the place where i belong: im ephemeren zuhause bei scott mccloud

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die form hat hier einmal nicht ihr heim verlassen. das wiener tüwi versprüht den charme eines besetzten hauses in einem villenviertel. kein rotziges wohnhaus in einem ebensolchen bezirk also, sondern eine rotzige villa in einem villenhaften grätzel. und dann freilich, die verweigerung jeglicher sichtbarer werbung für einen godfather der amerikanischen punk-hardcore-szene. wie kann das sein? wie lässig fahrlässig ist das denn? scott mccloud spielt ein solokonzert, bei freiem eintritt, und keiner geht hin? wer kennt scott mccloud denn bitte nicht? girls against boys war eine der prägendsten und progressivsten bands der frühen 90er jahre. washington dc der flucht- und brennpunkt, touch & go, southern & co. die trägerinnen. klar, chicago und new york gehören auch dazu, samt grandioser bands und so. aber... wer scott im tüwi verpasste, darf sich ruhig in den allerwertesten beißen... vor dem konzert bereitete ersterer im famosen tüwi-garten, ganz verloren inmitten der beinahe lächerlich vielen heurigentische, einen best-of-american-hardcore abend vor: viele zettel mit songtexten und akkordgriffen stapelten sich schließlich auf einem schlichten holzstuhl auf der lauschigen bühne. auf dem zweiten nahm dann vor gezählten 12 anwesenden gästen (rainer krispel - oder war es sein double? -, der dreizehnte, verpasste den beginn, kam dann aber doch noch in die besucherzahl-wertung) scott mit lesebrille platz ("i'm looking like a fucking professor with those glasses"). nun, es geht hier nicht darum, welche songs scott spielte, freilich war black flag dabei (und als zweite zugabe auch noch sein eigenes, großartiges „rockets are red“), nein. es geht um ein berührt werden. ein berührt sein durch musik, die anders klingt, die eine utopie vermittelt, dabei mit der gefühlten realität, der ubiquitären ungerechtigkeit hart aber (endlich und notwendig!) gerecht ins gericht geht. scotts stimme und seine verstärkte akustikgitarre haben alles, was dafür nötig ist, und das war die epistemologische erkenntnis (betont betonende redundanz) des abends, die sich in mein herz einbrennen sollte: ein ganzer kosmos, eine galaxie der sehnsüchte, der töne und wörter, die einem aus dem herzen sprechen, dieses mittelfristig weiter und kurzfristig höher schlagen lassen: verzweiflung (düstere), düsteres aufbegehren. „louder and faster“ schrie eine freche stimme im publikum nach dem vierten großartigen song. was macht der coole scott? „i can do that“, sprach‘s und ließ taten folgen. diese direktheit, das lässige zulassen von egalität, von anderen stimmen, das nie gespielte, sondern das wirkliche cool-sein. leider spielte scott dann nicht den favourite aus seiner aktuellen paramount-styles-phase: „it was a real coooool time“, sprich „come to new york.“ braucht frau auch gar nicht (es waren am ende nach zwei abgängen leider nur mehr männer im publikum): come to scotts next concert. das einmal einmaligste haben fast alle deserteure dieser stadt vermutlich bereits verpasst.

20:26 09.09.2011
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Geschrieben von

lukas eckhart

musiken, filmisches, von einem gestrandeten betrachtet
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