Amazon sieht Rot: Gewerkschaften wollen international zusammenarbeiten

USA Im amerikanischen Mutterland hat der Online-Versandhändler jetzt eine Gewerkschaft – die erste überhaupt bei dem arbeitnehmerfeindlichen Unternehmen. Mitarbeitende hierzulande motiviert das, für ihre Rechte zu kämpfen
In Staten Island, New York City, hat der Protest der Amazon-Angestellten angefangen
In Staten Island, New York City, hat der Protest der Amazon-Angestellten angefangen

Foto: Pacific Press Agency/Imago

Wenn irgendwo vom „Beginn einer Revolution“ die Rede ist, stehen die Chancen nicht schlecht, dass in ein paar Wochen niemand mehr weiß, worum es überhaupt ging. Aber als Ende März die Mehrheit der Beschäftigten eines Amazon-Warenlagers in Staten Island, New York, für die Gründung einer Gewerkschaft stimmte, war sofort klar, warum dieses Ergebnis von historischer Bedeutung ist: In den USA gab es bislang schlichtweg keinen einzigen Amazon-Standort mit gewerkschaftlicher Vertretung.

Die Mitglieder der neu geschaffenen Amazon Labour Union (ALU), angeführt von Chris Smalls, der im Frühjahr 2020 nach einem Protest für besseren Arbeitsschutz von Amazon gefeuert wurde, hatten zuvor unzählige Gespräche mit ihren Kolleg*innen geführt und so den nötigen Zusammenhalt aufgebaut, den es im Kampf gegen ein globales und gewerkschaftsfeindliches Unternehmen wie Amazon braucht.

Bemerkenswert ist, was seit der Gründung passiert ist. Amazon-Angestellte von über 100 Warenlagern haben sich bei der ALU gemeldet, um eine Gewerkschaftsgründung an ihrem Standort zu diskutieren. Die zwei wichtigsten linken Politiker*innen des Landes, Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez, besuchten Staten Island am vergangenen Sonntag, um vor mehreren Hundert Leuten ihre Unterstützung für kommende Initiativen auszudrücken.

Die erste Gewerkschaft im Mutterland von Amazon sei eine „Motivation“, sagt Andreas Gangl, der im hessischen Bad Hersfeld arbeitet. Die ALU sei eine Bestätigung dafür, dass Gewerkschaften „von der Belegschaft kommen müssen“ – und nicht von Bürokrat*innen außerhalb der Betriebe. Gangl ist sowohl bei Verdi als auch bei den Amazon International Workers, einem losen Kollektiv von Beschäftigten verschiedener Länder, aktiv. „Ich reib das meinen Vorgesetzten unter die Nase: Ich bin vernetzt, ich weiß Bescheid, ihr könnt mir keine Dummheiten erzählen, ich weiß, was Sache ist“, sagt Gangl.

Besonderen Mut mache ihm, dass an seinem Standort in Bad Hersfeld immer mehr Geflüchtete in die Gewerkschaft einträten: Menschen aus Syrien oder Nordafrika, die sich trotz – oder gerade wegen – ihres unsicheren Aufenthaltsstatus für mehr Arbeitsrechte stark machen. Mit Sorge beobachtet Gangl dagegen, dass der Konzern immer gezielter „die aktiven Leute angeht“. Das repressive Vorgehen Amazons hat eine Wut unter den Arbeiter*innen geschaffen, die nun als „Bumerang zurückkommt“: So formuliert es Agnieszka Mróz, die im polnischen Poznań arbeitet und bei Amazon International Workers eine zentrale Rolle spielt. „Der Fall von Chris Smalls zeigt: Wenn Kolleg*innen gefeuert werden, organisieren wir uns”, so Mróz.

Mróz und Gangl schlagen eine Doppelstrategie vor: Einerseits an den einzelnen Amazon-Standorten die Belegschaft weiter aktivieren und – wo nötig – Gewerkschaften neu gründen. Andererseits sich über die Warenlager und Länder hinweg vernetzen, um schneller Informationen austauschen zu können und Streiks effektiver zu koordinieren. Noch in diesem Jahr soll das erste Treffen von Beschäftigten aus vier verschiedenen Kontinenten stattfinden.

Das Modell der national fokussierten und hierarchisch geführten Gewerkschaften sei obsolet, erklärt Mróz: „Wir brauchen keine Expert*innen, die für uns sprechen. Wir haben das Wissen, den Zugang, die Mittel zur Kommunikation und die Ressourcen, um die Machtverhältnisse zu verschieben“. Andreas Gangl sieht das langfristige Ziel sogar darin, dass „wir Arbeiter irgendwann die Firma selber führen“.

Lukas Hermsmeier veröffentlichte jüngst das Buch Uprising – Amerikas neue Linke

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