Doppelt Klick im Unglück

Spenden Mit einer App fürs Smartphone kann man ganz schnell Gutes tun – und es allen anderen zeigen
Ausgabe 01/2016
Essen teilen geht auch ohne App und Smartphone
Essen teilen geht auch ohne App und Smartphone

Foto: Elvis Barukcic/AFP/Getty Images

Wenn eine große Wohltätigkeitsgala im Fernsehen läuft, dann wird gespendet. Wenn Prominente Geld „für den guten Zweck“ sammeln, dann wird gespendet. Wenn mit eingeblendeter Kontonummer über eine Naturkatastrophe berichtet wird, dann wird gespendet. So sind es die Deutschen gewohnt. Überwiegend Rentner spenden in Deutschland, Angehörige der prädigitalen Generation.

Nach und nach passt sich auch dieser Markt an die Lebenswirklichkeit der Jüngeren an. Spendenwillige unter 45 Jahren zum Beispiel nutzen vor allem das Online-Portal betterplace.org. Dort werden gemeinnützige Projekte sehr unterschiedlicher Art beworben, die Hilfsbereiten können sich entscheiden, mit wie viel Geld sie welche Aktion unterstützen wollen. Innerhalb der vergangenen acht Jahre sind mithilfe dieser Plattform mehr als 28 Millionen Euro eingesammelt worden.

Inzwischen gibt es auch eine Spenden-App: ShareTheMeal von Sebastian Stricker und Bernhard Kowatsch, beide Mitarbeiter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP), soll Wohltätigkeit noch bequemer machen. Direkt über das Smartphone kann einem hungernden Kind in einem Entwicklungsland eine Tagesration Essen finanziert werden. Das kostet 40 Cent und erfordert zwei Klicks. Man kann es sich bildlich vorstellen: Während die Wohltätigen mit der einen Hand Spaghetti um die Gabel drehen, retten sie mit der anderen Hand am Handy Kindern das Leben.

Selbstverständlich ist die App in die sozialen Medien integriert. Freunde, Bekannte, Mitmenschen können benachrichtigt werden, sobald gespendet wurde. Die Erfinder erhoffen sich eine Art Wettbewerb in der Disziplin Großzügigkeit. Während ein Spendender früher meist anonym blieb, kann er sich heute öffentlich als Altruist präsentieren.

Versionen in acht verschiedenen Sprachen sind bereits auf dem Markt, auch eine deutsche. Über die App sind bisher knapp zwei Millionen Mahlzeiten geteilt worden, und ein Ernährungsprogramm in Lesotho ist bis Mitte 2016 voll finanziert. Das aktuelle Ziel: „20.000 syrischen Kindern in Flüchtlingslagern in Jordanien für ein ganzes Jahr zu helfen.“ ShareTheMeal kann vielleicht nicht (wie eine große Fernsehgala) plötzlich riesige Summen generieren, dafür ermöglicht die App einen kontinuierlichen Fluss an Geldern. Gerade über einen zu sprunghaften Anstieg beklagen sich Hilfsorganisationen oft. Nach Naturkatastrophen etwa sind manche Töpfe über alle Maßen gefüllt, für langfristige Infrastrukturprojekte kommt aber zu wenig Geld zusammen. Die Deutschen helfen gern spontan und ganz konkret.

Trotz aller Lichtblicke stellt sich die Frage, ob solche Überweisungen nicht allzu bequem sind. Ohne sich mit politischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen, gehört der flotte Smartphone-Spender auf einmal zu den Guten. Und befriedigt dieses System nicht eher die eigene Eitelkeit, als dass es nachhaltig etwas verbessert? Die Annahme, das Spenden reproduziere die politische Naivität der Spender, hält sich nicht umsonst seit langem. Sicher ist: Mit Konzepten wie ShareTheMeal bleibt die Spendenkultur wenigstens nicht im Fernsehen hängen.

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Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überallTwitter: @lukaslac

Lukas Latz

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