Des Teufels Advokat

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http://img263.imageshack.us/img263/6531/dermandant.jpgGeld regiert die Welt – besonders in Hollywood. Zwischen all den Animationsfilmen, Effekt- oder Actionspektakeln, die 100 Mio. US-Dollar und mehr verschlingen, wirkt Der Mandant mit seinem Budget von lächerlichen 40 Mio. beinahe wie ein sparsamer Exot. Und trotzdem lebt seine Hauptfigur den Finanzkapitalismus der Filmindustrie, lässt sich in einem noblen Lincoln durch die glitzernde Scheinwelt von Los Angeles chauffieren, in der Geld an jeder Straßenecke verdient werden kann.

„Moralische Flexibilität“ ist für Anwalt Mick Haller (Matthew McConaughey) eine notwendige Charaktereigenschaft, will er doch keine Unschuldigen schützen, sondern Schuldige retten, wofür ihm kein Mittel zu schade ist. Solange er außerhalb des Systems steht, nicht involviert ist, lässt ihn die Frage nach Recht oder Unrecht kalt. Hauptsache, die Kohle stimmt. Doch als ein aufgeklärter Zuschauer, der schon einige Vertreter des Legal-Drama gesehen hat, ahnt man, dass dieser Zustand nicht lange anhalten wird.

Der Mandant ist aufgrund des Reiche Leute-Milieus eher ein unkonventioneller Vertreter dieses Genres mit Courtroom-Thriller-Elementen, dessen Geschehnisse und Wahrheits-Rekonstruktion sich mal im Zeugenstand, mal im Kopf von Haller abspielen. Louis Roulet (Ryan Philippe) ist ungleich Samuel L. Jackson in der Grisham-Verfilmung Die Jury kein wutschnaubender Vater aus bescheidenen Verhältnissen, der die Vergewaltigung seiner Tochter rächen will. Roulet ist kein Opfer, das aus dem Affekt zum Täter wird, sondern ein kalter und berechnender Auswuchs der aalglatten Welt des Finanzkapitalismus, in der sich Haller bisher so traumwandlerisch sicher bewegte. McConaughey musste in der Rolle des Anwalts damals neben einer Auge-um-Auge-Mentalität gegen Rassismus in den Südstaaten kämpfen, dieses Mal gegen einen scheinbar übermächtigen Mandanten, der ihn nicht zuletzt wegen seiner Skrupellosigkeit fest im Griff hat.

So verwundert die latente Proll-Attitüde des Films zu keiner Zeit, auch wenn sie ab und an etwas störend wirkt. Das nonchalante, oberflächliche Selbstverständnis im Handeln von Haller wird durch die sonnige Kulisse von Los Angeles, verschiedenen Hip Hop-Songs mit satten Beats und die Inteurieurs der hippen Nachtclubs in den zahlreichen Flashbacks gespiegelt. Bei einem Ausflug in den Höllenknast von San Quentin, der einem Ausbruch aus der Scheinwelt gleicht, wird entsprechend die Farbsättigung heruntergefahren. Haller ist in der grauen Wirklichkeit angekommen, als die Bedrohung für sich und seine Familie real, die Wahrheit hinter der Lüge offensichtlich wird, für die er sich bis dahin nicht interessierte. Warum die Kamera in den dominierenden Nahaufnahmen mit Handkamera öfter heranspringt, um die Bilder noch unruhiger zu komponieren, als sie es sowieso schon sind, bleibt jedoch das Geheimnis von Kameramann Lukas Ettlin, der schon World Invasion: Battle Los Angeles bebilderte.

Der Mandant berührt kein Tabuthema wie Philadelphia, ist weniger brisant als Die Jury und vermag auch nicht so zu fesseln wie Der Klient. Dieser Thriller ist solides Handwerk, welches ab und an wichtige Fragen stellt, sie aber zugunsten einer Inszenierung opfert, die nur auf den finalen Clou abzielt. Wann dreht Haller endlich den Spieß herum, wann lässt er Roulet auflaufen, wie kommt er aus der Sache heraus? Daraus bezieht der Film seine Spannung und darauf wartet man. Nicht vergebens, aber in der Konsequenz doch ziemlich unbefriedigt, weil nur Vorhersehbares passiert. Für Geld kann in Hollywood scheinbar nicht alles gekauft werden: Originelle Drehbücher bleiben nach wie vor eher den gigantomanischen Animationsfilmen vorbehalten.


Titel: Der Mandant - Original: The Lincoln Lawyer
Regie: Brad Furman
Darsteller: Matthew McConaughey, Ryan Philippe, Marisa Tomei, William H. Macy etc.
seit 23. Juni 2011 im Kino

13:57 07.07.2011
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Geschrieben von

LuGr

"Bloggen ist nicht Schreiben. Das ist Graffiti mit Punkt und Komma." (Elliot Gould in "Contagion" )
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