Zur Hölle

Porträt Christian Herwartz zog für Flüchtlinge bis vors Bundesverfassungsgericht. In seiner Kommune heißt der Pater alle willkommen – außer Polizisten
Luisa Hommerich | Ausgabe 26/2015 6

Am Tag der Deutschen Einheit 2012 steht Christian Herwartz mit windzerzaustem Bart auf der Baustelle des Flughafens BER und hält einer Nonne ein großes, weißes Megafon hin. Sie soll frei sprechen können. Gemeinsam mit 100 Menschen aller Glaubensrichtungen stehen sie hier und demonstrieren. Denn der „Abschiebeknast“, wie Aktivisten den Gewahrsam nennen, ist im Gegensatz zum restlichen Flughafen pünktlich fertig geworden. Im Schnellverfahren wird hier die Zukunft von Flüchtlingen entschieden. Doch Herwartz und seine Mitstreiter kommen gar nicht erst bis dorthin. Ihre Plakate müssen sie außer Blickweite am Zaun aufhängen, die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH versperrt den Demonstranten alle Tore. Die Nonne spricht ins Megafon, Herwartz hält es fest, aber ihre Worte hallen ins Leere.

Fast drei Jahre später sitzt der Priester in seinem winzigen Arbeitszimmer in seiner Kreuzberger WG. Christian Herwartz ist Jesuit, er lebt mit 10 bis 15 Männern und Frauen in einer Wohnung mit sechs Zimmern, die über dem Trinkteufel liegt, der Kneipe, die sich als „Tor zur Hölle“ anpreist.

Plappern ist bürgerlich

Er ist 72 Jahre alt, trägt einen weißen Bart und schaut gütig. Wenn er redet, klingt es ein bisschen brummig. Sein T-Shirt ist mit Comicfiguren bedruckt und spannt sich als Halbkugel über seinem Bauch. Seine Cord-Handwerkerhose ist abgewetzt. Im Regal steht linke Literatur neben der Bibel, Bücher titeln Armes reiches Europa und Frieden mit dem Kapital?. Das Arbeitszimmer ist eine einfache Kammer: ein Schreibtisch, ein älterer Computer, eine Couch. Während unseres Gesprächs sitzt ein Mitbewohner neben ihm, der die ganze Zeit schweigt und manchmal nickt. Die Tür steht offen, andere Mitbewohner tragen Brötchenkörbe und Marmelade hin und her. Von hier aus will Herwartz die Welt besser machen. Als einer der letzten „Arbeiterpriester“ in Deutschland hat Herwartz mehr als 30 Jahre lang in Betrieben gearbeitet, er war Dreher und Pressenführer, obwohl er einst Theologie studiert hat. Er kommt sofort auf sein Thema. „Die Flughafengesellschaft schirmt die Öffentlichkeit vom Schicksal der Flüchtlinge ab. Das geht gar nicht“, sagt er. Mit seiner Klage gegen die Flughafengesellschaft ist er jetzt bis zum Bundesgerichtshof gezogen, das Urteil soll in den kommenden Tagen gefällt werden. „Es ist wichtig, vor den Gewahrsam zu kommen“, sagt Herwartz, „weil wir dort direkt vor der Mauer Europas stehen. Da, wo keine armen Menschen durchkommen, aber dafür das Geld, der Kapitalfluss.“ Der Kapitalfluss? Er hört sich an wie ein Dozent im Ökonomieseminar und nicht wie ein Priester. Er ist beides ein bisschen.

