Der Zuschauer dopt mit

Tennis Bei Doping-Diskussionen spielt Tennis grundsätzlich kaum eine Rolle. Dabei würde Fans und Offiziellen ein wenig mehr kritische Auseinandersetzung durchaus stehen.
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http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/01/Rafael_Nadal_BNP_Paribas_2012_Open.jpg/800px-Rafael_Nadal_BNP_Paribas_2012_Open.jpgFoto: Mike McCune

Am 31. Oktober 2013 veröffentlichte das ZEIT Magazin einen vierseitigen Bericht über die neuesten Ereignisse im Fall Eufemiano Fuentes, dem berüchtigten Dopingarzt, der 2006 der Mithilfe beim Doping von über 200 Sportlern, darunter auch Tennisspieler, überführt wurde. Der Verfasser des Berichts, Florian Bauer, diskutiert in dem Artikel die schwachen Anti-Doping-Gesetze in ganz Europa sowie die Idealisierung von Sportlern zu Heldenfiguren, welche vor allem spanischen Sportlern einen Heldenstatus verleihen, gegen den man nicht nur als Journalist, sondern auch als Staatsanwalt schwer ankommt.

Mit Ausnahme einer kurzen Nennung Rafael Nadals als ein Beispiel für einen international erfolgreichen spanischen Sportler wird kein Tennispieler namentlich erwähnt. Dabei gäbe es gerade diese Woche einigen Gesprächsbedarf in Sachen Tennis und Doping. Die BNP Paribas Masters, das letzte große Turnier vor dem Tour-Finale in London, sind im vollen Gange.

Auch Rafael Nadal ist dabei, nach einer fast dreiwöchigen Pause, durch die er mehrere Turniere verpasst hat. Man könnte argumentieren, er brauchte einfach mal ein wenig Ruhe, vor allem nach den anstrengenden Turnieren im schwülen China Anfang des Monats. Allerdings sei gesagt, dass er sich eine solche Pause vor wichtigen Turnieren auch im Anschluss an sein Zweitrundenaus in Wimbledon Ende Juni genehmigte, nach einem abgrundtief schlechten Spiel gegen den mehr als 100 Plätze unter ihm platzierten Belgier Steve Darcis. Nach der Pause gewann Nadal im August ohne Probleme die Masters-Turniere in Montreal und Cincinnati sowie die US Open — innerhalb von vier Wochen. Dank dieser Erfolge (und trotz knapp zwei Monaten Abwesenheit) ist Nadal nun nach nur achteinhalb Monaten auf der Tour wieder Nummer eins der Tennis-Weltrangliste.

Davor war er lange verletzt, über acht Monate musste er aussetzen. Tendonitis, eine schwere Sehnenentzündung im Kniebereich, so die offizielle Erklärung. Auch nur eine kleine Pause? Nadal unterzog sich während seiner Tour-Abwesenheit einer Behandlung, bei der ihm thrombozytenreiches Blutplasma injiziert wurde (engl.: PRP therapy). Diese Art von Therapie wurde in der jüngeren Vergangenheit von einigen Sportlern, darunter viele US-amerikanische Baseballspieler, verwendet. Sie bewirkte häufig eine überraschend schnelle Heilung der Verletzungen und anschließende Höchstperformance und zog damit die Aufmerksamkeit von internationalen Anti-Doping-Behörden auf sich. PRP-Therapien wurden trotz einiger Streitigkeiten 2010 aufgrund von fehlenden stichhaltigen Beweisen als legale medizinische Behandlungsform eingestuft.

Nach der Therapie kehrte Rafael Nadal im Februar 2013 auf die ATP World Tour zurück, spielte bislang 16 Turniere und gewann 10 davon, bei drei weiteren erreichte er das Finale. Und nach seinem gestrigen Sieg über Jerzy Janowicz (7-5 6-4) stehen auch seine Chancen in Paris nicht schlecht.

Marin Cilic, Hauptdarsteller einer der rührendsten Seifenopern der Tennisgeschichte, ist war ebenfalls bei den BNP Paribas Masters dabei. Cilic wurde im September des Dopings überführt. Bei den BMW Open in München Anfang Mai befanden sich in seinem Blut Spuren von Nikethamid, einem Aufputschmittel. Mit dem Argument, die Tablette unwissend geschluckt zu haben, ging Cilic in Berufung. Erst drei Monate nach der ursprünglichen Straftat gelangte der Fall an die Öffentlichkeit.

