Der Ego-Shooter

Biografie Die Journalistin Çiğdem Akyol zeichnet Erdoğans Weg zum Autokraten nach
Lukas Latz | Ausgabe 16/2016
Der Ego-Shooter
Seit Atatürk hat kein Politiker die Türkei so stark geprägt wie Erdoğan

Bild: Ozan Kose/ AFP/ Getty Images

Ihrer gerade erschienenen Erdoğan-Biografie legt die Journalistin Çiğdem Akyol die These zugrunde, dass die jüngsten Entwicklungen des türkischen Staats kaum von einem bestimmten politischen Programm bestimmt werden, weder von Konservatismus noch von Islamismus. Was die türkische Politik heute präge, sei in erster Linie das Persönlichkeitsbild des machtgierigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Seit dem Republikgründer Atatürk habe die Türkei kein Politiker so stark geprägt wie Erdoğan. Für ihr Buch konnte Akyol Erdoğan nicht persönlich interviewen. Stattdessen hat sie mit früheren engen Vertrauten des Präsidenten gesprochen und seine Medienpräsenz ausführlich ausgewertet. So ist ihr auch ohne den direkten Kontakt ein plastisches Porträt gelungen.

Erdoğan, geboren 1954, ist als Kind einer armen und sehr religiösen Familie im Istanbuler Stadtviertel Kasımpaşa aufgewachsen. Er entstammt der großen marginalisierten Gesellschaftsschicht, deren Angehörige in der Türkei „schwarze Türken“ genannt werden. Im Gegensatz dazu werden die säkularen und nationalistischen Bildungsbürger, die traditionell die wichtigen Positionen in Politik, Militär, Wirtschaft und Verwaltung einnehmen, als „weiße Türken“ bezeichnet. Bis heute betont der Staatspräsident seine Herkunft als „schwarzer Türke“ in seinen zahlreichen Reden und inszeniert sich so immer noch als Anti-Establishment-Politiker.

Stark benachteiligt

Familiäre Geschlossenheit ist ein wichtiger Teil des Wertesystems, das er propagiert. Nach seinen Eltern ließ er Schulen und Krankenhäuser benennen. Gelegentlich verklärt er den Prügel, mit dem sein Vater ihn erzogen hat. Er hält nach jeder Wahl eine Rede auf dem Balkon der Parteizentrale, bei der seine Frau und all seine Kinder hinter ihm stehen. Er besuchte eine religiöse Imam-Hatip-Schule. In der kemalistisch säkular geprägten Türkei wurden die Absolventen dieser Schulen stark benachteiligt. Erdoğan war in seiner Studienwahl sehr eingeschränkt. Er holte das Abitur auf einem staatlichen Gymnasium nach und studierte Wirtschaftswissenschaft. In seiner Jugend fällt er nicht nur als besonders religiös auf, sondern auch als sehr talentierter Fußballspieler. Vor dem Vater hält er sein Hobby geheim, weil der sehr konservative Muslim nicht geduldet hätte, dass sein Sohn beim Sport kurze Hosen trägt. Wegen des Drucks der Eltern muss Erdoğan ein Angebot des Profi-Clubs Fenerbahçe Istanbul ablehnen.

Als erstes einschneidendes politisches Ereignis erlebt Erdoğan den Militärputsch des Jahres 1960. Der konservative Adnan Menderes war seit 1950 mehrmals mit einer absoluten Mehrheit im Amt des Ministerpräsidenten bestätigt worden. 1961 wird er mit 14 weiteren Vertretern seiner Regierung zum Tode verurteilt und exekutiert. Erdoğan ist zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt. Er erinnert sich, wie die brutale Erniedrigung Menderes’ und die Todesurteile seine Eltern schockieren. Akyol vermutet, dass die Erinnerung an Menderes’ Hinrichtung bei Erdoğan eine große Angst vor Machtverlust auslöst. Aktualisiert wird diese Angst wohl später, als der demokratisch gewählte ägyptische Präsident Mohammed Mursi 2013 nach einem Jahr Regierungszeit aus dem Amt geputscht und 2015 zum Tode verurteilt wird.

