Polnische Ethnografie

Interview Die Schriftstellerin Joanna Bator beobachtet nicht nur die Wutbürger in ihrer schlesischen Heimat
Polnische Ethnografie
Was, wenn sich Katholizismus und Satanismus verbinden? Lesen Sie Bators Roman!

Bild: Adam Guz/Getty Images

In Dunkel, fast Nacht kehrt die Journalistin Alicja nach Jahren in ihre Heimatstadt Wałbrzych zurück, um eine Reportage über das Verschwinden von drei Kindern zu schreiben. Dort hat sich eine groteske nationalistisch-katholische und zugleich proto-satanistische Protestbewegung um eine Führerfigur namens Jerry Swan festgesetzt. Der Roman kann kaum einem Genre zugeordnet werden; er ist Thriller, sozialkritische Satire und Familienroman in einem und fesselt durch eine sehr eigene Symbolik und Bildsprache.

Während in diesem Roman fast alle Orte aufgeladen sind von Magie und Kindheitserinnerungen der Protagonistin Alicja, trifft für Joanna Bators geräumige Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg, die sie während eines Stipendiums bewohnt, das genaue Gegenteil zu. Sie ist so gut wie leer. Die Atmosphäre um die Couch, auf der wir uns unterhalten, ist steril.

der Freitag: Frau Bator, ich habe Ihnen hier die „B. Z.“, eine Illustrierte namens „Freizeit Revue“ und den aktuellen „Freitag“ mitgebracht.

Joanna Bator: Danke.

Es stimmt doch, dass Sie Boulevard-Zeitungen mögen?

Ja, das stimmt. Ich habe irgendwann damit angefangen, britische Boulevard-Zeitungen zu lesen – zur Zerstreuung. Mittlerweile ist es mein Hobby, kuriose Zeitungsüberschriften in der polnischen Presse zu sammeln. Diese sortiere ich nach vier Kategorien: Menschen & Tiere, Menschen & Gegenstände, Menschen & Menschen und Menschen & übernatürliche Kräfte. Ich liebe diese Überschriften. Sie erzählen oft surreale Geschichten.

Zur Person

Joanna Bator wurde 1968 in Wałbrzych, Polen, geboren. Für ihren Roman Dunkel, fast Nacht, der jetzt bei Suhrkamp auf Deutsch erschienen ist (511 S., 24,95 €), erhielt sie 2013 den „Nike“, den wichtigsten polnischen Literaturpreis

Bild: Wikimedia

Zum Beispiel?

„Ich habe ein Huhn gekauft. Es leuchtet“, „Ein homosexueller Dämon befahl ihm, die Bibel zu kochen“, „Meine Schwiegermutter streitet sich mit einem Strom-Trafo“. Herrlich, nicht wahr? In meinem nächsten Roman, der im Herbst in Polen erscheinen wird, sucht die Protagonistin in solchen Titeln nach göttlichen Zeichen.

Was ist mit deutschen Boulevard-Zeitungen?

Ich lese manchmal die Bild-Zeitung, vor allem um mein Deutsch zu verbessern. Die eigentümliche Sprache von Bild fasziniert mich. Zugleich ist es ein allgemein ernst genommenes, traditionsreiches Boulevard-Blatt. Am schwarzen Meer habe ich einmal gesehen, wie drei ältere deutsche Damen nebeneinander auf dem Wasser lagen. Alle drei hielten sie eine eigene Bild-Zeitung in den Händen und lasen. Diese kleine Szene zeigt für mich das merkwürdige Prestige der Bild-Zeitung.

In „Dunkel, fast Nacht“ stellen Sie den Hass in den Kommentarspalten einer Online-Zeitung dar.

Meine Beschäftigung mit der Sprache der Online-Foren fing damit an, dass ich mir die Geschichte einer Geistererscheinung ausgedacht habe. Die Geschichte eines Geistes, der in Internet-Foren unter Trollen erscheint. Er spricht plötzlich zu einer Person, in der Wirklichkeit existiert er aber gar nicht. In dem Roman ist daraus die Figur Dawid geworden. In der Folge konnte ich einfach nicht aufhören, Hass-Kommentare zu studieren. Ich fand sie beängstigend, aber auch sehr spannend. Ich fühlte mich wie eine Anthropologin, die entsetzlich verrohte Menschen beobachtet. Zugleich sind das Menschen, die meine Sprache sprechen. Ein merkwürdiges Polnisch zwar, aber immer noch Polnisch. Ich machte das tatsächlich zu einer Art ethnografischen Arbeit. Die Trolle lassen sich ganz gut in verschiedene Typen einteilen. In der polnischen Kultur gibt es einige klassische Formen des Hasses auf Andere. An diese klassischen Formen wird auch jetzt angeknüpft. Nur die Hassobjekte werden ersetzt. In einer abstoßenden Weise wird heute plötzlich von „dem Araber“ oder „den Muslimen“ gesprochen.

Als ich Ihren Roman das erste Mal las, fand ich es fratzenhaft und unrealistisch, wie Sie die Demonstrationen der Bürger von Wałbrzych für die Errichtung einer 30 Meter hohen Marienstatue darstellen. Jetzt beim Wiederlesen dachte ich: genau wie Pegida.

