der mittellose Schriftsteller Paul in Holly, der seinerseits von einer Dame aus der Gesellschaft finanziert und ausgehalten wird. Das obligatorische Happy End folgt nach knapp zwei Stunden.

Die Romanvorlage zum Film lieferte der bekannte amerikanische Autor Truman Capote. Sein Werk unterscheidet sich allerdings von der Verfilmung in einigen wesentlichen Punkten. Der Gravierendste: Es gibt kein Happy End. Paul und Holly finden zu keinem Zeitpunkt richtig zueinander, wobei Holly letzten Endes spurlos verschwindet auf ihrer beinahe schon fanatischen Suche nach einer vorteilhaften Partie. Das ist realistisch und konsequent.

Der Film "Frühstück bei Tiffany" versucht hingegen eine Illusion zu erzeugen, erzählt das typische Gegenwartsmärchen, das sich von einem klassischen Märchen vor allem durch die zentrale Botschaft unterscheidet. Während es nämlich früher richtigerweise hieß „was man sät, das wird man ernten“, dreht das Gegenwartsmärchen den Spieß quasi um. Die Message lautet nun: Das Leben ist sinnlos, es besteht nur aus guten und weniger guten Gelegenheiten, krall dir alles, nimm mit, was du kriegen kannst und du darfst dir nicht nur berechtigte Hoffnungen auf ein Lebensglück machen, es wird dir sogar garantiert.

Sicherlich ist es für den Kinogänger einfach angenehm, sich derartigen Trugbildern hinzugeben, was die Popularität solcher Filme (Pretty Woman gehört beispielsweise auch dazu) erklären würde.
Viel wichtiger und weitreichender ist jedoch die Tatsache, daß dem Zuschauer auf diese Weise versucht wird bestimmte Verhaltensmuster anzuerziehen, so daß er extrem anfällig wird für ganz vielfältige kommerzielle Manipulationen. Ein nervöser, unbefriedigter, ständig suchender, zügelloser, neurotischer Mensch ist ein sehr interessanter, wenn nicht sogar der interessanteste und beste Kunde für alle möglichen Industriezweige. Von Filmproduktionen bis zu Pharma-Erzeugnissen will schließlich alles möglichst erfolgreich und gewinnbringend an den Mann oder die Frau gebracht werden...

16:40 18.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Luganov

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