Dubioser Handel mit Videos

Schamgrenze Nach den Terroranschlägen in Paris werden Handyvideos und Aufnahmen von Überwachungskameras für bis zu 50.000 Euro angeboten
Lukas Latz | Ausgabe 48/2015
Dubioser Handel mit Videos
Abseitige Geschäfte: In Saint-Denis wurde nach den Anschlägen mit Videos gehandelt

Foto: Eric Feferber/AFP/Getty Images

Die US-Fernsehsender sind für ihre Berichterstattung zum 11. September 2001 harsch kritisiert worden. Der Crash der Jets, die sich in die Tiefe stürzenden Menschen,der Einsturz der Türme wurden in einer Endlosschleife gezeigt. Hinter dieser Medienpraxis ist etwas anderes vermutet worden als die Wahrnehmung des Informationsauftrags. Die Grenzen der Scham, das war der Verdacht, sind überschritten worden zugunsten der Einschaltquoten.

Auch die Bildpolitik nach den Anschlägen von Paris wirkt schamlos. Die Obszönität zeigt sich vor allem hinter der Bühne. Am 18. November haben in Saint-Denis offenbar etliche Anwohner mit ihren Handys den langen Einsatz des Polizeisonderkommandos mitgefilmt, bei dem auch der mutmaßliche Drahtzieher Abdelhamid Abaaoud erschossen worden ist. Für diese kurzen Actionfilme hat sich, wie der französische Fernsehsender FTVinfo berichtet, ein kleiner Markt gebildet. Es gibt verschiedene Tarife: Sieht man einen schießenden Polizisten, kostendie Exklusivrechte für das Video 500 Euro, hört man nur einen Schuss, macht das 100 Euro. Dieser Handel kann sowohl die Gestalt eines Schwarzmarkts als auch eines normalen Wochenmarkts annehmen. Manche zeigen den am Kauf interessierten Journalisten ihre Videos lieber abseits in einer Seitenstraße, andere sammeln sich in Gruppen und feilschen laut um den Preis. Das Geschäft haben aber nicht nur die sozial benachteiligten Jungs aus der Banlieue entdeckt. FTVinfo berichtet auch davon, dass ihm die Aufzeichnung einer Überwachungskamera für 50.000 Euro angeboten worden ist. Darin ist zu sehen, wie die Terroristen mit Kalaschnikows auf die Besucher eines Lokals feuern. Das Video findet sich später auf der Internetseite der britischen Boulevardzeitung Daily Mirror wieder.

All dieser Rummel wirkt so grotesk, dass er von David Foster Wallace erfunden sein könnte. Der Autor von Unendlicher Spaß hat auch eine lange Erzählung namens TV der Leiden – The Suffering Channel geschrieben, eine Satire auf das Medienspektakel im Zuge von 9/11. Im Mittelpunkt steht ein Fernsehsender, der möglichst authentische Bilder menschlichen Leidens zeigt: Foltervideos aus afrikanischen Bürgerkriegen zum Beispiel, aber auch eine selbstproduzierte Show.

Die Geschäfte mit Schreckensvideos werden bei vielen instinktiv Entrüstung hervorrufen. Gleichwohl ist es nicht zwangsläufig illegitim, für die Quellen journalistischer Arbeit zu bezahlen. Auch in diesem Fall ließe sich argumentieren: Wenn Journalisten die Ereignisse mithilfe eines bestimmten Videos klarer rekonstruieren können, wenn sie eine valide Information enthalten, darf dafür auch ein Preis entrichtet werden. Andererseits setzt sich die primäre Zielgruppe in diesem Business kaum aus Medien mit hohen ethischen und qualitativen Standards zusammen, die den Verlauf der Attentate und des Polizeieinsatzes akribisch dokumentieren. Die Nachfrage dafür kommt vor allem vom Boulevard. Hier gibt es sie immer noch, die krasse Pietätlosigkeit. Nach den Anschlägen haben etliche Online-Medien Videos mit toten Menschen gezeigt. Ich habe sie mir auch angeschaut. Besser informiert war ich dadurch nicht, nicht einmal tiefer betroffen.

Es hat den Anschein, als wäre die Kritik an solchen Verletzungen der Schamgrenze leiser geworden. An manche Zustände in unserer Mediendemokratie scheinen wir uns schon gewöhnt zu haben.

06:00 27.11.2015
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz

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