In gewisser Weise habe ich wohl tatsächlich vorhergesehen, was derzeit in ganz Europa passiert. Ich habe den Roman in den Jahren 2010 und 2011 in Japan geschrieben. Inspiriert sind diese Passagen ebenfalls von der Beschäftigung mit der Sprache der Online-Foren. Aus der räumlichen Distanz war es vielleicht einfacher zu beobachten, wie sich manche Dinge zu entwickeln drohen und was aus dem Hass im Netz heute so alles hervorgehen kann

Die Wutbürger Ihres Romans protestieren gegen Fremde in ihrer schlesischen Heimat, obwohl sie dort selbst nicht richtig zu Hause sind. In ihren Wohnungen befinden sich immer noch Möbel, Bilder, sogar Geschirr der nach dem Zweiten Weltkrieg Vertriebenen. Eine unheimliche Atmosphäre ...

In dieser Atmosphäre bin ich aufgewachsen. Als die Familie meines Vaters nach Schlesien kam, zogen sie in ein Haus, in dem früher Deutsche gewohnt hatten. Da waren noch die Möbel und Bilder der nach Westen Vertriebenen. Diese Gegenstände waren Teil des alltäglichen Gebrauchs. Zugleich konnten wir sie aber nicht einer uns fremden Vergangenheit entreißen.

Warum nicht?

Wir konnten sie benutzen, sie uns aber nicht aneignen, sie nicht erben. Meine Großeltern wurden dort nicht glücklich. In der Küche stand eine Bowleschüssel mit silbernen Verzierungen, die meine Großeltern nie benutzten. Denn als arme Leute wussten sie gar nicht, was das ist. Ich war fasziniert davon. Das war der erste schöne Gegenstand, den ich als Kind gesehen habe. Stellen Sie sich vor, wie im bitterarmen Polen der 70er Jahre ein kleines Mädchen mit so einer vornehmen Schüssel spielt. Ich trage sie bis heute mit mir herum. Die Geschichte dieser Schüssel wirft ein Licht auf die Geschichte Wałbrzychs. Auch alle Geschichten, die ich einmal erzählen will, warten gewissermaßen in dieser Bowleschüssel.

Das Unheimliche in Ihrem Roman ist aber nicht notwendig schlecht oder böse. Mit den Katzenfrauen haben Sie Figuren geschaffen, die sowohl ein unheimliches als auch ein freundliches Gesicht haben.

Das ist eine spannende Beobachtung – und sehr wichtig. In meinem Schreiben bin ich stark von der japanischen Kultur beeinflusst. Die japanische Kultur ist nicht dualistisch. Gut und Böse sind nicht so prinzipiell entgegengesetzt, wie wir das in Europa gewohnt sind. Genauso werden die wirkliche Welt und die unwirkliche Welt nicht als strenge Gegensätze behandelt. Haruki Murakami, den ich als einen Bruder im Geiste betrachte, ist einmal gefragt worden, wer die „Little People“ aus seiner Trilogie 1Q84 sind. Seine Antwort lautete: Ich habe keine Ahnung. Ich bin mir sicher, dass das ehrlich gemeint war. So sind auch manche der Figuren in meinem Roman. Wir wissen nicht genau, ob sie gut oder schlecht sind. Sie bewegen sich auf einer unsichtbaren Grenze. Im Grunde habe auch ich keine Ahnung, was der ontologische Status der Katzenfrauen in meinem Roman ist. Es sind Figuren, die aus dem Unbewussten heraus geschaffen wurden.

Lässt sich die Sprache der PiS, der aktuell in Polen regierenden Partei, eigentlich in Ihre Ethnografie des Hasses einsortieren?

Seit ich vor einem Jahr in Berlin angekommen bin, lese ich keine polnischen Medien mehr, nur internationale Presse. Daher erfahre ich nur von den spektakulärsten Höchstleistungen der polnischen Regierung. Aber: ja. Ich bin mit der Sprache der PiS vertraut. Es ist die gleiche Sprache, wie sie in den Internet-Foren meines Romans benutzt wird, nur ein wenig höflicher. Aber in ihr zeigen sich die gleichen Ängste.

Wie erfolgreich wird die Partei damit noch sein?

Es wird die PiS auch selbst überrascht haben, wie rasch sie an Gunst verloren hat. Eine Partei, die zu diktatorischen Aufwallungen neigt, hält sich dadurch an der Macht, dass sie andere Menschen und die politischen Gegner diskreditiert und vernichtet. Das ist einfacher als konstruktives Handeln. Nach dem albtraumhaft hohen Sieg der Partei bei den Parlamentswahlen im letzten Herbst war ich so verzweifelt, dass ich das erste Mal in meinem Leben darüber nachgedacht habe, nicht nach Polen zurückzukehren. Jetzt hoffe ich, dass der Spuk nach vier Jahren vorbei sein wird. Man darf aber nicht vergessen, dass in diesen vier Jahren wohl noch viele Existenzen zerstört werden.

06:00 09.05.2016
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz
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