Die jüngste gerichtliche Klage

Was ist öffentlich und was privat, auch darum geht es in der Klage von Christian Herwartz. Der Jesuitenpater fordert die Erlaubnis, vor dem Abschiebegewahrsam für Flüchtlinge und Asylsuchende auf dem Betriebsgelände der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg seinen Protest äußern zu dürfen – durch Mahnwachen oder Kundgebungen. Bereits im August 2012 hatten er und Mitstreiter eine (verbotene) Mahnwache vor dem Gebäude abgehalten. Das neue Gefängnis befinde sich auf Privatgelände, argumentierte die Flughafengesellschaft, die dem Land Brandenburg, dem Land Berlin und dem Bund gehört. Christian Herwartz geht es mit seiner Klage aber um viel mehr: Es dürfe nicht sein, dass Einrichtungen durch ein Demonstrationsverbot dem öffentlichen Blick entzogen werden.

Die Flughafengesellschaft fürchtet einen Nachahmereffekt. Es könnte zukünftig „verstärkt gegen das Flughafenasylverfahren Widerstand geleistet werden“, wurde Herwartz mitgeteilt. Man wolle weitere öffentliche Versammlungen auf dem Privatgelände durch ein Grundsatzverbot verhindern.

Laut eines Urteils von 2011 darf an Flughäfen, Bahnhöfen, in Häfen und Einkaufszentren demonstriert werden, wenn diese mehrheitlich in staatlicher Hand sind. Herwartz hat seine Klagen schon zweimal verloren, die Richter wollen nur erlauben, im Terminalbereich zu demonstrieren. Dort, wo Leute Kaffee trinken, sei öffentlicher Raum. Weil die Richter in Herwartz’ Klage eine Grundsatzfrage berührt sehen, darf er Revision einlegen. Der Anwalt des Flughafens will diese jedoch kostenpflichtig zurück-weisen. In diesen Tagen wird weiterverhandelt. Maxi Leinkauf

Die Bewegung der Arbeiterpriester will den Bruch heilen, den sie zwischen Arbeitern und geistlichen Intellektuellen sieht. Französische und belgische Priester, oft Dominikaner und Jesuiten, gingen daher in den 30er Jahren in die Fabriken, um an der Basis zu arbeiten. Nach dem Krieg kam die Bewegung nach Deutschland. Die Kirche verbot sie zwischenzeitlich wegen kommunistischer Umtriebe, erlaubte sie aber 1964 wieder. Was wollte Herwartz bewirken an den Werkbänken? Menschen missionieren, Seelsorge betreiben? „Gar nix wollte ich bewirken“, sagt er trotzig, „ich wollte gucken, ob ich gebraucht werde, solidarisch sein. Das ist die schlimmste Seelsorge, wenn man etwas bezwecken will.“ Jesus sei auch nicht in der Nähe Gottes geblieben, sondern habe sich im Kontakt mit Armen und Kranken bemüht, Mensch zu werden, bis zum Tod.

Dafür zahlt die Kirche keinen Cent, gelebt hat er all die Jahre nur vom Lohn der Betriebe. Jesuiten-Arbeiterpriester wollen das so. Als Priester geoutet bei den anderen Arbeitern habe er sich nie. „Und die, die’s trotzdem irgendwoher wussten, die haben den Mund gehalten. Sachen weiterplappern, das ist bürgerliches Verhalten.“ Solidarität ist für ihn, sich immer wieder vor seine Kollegen zu werfen. Er muckte bei Arbeitgebern immer als Erster auf. Einmal ging er für zehn Tage ins Gefängnis, weil sich Kollegen bei einer Demo mit der Polizei angelegt hatten. Sie hielten zum Dank eine kleine Rede für ihn. Es sei manchmal gar nicht so einfach, sagt Herwartz, den Menschen anzunehmen, aber den gleichen Menschen in seiner Funktion als Polizist nicht. Polizisten dürfen nicht in seine WG.

