Onanie für alle

Hörspiel David Foster Wallaces Roman „Unendlicher Spaß“ ist von hunderten Laien eingelesen worden. Sprachlich war er dafür eigentlich nicht gemacht
Onanie für alle
Der Autor im New Yorker East Village 2002

Foto: Janette Beckman/Redferns/Getty Images

Bauprojekte werden in China oft beschleunigt, indem auf eine industrielle Reservearmee zurückgegriffen wird. Für den Bau einer Metro werden dann zum Beispiel statt 2.000 einfach 200.000 Arbeitskräfte eingesetzt, um die Bauzeit von zehn Jahren auf eines zu drücken.

Die Musiker Acid Pauli, Andreas Gerth und der Hörspielautor Andreas Ammer produzieren für den WDR gerade ein Hörbuch zu David Foster Wallaces Roman Unendlicher Spaß und wenden dabei die gleiche Methode an. Die deutsche Übersetzung des 1996 in den USA erschienenen Romans ist 1.500 eng bedruckte Seiten lang. Den Text ließen Ammer und Kollegen von Laien einsprechen. Auf der Webseite unendlichesspiel.de konnten diese einzelne Buchseiten auswählen, und ihre Aufnahme hochladen. Das Projekt ist am 8. März dieses Jahres gestartet, rund ein Jahr hatten die Produzenten für das Sammeln der Tondokumente eingeplant. Die Resonanz war deutlich höher als erwartet, nach zwei Monaten war alles aufgezeichnet. Für die musikalische Untermalung baute Andreas Gerth eine Goldene Maschine, die automatisch elektrische Klänge erzeugt und sich dabei nie wiederholt. Häufig finden sich zur Szene passende Geräusche: etwa ein ploppender Ballwechsel, wenn es um Tennis geht. Rund zehn Prozent des Textkorpus sind Fußnoten, die Wallaces deutscher Übersetzer Ulrich Blumenbach eingelesen hat. Sortiert sind die Beiträge nach Kapitel, Szene und Seite.

Das Werk des 2008 verstorbenen Autors gehört längst zum Kanon der Weltliteratur. Unendlicher Spaß ist im Kern ein dystopischer Familienroman mit kulturkritischem Scharfsinn und viel Witz. Er spielt in einer Welt, die von ökologischen Katastrophen gezeichnet ist. Nordamerika regiert ein Gebilde namens Organisation Nordamerikanischer Nationen, die Abkürzung O.N.A.N. eröffnet Wallace unendliche Möglichkeiten für Kalauer über Onanie. Zu den Protagonisten gehören die Angehörigen der Familie Incandenza. James O. Incandenza, Sohn eines Hollywood-Schauspielers und vielversprechender Jugendtennisspieler, studiert Physik, wird Wissenschaftler und gelangt durch ein Patent an ein Vermögen. Damit gründet er die Enfield Tennis Academy (E.T.A.), ein autoritär geführtes Internat für junge Talente, an dem James O. schnelll das Interesse verliert. Er wird dann Filmemacher.

Bekifftes Match

Ein Highlight des Buchs ist Anmerkung 24, die kommentierte Filmografie Incandenzas. Die Hörfassung dieser Passage (Kapitel 8, Szene 20; kurz 0820) ist so gut, dass sie als Audiostück für sich funktioniert: Incandenzas letzter Film Unendlicher Spaß ist – eine ähnliche Idee wie im Monty-Python-Sketch The unknown joke – so unterhaltsam, dass er die Zuschauer süchtig macht und in den Wahnsinn treibt. Incandenza begeht Selbstmord, indem er seinen Kopf in eine Mikrowelle steckt, gefunden wird er von seinem jüngsten Sohn, damals zwölf Jahre alt. Dieser Hal Incandenza ist mit 17 Jahren der zweitbeste Spieler der E.T.A., zugleich obszön belesen und hyperintelligent. Er beschäftigt sich mit Philosophie, Linguistik und Kulturwissenschaft. Wie fast alle Zöglinge des Internats hat er ein Drogenproblem, er kifft. Zu den besten Appetizern für das gesamte Buch gehört die fünfminütige Beschreibung, wie Hal ein Tennismatch high bestreitet (Aufnahme 0923).

Um Hal geht es auch im ersten Kapitel des Romans, das als Einziges von einem Schauspieler gesprochen wurde. Es ist zugleich das Ende der Romanerzählung. Hal befindet sich im Aufnahmegespräch an der University of Arizona. Er denkt, er gebe hypotaktische, nuancierte Sätze von sich, bei den Interviewern kommen aber nur grauenvolle Geräusche an und Hal wird in eine Psychiatrie gebracht.

Als ich das Buch vor drei Jahren in den Semesterferien las, hatte ich nicht anderes zu tun und habe trotzdem höchstens 60 bis 70 Seiten pro Tag geschafft. Unendlicher Spaß ist zwar (fast) nie langweilig, führt jedoch geradewegs in die Verzweiflung. Schauplätze sind fast durchweg autoritär geführte Internate, Psychiatrien oder Entzugskliniken. Überhaupt eignet sich das Buch als Vorlage für ein Hörbuch eigentlich überhaupt nicht. Es ist in einem stark essayistischen, dezidiert schriftsprachlichen Duktus geschrieben. Oft war ich darauf angewiesen, Absätze zweimal zu lesen. Es ist ein Kampf durch verschiedene Stile, exotisches Vokabular und Schachtelsätze. Als Hörer wird man von dem Text noch stärker überfordert.

Das Unendliche Spiel ist aber mehr als ein unendlich lange dauernder Scherz. Das Hörbuch ermutigt tatsächlich zum Weiterlesen. Die vielen Stimmen mit ihren herzerwärmenden Sprachfärbungen von Wienerisch bis Saarländisch arbeiten gegen die Verzweiflung an, die den Leser bei der einsamen Lektüre des Romans einholt. In David Foster Wallaces Werk findet sich außerdem immer wieder eine Kritik am konsumistischen Individualismus US-amerikanischer Prägung. Das Hörspielprojekt weist über diese Kritik hinaus und zeigt auf, welche neuen Arten kulturellen Schaffens im Kollektiv möglich sind.

Info

Alle Kapitel von Unendliches Spiel werden nach und nach auf unendlichesspiel.de online gestellt. Die Goldene Maschine steht im Foyer der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf und produziert fortlaufend neue Musik

06:00 15.06.2016
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz
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