Aber die Deadline bleibt

Gadget Die Schreibmaschine ist wieder da. Sie heißt jetzt Hemingwrite und soll bei digitaler Überlastung helfen
Aber die Deadline bleibt
Mit der Schreibmaschine produktiver arbeiten – will man das?

Foto: Chaloner Woods/Getty Images

Der Designer Adam Leeb arbeitet gerade an einem neuen Gadget für Hipster. Die Hemingwrite hat das Design und den Anschlag einer Schreibmaschine und gleichzeitig Display, WLAN und Kompatibilität mit Cloud-Diensten. Texte können so ins eigene E-Mail-Postfach hochgeladen werden. Dem Entwickler zufolge soll man vor allem deshalb leichter schreiben können, weil man vor dem Gerät nicht ständig von Nachrichten und sozialen Netzwerken abgelenkt wird. Denn mit der Schreibmaschine soll man nur eins können: schreiben eben. Die Akkulaufzeit beträgt mehrere Wochen, wer also einen Roman oder ein Strategiepapier zur Lösung der Probleme der Welt in Angriff nehmen will, kann sich mit dem Gerät in einer einsamen Hütte im Wald verkriechen und ungestört von Facebook und dem E-Mail-Postfach am Werk arbeiten. Freilich darf man dann sein Smartphone nicht mitnehmen.

Finanziert wird das Projekt über kickstarter.com, das Crowdfunding-Portal für Kunst- und Designprojekte und Start-ups. Nach eigenen Angaben haben die Entwickler von 1.096 Personen fast 350.000 US-Dollar erhalten, um die Idee zur Marktreife zu entwickeln. Kann das Erfolg haben? Für das Bedürfnis nach digitaler Abstinenz habe ich einiges Verständnis. Moderne Technologien und soziale Medien beherrschen unser tägliches Leben. Viele Menschen leiden unter dem ständigen Erreichbarsein und fühlen sich allen möglichen Informationen ausgeliefert. Ich selbst bin vor fünf Wochen umgezogen und konnte mich noch nicht überwinden, mir einen WLAN-Zugang zu besorgen. Zum einen wohl, weil ich Angst vor dem Chaos und der Intransparenz dieser Telekommunikationsgesellschaften habe. Zum anderen, weil es mir gut gefällt, abends einfach zu lesen, ohne mich nebenher mit E-Mails, irgendwelchen Online-Petitionen oder Youtube zu beschäftigen. Originell ist auch, wie in der Hemingwrite die Anschlussfähigkeit an neueste Technik mit einer nostalgischen Anmutung versöhnt wird.

Ich fände es ganz romantisch, wenn Menschen sich mit den technikkritischen Aufsätzen von Martin Heidegger und Frank Schirrmacher in eine Hütte zurückziehen und sich selbst an der Lösung der Welträtsel versuchen. Viele betrachten Schreiben ja als Möglichkeit, sich selbst auszudrücken. Und die Erfüllung eines solchen Bedürfnisses ist doch jedem zu gönnen. Andererseits könnten Leute, die die Hemingwrite kaufen, weil sie ablenkungsfrei schreiben wollen, auch einem Selbstbetrug unterliegen. Es gibt ja nicht nur Gelegenheiten des Sich-ablenken-Lassens, es gibt auch Ursachen dafür. Man hat vielleicht einfach keine Idee, ein Thema wächst einem über den Kopf, oder man ist schlicht und einfach überarbeitet.

Im Zeitalter der Schreibmaschine gab es sie ja auch schon – die Prokrastination von Schreibarbeiten. Filme von Oskar Roehler (Quellen des Lebens zum Beispiel oder Die Unberührbare) zeigen, wie Schriftsteller vor der Schreibmaschine und dem leeren Blatt Kette rauchen und sich um ihr Talent und ihren Verstand trinken. Da ist es ein zivilisatorischer Fortschritt, wenn man sich von Petitionen gegen TTIP oder Tinder ablenken lässt. Das größere Problem ist doch, dass sich selbst linke Studenten heute viel zu oft daran messen, wie „produktiv“ sie am Tag gewesen seien. Wie oft hört man abends in Bibliotheken: „Schon wieder viel zu wenig geschaffft heute.“ Anstatt uns vom Internet zu befreien, sollten wir endlich mal wieder fauler werden.

06:00 21.10.2015
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
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