Die Null muss stehen

Weltwirtschaft Morgen verkündet die US-amerikanische Notenbank Fed, ob sie den Leitzins anheben wird. Das käme zu früh, warnt nicht nur Joseph Stiglitz
Die Null muss stehen
Könnte am am Donnerstag für Turbulenzen sorgen: Fed-Chefin Janet Yellen

Foto: AFP

Viele junge Broker an der Wall Street kennen das nur aus der Theorie: Über eine Anhebung des Leitzinses hat ihnen höchstens irgendwann einmal ihr Ökonomie-Professor erzählt. Dabei war der Vorgang vor der Finanzkrise fiskalpolitische Routine.

An diesem Mittwoch und Donnerstag kommt der Offenmarkt-Ausschuss der US-amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed) zusammen, wie er dies alle drei Monate tut – und eine Anhebung des Leitzinses von Null auf 0,25 oder 0,5 Prozent ist dieses Mal nicht ausgeschlossen. Fed-Präsidentin Janet Yellen hatte angesichts positiver Trends in der Entwicklung der US-Wirtschaft für 2015 eine Zinswende angekündigt. Ob dieses nun im September oder – nicht zuletzt angesichts der akut angespannten Lage in etlichen Schwellenländern – erst im Dezember kommen soll, ist ungewiss.

Der Leitzins bestimmt, zu welchem Zinssatz sich Geschäftsbanken bei der Fed Geld leihen können. Seit Dezember 2008 liegt er bei null Prozent. Die letzte Erhöhung gab es vor der Finanzkrise, im Juni 2006. Ein niedriger Leitzins hat das Ziel, Investitionen zu befördern. Wenn der Leitzins gering ist, können die Banken günstigere Kredite anbieten. Für Unternehmen schafft das einen Anreiz zu investieren. Investitionen sollen vor allem Arbeitsplätze absichern. Es wird zugleich unattraktiver, Geld einfach in einem Sparkonto anzulegen. Denn die Zinserträge werden auch für Sparkonten niedriger. Auch die EZB hat ihren Leitzins nach und nach auf null gesenkt. Dies waren Reaktionen auf die Finanzkrise und die darauf folgende Rezession.

Yellen hat bereits den massiven Ankauf von Staatsanleihen gestoppt. Dies brachte zuvor günstiges Geld für den US-amerikanischen Staatshaushalt. Es vereinfachte die Politik der Regierung, Konjunkturpakete zur Stimulierung der Wirtschaft zu verteilen. Da sie diese Maßnahme schon beendet hat, wird vermutet, dass sie verstärkt eine Geldpolitik für Zeiten des Aufschwungs betreiben will.

Für die Erhebung des Leitzinses spricht, dass die Wirtschaftskrise in den USA zu Ende zu sein scheint. Es gibt nicht nur ein moderates Wachstum des Bruttosozialprodukts. Yellen sprach im Juni davon, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt „solide“ geworden ist. Die Arbeitslosenquote liegt in den USA bei 5,1 Prozent.

Bei vielen Ökonomen verursacht es Unbehagen, dass der Leitzins schon so lange bei null liegt. Sie sprechen davon, dass die Wirtschaft „süchtig nach günstigem Geld“ werden könnte. Die langsame Erhöhung des Leitzinses dürfe nicht zu lange hinausgezögert werden. Denn die nächste Wirtschaftskrise komme bestimmt. Wenn die Leitzinsen bis dahin so niedrig bleiben, hätten die Notenbanken kaum Möglichkeiten, auf diese Krise zu reagieren. Zumindest nicht mit einer Senkung des Leitzinses. In diesem Sinne argumentiert etwa Handelsblatt-Kommentator Jens Münchrathfür die Rückkehr zu einem geldpolitischen „Normalmodus“.