Mit 16 Jahren schließt er sich der gerade entstandenen islamistischen Millî-Görüș-Bewegung an. An der Spitze der Bewegung steht Necmettin Erbakan, von 1995 bis 1996 Ministerpräsident des Landes. Erbakan wird der politische Ziehvater Erdoğans. Seine Parteien erzielen zwar Wahlerfolge, sie werden aber stets rasch verboten, weil sie der streng säkularen türkischen Verfassung zuwiderlaufen. Erbakan ist geschickt darin, immer wieder neue Parteien zu gründen. In diesen tritt Erdoğan früh als charismatischer Redner in Erscheinung. Er wird Funktionär und leistet es sich trotz des Unmuts seiner traditionalistischen Parteigenossen, weiter Fußball zu spielen. Als Politiker wird Erdoğan immer wieder fußballerische Tugenden zeigen, vor allem einen unbedingten Durchsetzungs- und Siegeswillen.

1994 setzt er sich nach langem Ringen gegen Parteichef Erbakan durch und wird Spitzenkandidat für die Wahl des Istanbuler Bürgermeisters. Er gewinnt und feiert als konservativer Bürgermeister in der weltoffenen Metropole überraschende Erfolge. Er dämmt die Luftverschmutzung ein, pflanzt neue Bäume, verbessert die Wasserversorgung, blamiert sich aber auch mit verstaubten Ansichten. So bezeichnet er Ballett als „pornografisch“ und „kulturimperialistisch“. 1998 erhält er lebenslanges Politikverbot und wird wegen „Aufstachelung zur Feindschaft“ zu zehn Monaten Haft verurteilt. Der Anlass der Verurteilung wirft ein tragikomisches Licht auf die Causa Böhmermann: Bei einer Rede in Siirt hat er ein Gedicht mit religiösem Inhalt rezitiert, das den Normen der kemalistischen Verfassung angeblich zuwiderläuft. Dabei findet sich Ziya Gökalps Gedicht in Schulbüchern. Das Urteil ist offensichtlich politisch.

Absolute Mehrheit

2001 wird er Mitbegründer und Vorsitzender der konservativen AKP. Die Partei hat ein innovatives Profil. Erdoğan argumentiert für konservative Lebensformen nicht mehr religiös im Sinne des Korans, sondern säkular im Sinne des Pluralismus. Seine Partei wird zudem ein Sammelbecken für Politiker unterschiedlicher Hintergründe, die die verkrusteten korrupten Strukturen des Landes aufbrechen wollen. Als einzige Partei richtet sich die AKP gezielt an die „schwarzen Türken“, die große Gruppe der Marginalisierten. Ein Jahr nach der Gründung gewinnt die AKP bereits die absolute Mehrheit im Parlament. Das Politikverbot für Erdoğan hebt sie kurzerhand durch eine Gesetzesänderung auf.

Mit Ausdauer hat er den strengen Laizismus des Landes aufgehoben und das Militär entmachtet. Über Jahre arbeitete er an einer Lösung des Kurdenkonflikts, um dann die Ergebnisse im Sommer 2015 jäh zu zerstören. Vom hart arbeitenden, erfolgreichen Erneuerer hat er sich langsam, so Akyol, zum absolutistisch herrschenden „Ego-Shooter“ gewandelt. Scharf und fundiert kritisiert die Journalistin Erdoğans politisches Wirken. Dabei geht sie dennoch fair vor. Sie nimmt ihn ernst und ordnet ihn keinem platten Autokraten-Klischee unter.

Info

Erdoğan. Die Biografie Çiğdem Akyol Herder 2016, 383 S., 24,99 €

06:00 04.05.2016
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz
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