Der Jesuitenpater setzt sich an den Computer, tippt auf der Tastatur herum und druckt ein selbstgeschriebenes Gebet aus. Es handelt von Wahrnehmung und soll in einem Buch über Straßenexerzitien erscheinen, geistliche Mediationen auf der Straße. Herwartz leitet sie regelmäßig, und er braucht kein Kloster dafür, keine Stille. Die Teilnehmer sollen nur offen und möglichst ohne Vorurteile Gott und die Menschen suchen. Simple Situationen sollen sie bewusst wahrnehmen – über die Straße gehen, in einem Café sitzen, Menschen beobachten, mit ihnen in Kontakt kommen. „Auch Moses musste erst ganz genau hingucken, bis er den brennenden Dornbusch als Zeichen erkannt hat“, sagt Herwartz. Auf seinen linken Arm hat er sich die Flammen und Dornen dieser Bibelgeschichte tätowieren lassen. Sein rechtes Tattoo zeigt einen Fisch, das Zeichen der Christen.

Vor 17 Jahren hat Herwartz angefangen, mit der Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ regelmäßig vor Abschiebeeinrichtungen zu protestieren, vor allem vor dem Gewahrsam in Köpenick. Von den dort arbeitenden Seelsorgern bekommt er Namen von Insassen zugesteckt, die besucht werden wollen. Dann redet er mit ihnen, bringt Blumen oder Schokolade. „Vielleicht“, überlegt er, „gehen mir Flüchtlinge so nahe, weil ich bis zu meinem 35. Lebensjahr nirgendwo länger als drei Jahre gewohnt habe.“

Herwartz wird in Stralsund geboren, wächst mit drei Brüdern in einem bürgerlichen Haushalt auf. Alle sind gläubig, aber ihm missfällt die Art, wie sie das nach außen präsentieren – als wäre es wichtig, was die Nachbarn denken. Die Familie zieht dauernd um, der Vater ist in den letzten beiden Kriegsjahren U-Boot-Kommandant in Singapur. Derweil erfährt die Mutter in Deutschland davon, dass es KZs gibt, und sagt nichts, aus Angst. „Das Schweigen meiner Elterngeneration war brutal“, sagt er. Manche Fragen seien zu Hause nie gestellt worden. „Für mich war es eine wahnsinnige Erfahrung, dass die Leute, die aus dem Krieg kamen, den auch noch glorifiziert haben.“ Wenn er über seine Familie spricht, redet er auf einmal langsamer, wählt seine Worte bedachter.

Die Sprache der anderen

Auf seine Internetseite hat er einen Liebesbrief seiner Mutter geladen, den sie seinem Vater schrieb, als er, der Sohn, neun Monate alt war. „Du hast einen strammen, dicken Bengel mit großen Augen und recht ansehnlichen Kräften“, steht darin. Aber Herwartz will anders leben als seine Eltern, wie so viele Kinder der Nachkriegszeit. In München und Frankfurt studiert er die Theologie der Befreiung, eine in Lateinamerika entwickelte gesellschaftskritische christliche Lehre, die die Armen von Unterdrückung und Ausbeutung befreien will. Er ist 28 Jahre alt, als ein Freund ihn zwischen zwei Vorlesungen fragt, ob er mit ihm „in die Solidarität mit den Arbeitern“ gehen will. Eine Minute braucht er, dann sagt er Ja.

Nach dem Studium wird er Jesuit, geht nach Frankreich und arbeitet in verschiedenen Städten als Lkw-Fahrer und Pressenführer. „Gastarbeiterjahre“ nennt er diese Zeit. Er hat damals gelernt, wie es ist, fremd zu sein. Dann geht Herwartz nach Berlin, wird Dreher bei Siemens, gründet 1984 die Kreuzberger WG als „Kommunität“, als traditionelle Wohngemeinschaft der Jesuiten. Alle teilen alles mit allen. Inzwischen lebt nur noch ein anderer Jesuit hier, die anderen sind Atheisten, Jüdinnen, katholische und evangelische Christen, auch Muslime, meist sind das Flüchtlinge, die einen Schlafplatz brauchen. Nachts stehen oft Menschen vor der Tür, die kein Zuhause haben, die wissen, dass sie sterben werden, psychische Probleme haben, die vor irgendwas auf der Flucht sind. Christian Herwartz lässt sie alle rein. Sie dürfen bleiben, so lange sie wollen. „Ich will hinsehen“, sagt er, „ich will mich mit Menschen konfrontieren.“ Aber welche Religion die Leute haben, ob sie überhaupt glauben, das sei ihm schnuppe. „Mission ist kein Waschmittelverkauf, sondern das Entdecken des Glaubens beim anderen“, sagt er. Dazu müsse man die Sprache des anderen lernen, sich auf den Weg machen, vielleicht auch lange Zeit gar nichts verstehen. „Und dann entdecken, dass die Weise, wie der andere seine Hoffnungen ausdrückt, gar nicht so weit entfernt ist von den eigenen Vorstellungen.“

