Identität ist mehr als eine Laune

Race & Gender Die Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal ist weiß, verkleidet sich aber als Schwarze. Damit schadet sie letztlich denen, die am stärksten unter Diskriminierung leiden
Luisa Hommerich | Ausgabe 25/2015 7
Identität ist mehr als eine Laune
Der Fall der Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal sorgt in den USA für heftige Debatten

Foto: Youn Kwak/AFP/Getty Images

Seit fast zehn Jahren tritt die Bürgerrechtsaktivistin Rachel Dolezal als Afroamerikanerin auf, doch sie stammt von Weißen ab. Das haben ihre Eltern einem US-amerikanischen Lokalsender verraten. Hellhäutig und sommersprossig blickt sie als junge Frau von Fotos. Heute trägt sie Dauerwelle und dunklen Teint – und arbeitet als Lehrbeauftragte für Afrikastudien im Bundesstaat Washington.

Dolezals Fall verwirrt Amerika. Warum will eine Weiße als Afroamerikanerin durchgehen? Darf sie als Schwarze leben, wenn sie sich so fühlt? Und kann man das überhaupt – „sich als Schwarze fühlen“? Viele vergleichen sie mit Caitlyn Jenner, die sich im April als Frau outete, zuvor aber als Mann lebte. Wenn jeder über das eigene Geschlecht frei entscheiden kann, dann müssten doch auch alle anderen Identitäten durchlässig werden. Ist Rachel Dolezal nun Ikone einer Bewegung von Menschen, die in der falschen Haut geboren wurden?

"Race" funktioniert anders als "Gender"

Natürlich sollten Menschen ihre wahre Identität ohne Diskriminierung leben können, und natürlich ist die Kategorie „Race“ ebenso sozial konstruiert wie die Kategorie „Gender“. Doch Dolezal hat eine Grenze überschritten. Nicht nur weil sie gelogen hat. „Race“ funktioniert anders als „Gender“. Das zu ignorieren, schadet besonders jenen, die am stärksten unter Diskriminierung leiden.

Seine „Race“ kann man nicht tief im Inneren wissen. Sie ist eine Zuschreibung von außen. Kein Kind wächst auf und findet seine Hautfarbe grundfalsch. Ein Kind kann aber genau wissen, dass es ein Junge ist – trotz aller Überzeugungsversuche, er sei ein Mädchen, trotz aller Verweise auf Genitalien. Sich eine andere „Race“ zu wünschen, hat dagegen nichts mit innerer Identität zu tun. Eine schwarze Person kann sich wünschen, weiß zu sein – in Wirklichkeit leidet sie aber nicht an ihrem Schwarzsein, sondern unter Rassismus. Ein Transjunge dagegen leidet an der Wahrnehmung als Mädchen und nicht in erster Linie unter Sexismus. „Race“ wird nicht als Hautfarbe zugewiesen, sondern als Platz in der Gesellschaft. Mit diesem unzufrieden zu sein, ist keine Identitätsfrage, sondern eine gesellschaftlicher Realitäten.

Der Vergleich von Transracial- und Transgender-Personen ist schief: Dolezal wollte sich als Schwarze ausgeben. Sie hätte sich anders entscheiden können, ohne darunter zu leiden. Bei Transgender-Personen ist das anders. Der Vergleich ist somit auch der Versuch, Dolezals Verhalten als unveränderliche Identität zu legitimieren. Das schadet aber Transgender-Leuten, weil ihre ohnehin schwierigen Emanzipationskämpfe so als Launen hingestellt werden können – gleichgesetzt mit jenen, die nun aus Kalkül oder Extravaganz behaupten, sich schwarz zu fühlen.

Mit Rückfahrschein

Dolezals Maskerade ist besonders problematisch, weil sie nur in eine Richtung funktioniert. Für Schwarze ist es viel schwieriger, als Weiße durchzugehen, auch wenn das im Zweifelsfall – etwa bei rassistischer Polizeigewalt – lebensrettend sein kann.

Dolezal dagegen hätte jederzeit zu ihren weißen Privilegien zurückkehren können. Als Weiße, die eine Schwarze spielt, hat sie als Lehrbeauftragte und Aktivistin ihre Sicht der Dinge an die Stelle jener gesetzt, die von Rassismus ohne Rückfahrschein betroffen sind. Dachte sie, als Schwarze solidarischer gegen Rassismus kämpfen zu können? Rassismus ist in erster Linie ein Problem von Weißen. Sie sollten nicht versuchen, durch Aneignung und Assimilierung gute Verbündete zu sein, sondern durch kritische Reflexion ihres Weißseins.

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06:00 01.07.2015
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