Zudem besorgt viele die Gefahr, dass die derzeit so günstigen Kredite für sehr risikoreiche Investitionen verwendet werden. Wenn Kredite aufgrund dieses hohen Risikos plötzlich in großer Zahl nicht mehr zurückgezahlt werden können, könnte es zu einer neuen Bankenkrise kommen.

Die Befürworter einer schnellen Zinswende sind allerdings in der Minderheit. Die Mehrheit der Ökonomen spricht sich gegen die Erhöhung des Leitzinses aus. Vor allem zwei Gründe führen sie dafür ins Feld: Erstens: Viele Schwellenländer sind gehörig auf Krisenkurs; Russland kämpft mit dem niedrigen Rohstoffpreise und den Handelssanktionen. Brasilien befindet sich inmitten politisch unruhigen Zeiten und wirtschaftlicher Rezession. Brasilianische Staatsanleihen gelten nummehr als unsichere Geldanlage. Vor allem aber haben die Börsencrashs in China und die währungspolitischen Interventionen der chinesischen Regierung für gehörige Unruhe insbesondere in der nördlichen Hemisphäre gesorgt. Der Economist begründet in einem ausführlichen Sonderreport zwar, dass die chinesische Wirtschaft tatsächlich auf gesunden innovativen Füßen steht; dagegen besagt eine Studie des Berliner Mercator Institute for China Studies das genaue Gegenteil.

Wenn die Fed ihren Leitzins erhöht, führt das nicht nur unmittelbar zu höherem Zinserträgen bei Anleihen, es wäre gewissermaßen ein Signal, dass die USA die Finanzkrise für beendet erklären. Dieses Signal könnte dazu führen, dass Broker plötzlich in noch höherem Maße als ohnehin schon Geld aus Schwellenländern abziehen und in den USA anlegen, weil sie von einem vermeintlich in Fahrt kommenden Aufschwung profitieren wollen. Der daraus folgende Mangel an Kapital etwa in Brasilien würde die dortige Rezession verschärfen. In China könnte ein großer Kapitalabfluss eine Wirtschaftskrise auslösen.

Außerdem argumentieren viele, die US-Wirtschaft sei weniger gesund als es scheine. „Sie wirkt nur so im Vergleich mit Europa, wo die Wirtschaft wirklich sehr krank ist“, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz im Interview mit dem Freitag (Ausgabe 38/2015, erscheint am 17. September). Tatsächlich ist die Inflationsrate mit aktuell 1,2 Prozent recht gering. Ökonomen haben sich darauf verständigt, dass eine Inflationsrate zwischen zwei und vier Prozent optimal für Stabilität und Prosperität einer Volkswirtschaft ist. Würde der Leitzins erhöht, würde dadurch weniger Geld zirkulieren. Dies würde zu einer geringeren Inflationsrate führen. Es könnte sogar Deflation drohen.

Neben der offiziellen Arbeitslosenquote von 5,1Prozent gelte es ein Augenmerk auf weitere Zahlen zu richten, sagt Stiglitz. Er hält 10,3 Prozent für eine Zahl, die die Situation auf dem US-Arbeitsmarkt adäquater beschreibe: Ein so großer Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung befinde sich in Arbeitslosigkeit, prekären Beschäftigungsverhältnissen oder ungewollt in Teilzeit. Zudem sei die Jugendarbeitslosigkeit sehr hoch, besonders unter schwarzen US-Amerikanern: 50 Prozent aller 17- bis 20-jährigen Afro-Amerikaner sind arbeitslos. Wenn die USA also tatsächlich gerade einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, dann bleiben große Bevölkerungsgruppen davon ausgeschlossen.

Durch die Krisenpolitik mag es vielleicht gelungen sein, Jobs zu erhalten. Neue Arbeitsplätze für junge Menschen konnten aber kaum geschaffen werden. Wenn die Fed weiter etwas gegen die Arbeitslosigkeit tun will, muss sie den Leitzins weiterhin bei null belassen. Die wäre die verantwortungsvollere Entscheidung.

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10:51 16.09.2015
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz

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