Jeden ersten Sonntag im Monat organisiert Herwartz am Berliner Gendarmenmarkt ein interreligiöses Friedensgebet, mit Muslimen, Juden, Atheisten, Christen. Die Mauer, die er niederreißen will, stehe auch in der eigenen Kirche, manche ließen nichts an sich heran, kritisiert er. Er hat ein Buch über Missbrauch mitgeschrieben. Aber eigentlich wolle er gar keine Institutionen reformieren. In seinem kleinen Kreuzberger Universum lebt er die humanistische Praxis. Wann gerät einer wie er ins Zweifeln? Herwartz wartet kurz, dann erzählt er von einem Mann, den er in der WG schlafen ließ. Er hatte seine dreijährige Tochter von der Mutter entführt. Die Mutter war eine Trinkerin, das Kind blühte in der WG auf – doch Herwartz rang mit sich, weil er einen Kindesentführer unterstützte. „Nach drei Tagen wusste ich, dass es richtig war.“ Der Mitbewohner, der dabei ist, schweigt immer noch. Was ist Herwartz für ihn, für die anderen? Ein spiritueller Führer? Ein Guru, eine Art Heiliger?

An einem Samstagmorgen sitzen ein paar sporadische WG-Insassen mit Nachbarinnen und Bekannten um einen großen, langen Holztisch im Wohnzimmer. An den Wänden hängen Aquarelle, gemalt von Menschen, die hier mal gewohnt haben, eines soll Maria darstellen. Filterkaffee, Brot und Schnittblumen stehen auf dem Tisch. Es ist ein Ritual: Immer am Samstag wird hier ein Frühstück veranstaltet, und natürlich ist jeder willkommen. Viele begeistern sich für Spirituelles, man redet über alternative Formen der Psychotherapie und Gewerkschaften auf Kuba. Herwartz ist nicht da, er besucht gerade einen Freund in Norddeutschland. Trotzdem dominiert er die Gespräche. Wäre er anwesend, würde er womöglich eine Rede oder Ansprache halten, so wie er das manchmal tut. Die Figur Christian hält die Kreuzberger WG zusammen. Man könnte auch sagen, er macht sie zu so was wie der progressivsten Zelle der Kirche. Aber selbst bei Herwartz hat Toleranz Grenzen. Wenn einer über Wiedergeburt diskutieren will oder über Pantheismus, die Vielgötterei, geht ihm das zu weit. „Das gibt es nicht“, sagt er dann entschieden. Aber das Unrecht in der Welt ist ihm wichtiger als theoretischer Glaubensstreit. Früher brauchten die Arbeiter seine Solidarität, heute sind es die Flüchtlinge und all die anderen Prekären der Welt.

Wenn Christian Herwartz über Moses nachdenkt, dann stellt er sich vor, wie groß ihm der Auftrag erscheinen musste, das Volk Israel zu befreien. Es sei für ihn ungefähr so, als würde er den Auftrag bekommen, er allein müsse Deutschland vom Kapitalismus befreien. Aber er will doch nur den Prozess gewinnen.

Am 26. Juni war Christian Herwartz am Ziel: Der Bundesgerichtshof erlaubt nun Demos vor dem Abschiebegefängnis am künftigen Großflughafen BER.

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06:00 07.07.2015
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