Die wahren Achtziger

Filmreihe New Hollywood nach seinem Ende: Was man in einem missachteten Jahrzehnt Filmgeschichte für Entdeckungen machen kann und wie man sie macht – „The Real Eighties“

Die letzte Regiearbeit des Western- und Film-noir-Veteranen Robert Aldrich hieß in Deutschland Kesse Bienen auf der Matte, im Original klingt das wenigstens etwas poetischer: … All the Marbles. Es geht um die „California Dolls“, zwei Wrestlerinnen, die mit ihrem Manager (Peter Falk) durch die amerikanische Provinz touren und sich für viel zu wenig Geld mit ihresgleichen herumprügeln. Am sexualisierten Lowbrow-Spektakel, das solche Kämpfe versprechen, hat der 1981 produzierte Film durchaus Teil – gleichzeitig bildet er in entspanntem Rhythmus ein Stück amerikanischer Working-Class-Lebenswelt ab; und leistet außerdem, wenn Falk und seine Dolls zu Opernmusik durch staubig-ölige Industriepanoramen fahren, eine Art halbreflexive Kulturkritik.

Wenn man sich mit dem amerikanischen Kino der achtziger Jahre beschäftigt, dauert es ein wenig, bis man auf …All the Marbles stößt. Erstaunlich schnell trifft man jedoch auf Filme wie … All the Marbles: auf kleine, eher dreckige, nicht allzu gut beleumundete Genrefilme, die sich im Schatten der anlaufenden Blockbusterproduktion Erstaunliches herausnehmen durften.

Eine Ausgangsüberlegung für die Filmreihe The Real Eighties, die Nikolaus Perneczky und ich fürs Österreichische Filmmuseum in Wien programmiert haben, war, jenem Vorurteil gegenüber dem amerikanischen Mainstream-kino der Achtziger, das in ihm nichts sehen will als den Ausverkauf der New-Hollywood-Freiheiten, genau diese Art Film entgegenzusetzen – nicht die diverse Publikumsnischen addressierenden Indie-Produktionen des Jahrzehnts, sondern Filme (fast) aus der Mitte der Industrie, die den Anspruch nicht aufgeben, zu allen Zuschauern zu sprechen und die gleichzeitig einen erstaunlich klaren Blick haben für die politischen und sozialen Verwerfungen des Jahrzehnts.

Herzzereißendes Außenseiterdrama

Im Laufe unserer Arbeit haben wir bemerkt, dass wir mit dieser Idee einerseits viele offene Türen einrennen; und dass mit der konkreten Filmauswahl andererseits doch wieder niemand zufrieden ist: Wo ist David Cronenberg, wo Blade Runner? Und überhaupt, wie kann man eine solche Reihe ohne Pretty in Pink programmieren? Derartige Einsprüche zeigen, dass man das Hollywoodkino der achtziger Jahre nicht so einfach auf den einen Begriff bringen, auf die eine Erzählung festlegen kann. Die Achtziger sind noch lange kein durchkanonisiertes Jahrzehnt – gerade deshalb lohnt es sich, die Popkultur ein wenig genauer zu durchsuchen, damit neben Indiana Jones und Top Gun noch ein paar andere Bilder bleiben.

Am anderen Ende des Jahrzehnts findet man etwa einen Film wie Bill Forsyths Housekeeping – ein herzzerreißendes Außenseiterdrama um zwei Schwestern, die in den fünfziger Jahren bei ihrer Tante Sylvie in einem Kaff aufwachsen. Das fühlt sich zumindest für die Tante und die jüngere der Schwestern, Ruthie, genauso an, wie es heißt: Fingerbone. Während sich Lucille, die ältere Schwester, zu arrangieren beginnt, fallen Sylvie und Ruthie langsam aus der Welt. Am Schluss brennt das Eigenheim, und zwei Frauen machen sich auf ins Dunkel der Nacht. Sie fliehen vor jenem Unterdrückungszusammenhang, den man Gesellschaft nennt und der von Forsyths Film nicht reformiert werden will, sondern komplett zurückgewiesen wird.

Die meisten der Filme sind auf DVD erhältlich. Lukas Foerster gehört zu dem Kuratorenkollektiv „The Canine Condition“, das The Real Eighties zusammengestellt hat

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