Am 25. Oktober 2013 gab das Gericht Cilics Berufung recht und reduzierte die Dauer seiner Sperre von neun auf vier Monate. Wer die Monate von Mai bis Oktober durchzählt merkt schnell: so lange konnte Cilic nicht mehr verboten werden zu spielen. Stimmt genau: Seine Sperre endete, und zwar um Mitternacht des — kein Scherz — 25. Oktober 2013.

Cilic konnte also schon in Paris wieder spielen, sogar ohne die Qualifikationsrunden zu durchlaufen, da noch nicht alle Punkte seiner Jahreswertung verfallen waren. Nach einem ausgeglichenen Match gegen Igor Sisling in der ersten Runde verlor er am Mittwoch sein Zweitrundenmatch gegen den zurzeit sehr erfolgreichen Juan Martín Del Potro (2009 übrigens überraschender Sieger der US Open mit 21 Jahren) mit 6-4 und 7-6.

Schlechte Dopingkontrollen? Planung? Glück? Oder doch einfach nur hartes Training? Egal, was hinter den Erfolgen und Siegen von Rafael Nadal und Marin Cilic steckt, eines steht fest: Wer über solche Spekulationen und Diskussionen Bescheid weiß, der sieht Spiele wie das zwischen Cilic und Del Potro mit anderen Augen. Und zwar nicht unbedingt immer im Hinblick auf die sportliche Leistung der Spieler. Natürlich ist die Tatsache, dass Rafael Nadal in den ersten drei Runden der diesjährigen US Open kein einziges Aufschlagspiel verloren hat, bei genauerem Nachdenken nicht großartig, sondern eher beängstigend. Viel wichtiger ist jedoch die Frage, wie sich der Tennissport als Ganzes verändert, wenn man seine Mechanismen und potenziellen Schattenseiten genauer betrachtet.

Ich argumentiere, dass sich die individuelle Begeisterung eines Fans gar nicht negativ verändern muss und der Spaß am Tennis erhalten bleibt. Denn: Betrachtet man Fälle wie den Jan Ullrichs oder Lance Armstrongs, wird schnell klar, dass sportlicher Betrug früher oder später entlarvt wird. Sollten Spitzenspieler wie Rafael Nadal, Novak Djokovic oder auch Roger Federer (der sich allerdings klar für stärkere Doping-Kontrollen eingesetzt hat) dopen oder gedopt haben, wird es irgendwann ans Licht kommen und von Fans (zurecht) geächtet werden. Bis dahin macht es kaum Sinn auf Halbwahrheiten und Vermutungen herumzureiten. Man kann sich genauso gut zurücklehnen und tolle Ballwechsel genießen. Wenn diese unrechtmäßig zustande kommen, wird man das schon irgendwann erfahren.

Viel wichtiger ist es, sich konstruktiv mit der Thematik auseinanderzusetzen. Der geneigte Zuschauer darf sich nicht von schweigenden Funktionären und immergleichen Kommentatorphrasen in die Irre führen lassen und naiv denken, dass im Tennis nicht gedopt wird. An Sportlern (vor allem an Stars wie Nadal) hängt ein ganzes System von Werbeverträgen, Stadioneinnahmen und Fernsehrechten, welches mit der Glaubwürdigkeit der Organisationen und vor allem der Sportler steht und fällt. Aber es wird auch im Tennis gedopt und mit ziemlicher Sicherheit nicht zu knapp. Nur von wem, das weiß man noch nicht.

Es gilt fast immer, dass ein solche heikles Thema erst genau dann wirklich untersucht wird, wenn es eine breite mediale Aufmerksamkeit hat. Und die hat die Frage nach Doping nicht, in keinem Sport und im Tennis schon gar nicht. Sollte sie aber, und der Zuschauer ist dazu aufgefordert, ihr diese Aufmerksamkeit zu schenken.

P.S.:

Übrigens: Wenn es nach den Verschwörungstheoretikern der Anti-Doping-Szene im Internet geht, so sind Cilic und Nadal nur die Spitze des Eisbergs.

Für weitere Informationen und Meinungen in Sachen Tennis und Doping, besuchen Sie den englischsprachigen Weblog Tennis Has A Stereoid Problem.

11:39 01.11.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukas Hermann

Ich bin freiberuflicher Autor, Musiker, Webdesigner und Übersetzer aus dem Ruhrgebiet. Ich arbeite seit 6 Jahren als Online-Journalist.
Lukas Hermann

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