Her mit euren Nazivergleichen!

Diskussionskultur In vielen Kreisen ist es nicht gerne gesehen, wenn man unliebsame Politik mit der der Nazis vergleicht. Dabei sind diese Vergleiche gut und wichtig.
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Ich höre und lese es ständig: den Vorwurf, jemand würde den deutschen Faschismus verharmlosen, wenn er*sie ihn irgendwo zum Vergleich heranzieht.

Das Argument sieht in der Regel wie folgt aus: Wer etwas weniger Schlimmes als die Verbrechen der Nazis mit diesen gleichsetzt, stellt sie damit auf eine niedrigere Ebene, was einer Verharmlosung gleichkommt. Dieser einfachen Logik ist an sich nichts entgegenzusetzen. Wenn ich jetzt zum Beispiel sage, Putin/Merkel/Löw sei genauso schlimm wie Hitler, ist das ziemlich problematisch. Nichts bisher Dagewesenes war so schlimm wie der deutsche Faschismus. Nur sind solche tatsächlichen Gleichsetzungen nicht die Regel (auch wenn viele Gegner Israels es leider nicht lassen können).

So musste sich zum Beispiel ein Mitglied einer Facebook-Disskussionsgruppe, der ich ebenfalls angehöre, nach folgendem Post einen “Schlag ins Gesicht der Opfer [in Konzentrationslagern]” vorwerfen lassen:

"konzentrierte Zentren" (die Abkürzung lasse ich weg 😡)

Hatten wir schon!

Nie wieder!

Das Mitglied meint hier die Pläne der EU, Asylbewerber an zentralen Stellen zu sammeln. Es handelt sich um einen Vergleich und nicht um eine Gleichsetzung, weil enorme Qualitätsunterschiede zwischen einem KZ, in dem Millionen Menschen ermordet wurden, und solchen Sammelstellen nicht bestritten werden. Dass hinterher trotzdem Vorwürfe der "Gleichsetzung" laut wurden ist symptomatisch. Es gab im Übrigen auch in Nazideutschland Konzentrationslager ohne Tote. Ich finde, ob ein derartiger Vergleich passend sein kann, hängt von der tatsächlichen Umsetzung solcher Pläne ab. Herrschten an solchen Stellen menschenwürdige Bedingungen, was nach derzeitigem Stand nicht auszuschließen ist, hätten sie mit Konzentrationslagern kaum etwas gemeinsam. Insofern ist der Post in seiner Schärfe mindestens verfrüht. Nichtsdestotrotz ist die Antwort überhaupt nicht in Ordnung.

Wenn ein Vergleich gezogen wird, besagt dies lediglich, dass nennenswerte Gemeinsamkeiten zwischen zwei Dingen bestehen. Viele lehnen, wie ich unterstelle, schon deshalb Nazivergleiche grundsätzlich ab, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass Deutschland 1933-45 keine Anomalie menschlichen Verhaltens darstellt. Anders lässt sich der inflationäre Gebrauch des Gleichsetzungs-Vorwurfs nicht erklären. Man möchte nicht wahrhaben, dass damals Exemplare der Spezies, der man selbst angehört, am Werk waren. Man möchte nicht wahrhaben, dass auch Zeitgenossen, möglicherweise sogar hier im Westen, Eigenschaften in sich tragen, die damals die Shoah und den Vernichtungskrieg möglich gemacht haben.

Diese Haltung ist nicht nur eine Verkennung der Realität, sie trägt auch dazu bei, einem neuen Faschismus den Boden zu bereiten. In Wahrheit ist es nämlich umgekehrt. Wer das Kind nicht beim Namen nennt, verharmlost faschistische Elemente in gegenwärtiger Regierungs- und Oppositionspolitik. Wenn eine Partei wie die AfD ganz offensichtlich das geistige Erbe der NSDAP fortführt, auch ohne einen Massenmord zu planen; wenn sich insbesondere die CSU von einer solchen Partei vor den Karren spannen lässt (und sie damit stärkt, indem Sprüche à la “AfD wirkt” eindrucksvoll belegt werden), darf nicht nur mit den originalen deutschen Faschisten verglichen werden - es ist sogar dringend erforderlich.

Sollte jemand hier mal übers Ziel hinausschießen, so wie in meinem Beispiel aus der Facebookgruppe, tut er*sie möglicherweise dem Adressaten der Kritik Unrecht, ganz sicher jedoch nicht den Opfern des (sogenannten) Nationalsozialismus. Es ist niemandem geholfen, wenn wir uns aus falscher Rücksichtnahme nicht trauen, der rechten Gefahr ernsthaft ins Auge zu blicken.

15:24 02.07.2018
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Geschrieben von

Luis Poscharsky

M21, HH, Vater einer Einjährigen, Student Politikwissenschaft
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