Die Ideologie des Alte-Leute-Fernsehens

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Es ist immer noch ein angestaubtes Image, welches dem ZDF anhaftet. Fernsehen mit Serien-Formaten wie Forsthaus Falkenau, Der Landarzt und Der Bergdoktor spiegeln die gediegene Naturverbundenheit und das Bedürfnis nach etwas Herz-Schmerz von der Generation 50plus wider. Schwer, sich trotz der Einführung der Spartenkanäle wie ZDFneo von diesem Image zu lösen, wenn sich diese Ideologie der lebensweltlichen Repräsentation einer Zielgruppe selbst bis in die Krimiformate nachverfolgen lässt.

http://www.monstersandcritics.de/downloads/downloads/articles19/193349/article_images/Rosa-Roth-Notwehr-Sa-17-09-ZDF-20-15-Uhr_image3.jpgIris Berben als Kommissarin Rosa Roth feiert in der gleichnamigen Krimi-Reihe morgen abend um 20.15 Uhr nach fast einem Jahr Fernsehabstinenz mit der Folge Notwehr ihr Comeback. Sie steht für den Konservatismus des Senders, die Ermittlerin aus Berlin existiert bereits seit 1994 und sie löst nun ihren 28. Fall. Wer sie nur als „etablierte Marke“ begreift, irrt dabei, wirft man einen Blick auf die dargestellte fiktive Wirklichkeit. Beim Vergleich mit jener von (Früh-)Rentnern stellt man zahlreiche Überschneidungspunkte fest.

Bei ihnen herrschen Ressentiments vor gegenüber Bevölkerungsgruppen jenseits der „Mitte“. Eine linke, junge Gegenkultur, wie sie in der Folge Notwehr porträtiert wird, ist für dieses Denken der Hort der Anarchie, die Bestehendes ins Wanken versetzt. Autonome sind darin gesetzlose Brandstifter und Aufständische außerhalb des Systems, die aber dessen auf keinen Fall bemächtigen dürfen. Exemplarisch ist ein gezeigter Buttersäure-Anschlag auf ein Nobelrestaurant. Den „Bonzen“, auf deren Seite sich der Zuschauer schon längst aufgrund der gut betuchten und teuren Wein schlürfenden Ermittlerin in den 50ern geschlagen hat, wird von den Autonomen eins ausgewischt, weil sie die Mietpreise im „Kiez“ in die Höhe treiben. Wie viel Wahrheit in diesem Denken steckt, wird dabei nicht reflektiert. Stattdessen wird ganz dem repressiven Denken verschrieben verurteilt, ist eine noch stärkere gesellschaftliche Ächtung die Folge.

Ein Blick in die schicke Einbauküche aus Eichenholz und Edelstahl von Rosa Roth zeugt dabei neben ihrer love interest in Person eines biederen, aber clever daherschwatzenden, „einfühlsamen und witzigen“ Hirnforschers von einem zutiefst bürgerlichen Lebensstil, der als der einzig wahre zugelassen wird. Natürlich hat der „Böse“ und Polizistenmörder, dessen Identität hier nicht verraten werden soll, neben seiner Frau eine Liebschaft, natürlich sind Rosa Roth und ihr Kollege Körber vom Leben gezeichnet („alte Jungfer“ bzw. verschwundene Tochter), aber moralisch einwandfreie und integre Persönlichkeiten, die seit Jahrzehnten schon fleißig die CDU wählen. Auch der Mut zu originellen Stilmitteln der Inszenierung, welche eine größere Dynamik generieren, hält sich in engen Grenzen. Die Rückblenden einer verwackelten Handkamera sind deren einzige Auswüchse.

Die Krimireihe Rosa Roth wird nach den nächsten drei Folgen eventuell eingestellt, wie gestern digitalfernsehen.de meldete. Vielleicht ist dies ein erster und wichtiger Schritt, langjährige Sendeformate zu überdenken und durch frischere und frechere, eigenproduzierte Konzeptserien zu überdenken, die das Fiction-Programm des ZDF auch für die als „werberelevante Zielgruppe“ ausgegebenen 14- bis 49-Jährigen attraktiv werden lassen.

Rosa Roth - Notwehr läuft am Samstag, den 17. September, 20.15 Uhr im ZDF

19:05 16.09.2011
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Geschrieben von

LuGr

"Bloggen ist nicht Schreiben. Das ist Graffiti mit Punkt und Komma." (Elliot Gould in "Contagion" )
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