J wie „Jungle World“

Medien Die Wochenzeitung hat ein neues Kleid. Zeit für eine Würdigung
Lukas Latz | Ausgabe 08/2016 2
J wie „Jungle World“
Der neue Look der „Jungle World“

Foto: Presse

Mein antideutscher Schulfreund gab Punks Kleingeld ab und kiffte. Als er mich einmal nach Mainz mitgenommen hat, um bei einer Nazi-Demo mit der Antifa Saar Nazis zu verprügeln, habe ich mich zwar nicht getraut mitzuprügeln; zumindest aber habe ich im Zug das erste Mal die Jungle World gesehen und gelesen. Denn es herrschte Zeitungskommunismus: Der Finanzkräftigste der Gruppe, ein Langzeitstudent, hat die wohl einzige Ausgabe, die in Saarbrücken zu kaufen war, gekauft, und alle durften mitlesen. Erinnern kann ich mich nur noch an einen Artikel über Claus Schenk Graf von Stauffenberg, in dem gegen die Heldenverklärung der Putschisten vom 20. Juli 1944 protestiert worden ist.

Durch die Jungle World habe ich damals gelernt, dass man links fühlen und denken und trotzdem cool sein kann. Dass die Linke heterogen ist und kulturell mehr zu bieten hat als vom SPD-Ortsverein organisierte Skatabende und was schlaffe Gesichter von Gewerkschaftschefs eben sonst noch vermuten lassen. Die donnerstags erscheinende Wochenzeitung ging 1997 aus einem Streik von Journalisten der Tageszeitung Junge Welt hervor. Wichtigste Ursache für diesen Streik soll ein Konflikt zwischen Redaktion und Verlag über die politische Ausrichtung des Blattes gewesen sein. Heute gelten die beiden linken Zeitungen als verfeindet.

Seit kurzem erscheint die Jungle World mit neuem Logo. Früher befand sich auf der Titelseite eine dunkelblaue Leiste, in der in Hellblau der Name der Zeitung stand. Nun steht in einem schwarzen Quader in der linken oberen Ecke ein großes weißes J. Die Spalten sind schmaler geworden, früher breiteten sie sich auf der Seite zur Bleiwüste aus. Der Relaunch ist allemal ein ästhetischer Fortschritt. Es ist zu hoffen, dass er sich für die Zeitung lohnt und er dem Blatt an Kiosken mehr Aufmerksamkeit bringt.

Es gibt nämlich viele gute Gründe, die Jungle World zu lesen. Der Name ist definitiv der beste unter allen deutschen Medienangeboten. Für solide Recherche und Deutung des Weltgeschehens ist eine Dschungelsafari, die Vorsicht und auch ein wenig Waghalsigkeit erfordert, eine angemessene Metapher. Den Anspruch, undogmatisch links zu sein, hält die Zeitung bis heute ein. Zu den regelmäßigen Autoren gehören viele lustige, kluge, unabhängige Stimmen wie Leo Fischer, ehemaliger Titanic-Chefredakteur, Julia Schramm, ehemalige Politikerin bei den Piraten, oder Georg Seeßlen. Als Leitartikel zur Relaunch-Ausgabe wurde ein zweiseitiger Essay von Seeßlen gedruckt – eine Mahnung daran, dass auch in der Zeit der „Lügenpresse“-Rufe eine fundierte Medienkritik notwendig ist. Der anregende, aber sperrige Essay wirkt auch wie eine Demonstration, dass die Zeitung inhaltlich nicht konsumierbarer werden soll, auch wenn sie ein nun attraktiveres Layout erhalten hat. Gut so.

Gut ist auch die recht konsequente politische Linie, die das Blatt in der Berichterstattung über Israel verfolgt. Die Existenzberechtigung des jüdischen Staats wird dort auch nicht in einem verquasten mehrdeutigen Nebensatz angezweifelt. Deutschen Politikern und Publizisten, die ebendies über andere Kanäle tun, wird entschieden Kontra gegeben. Von dem Gros antideutscher Medien unterscheidet sich die Jungle World aber durch ihre lebendige innere Pluralität. Immerhin habe ich in jahrelanger unregelmäßiger Lektüre auch gelernt, Bettlern manchmal Kleingeld zu geben und dass gelegentliches Kiffen nicht schadet.

06:00 02.03.2016
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz

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