So klang Moskau

Historie Karl Schlögel beschreibt die Sowjetunion als Staat und als Lebensform
So klang Moskau
„Die geschälte Banale“ heißt die Reihe der Illustratorin Jill Senft. Mehr über die Künstlerin in der Infobox

In seinem 2015 erschienenen Buch Entscheidung in Kiew bekannte der bedeutende Osteuropahistoriker Karl Schlögel, im Tenor fast schon traurig und enttäuscht von sich selbst, dass seine mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Gelehrtenkarriere einen großen Makel haben könnte. Denn in seiner Forschung zur Sowjetunion hat er lange Jahre eine auf Russland gerichtete Perspektive eingenommen, die nur ungenügend für eine Betrachtung der postsowjetischen Ära mit all ihren Verwerfungen taugt. Position bezog er in der Ukrainekrise dann aber doch, er stritt mit dem bekannten Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, Schlögel auf der Seite der scharfen Kritiker von Putins Politik, Baberowski zog als „Russlandversteher“ die Kritik auf sich.

Nun legt Schlögel eine 800 Seiten lange Monografie zur Geschichte der Sowjetunion vor. Seine Archäologie einer untergegangenen Welt, wie es im Untertitel heißt, zoomt mit einer anderen Linse in diese Zeit, die großen Männer der sowjetischen Geschichte, egal ob Stalin, Gorbatschow oder Dissidenten wie Solschenizyn oder Sacharow, haben in Das sowjetische Jahrhundert allenfalls einen Cameoauftritt. Stattdessen beschreibt Schlögel die Sowjetunion entlang von Alltagsphänomenen: Klang, Gerüche, Küchen, Warteschlangen, Plattenbauten. Das Buch kommt insgesamt auf 50 Kapitel, die auch unabhängig voneinander als einzelne Essays, gar als kleine Studien gelesen werden könnten.

Zoom in die Plattenbauten

Die Fragen, die sich Schlögel stellt, sind nur auf den ersten Blick banal. Etwa die Frage danach, wie die Sowjetunion klang. Gab es in dem Land eine Geräuschkulisse, die sich vom Sound Westeuropas, vom Klang des alten Zarenreichs unterschied? Schlögel beginnt mit den Kirchenglocken Moskaus. In der Zeit des Zarenreichs waren die Glocken aller Kirchen aufeinander abgestimmt, orchestriert zu Glockenspielen, die durch die ganze Stadt hallten, Besucher wie Rainer Maria Rilke waren von diesen Glockenspielen tief beeindruckt. In den 1920er Jahren ließen die Sowjets alle Glocken Moskaus einschmelzen. So zerstörten sie einzigartige, teils jahrhundertealte Klangkörper. Der Regisseur Andrej Tarkowski erweist in seinem Film Andrej Rubljow (1966) der russischen Tradition des Glockengießens eine sehr berührende Hommage. Die letzten 45 Minuten des Films zeigen, wie zu Beginn des 15. Jahrhunderts eine ganze Stadt an einer Glocke arbeitet. Dadurch kamen die Glocken aber noch nicht zurück. Stattdessen nahmen in den 1920er Jahren ihre Rolle nach und nach öffentliche Lautsprecher ein. Darüber wurden die Nachrichten von Radio Moskauübertragen. Diese „Dauerbeschallung des öffentlichen Raumes“ erinnert daran, woher George Orwell für den Roman 1984 seine Ideen nahm.

Ein fesselndes Kapitel widmet sich dem Nachrichtensprecher Juri Lewitan. 1934 wurde er im Alter von 20 Jahren von Stalin persönlich zum wichtigsten Nachrichtensprecher von Radio Moskau befördert. In den Hochzeiten der stalinistischen Säuberung bekam er einmal eine Herzattacke, als er mal wieder mit nüchterner Stimme verlesen musste, dass ein Freund von ihm zum Tode verurteilt worden war. Ins kollektive Gedächtnis brannte sich seine Stimme in den Zeiten des Krieges ein. Zu dieser Zeit hing die gesamte Sowjetunion an den Lautsprechern. Denn mit der Lage an der Front hing das persönliche Schicksal eines jeden Sowjetbürgers zusammen. Lewitan stand, wie Schlögel schreibt, „auf der Liste der von den Nazis gesuchten Personen, die nach der Eroberung Moskaus festgenommen werden sollten, ganz oben“. Da seine ruhige, tiefe Stimme und seine feine Artikulation den Menschen ein wenig die nackte Angst vor den Nazis nahmen, wurde er in seiner Heimat zum Kriegshelden. Es ist dies ein Kapitel, in dem Schlögel anschaulich erzählt, wie die totale Mobilmachung der sowjetischen Gesellschaft akustisch funktionierte. Und eher nebenbei erfährt der Leser von Stalins Großen Säuberungen.

Es ist dies überhaupt die Kunst in Schlögels Sowjetischem Jahrhundert. Der Historiker widmet sich zuerst einem vermeintlich marginalen Phänomen des sowjetischen Lebens, um danach fesselnde und originelle Perspektiven auf die ernsten Themen der sowjetischen Geschichte zu entwickeln: der „ganz normale“, gigantische Horror des Gulag-Systems, in den letzten Lebensjahren Stalins waren 2,5 Millionen Menschen inhaftiert, oder die ohne Rücksicht auf Gesundheit und Leben von Arbeitern durchgeführte Industrialisierung des Landes.

Zum Beispiel Warteschlangen. Schlögel beschreibt nicht nur, wie sich Menschen in der (zeitweise sehr extremen) Mangelwirtschaft einrichteten, man erfährt auch von den Arbeitsmethoden des Inlandsgeheimdienstes. Die Agenten suchten in den 1920er und 1930er Jahren in diesen Schlangen nach Unzufriedenen und Regimekritikern. Sie mussten nur lauschen. Das Schlangestehen aber wurde auch für die Angehörigen der Menschen, die in den Terrorjahren festgenommen worden waren, zu einer prägenden Erfahrung. Auf der Suche nach den Angehörigen tingelten sie Gefängnis um Gefängnis ab. Die Dichtern Anna Achmatowa erinnert daran im Vorwort zu ihrem Poem Requiem 1935-1940: „In den Schreckensjahren des jeshowschen Terrors verbrachte ich siebzehn Monate in den Warteschlangen vor Gefängnissen. Einmal hatte mich jemand ‚identifiziert‘. Da erwachte hinter mir eine Frau mit blauen Lippen, die gewiss nie im Leben meinen Namen gehört hatte, aus der uns allen eigenen Starre und flüsterte mir ins Ohr (dort flüsterten alle): ‚Können Sie auch das beschreiben?‘ Und ich sagte: ‚Ja.‘ Da glitt so etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.“

Unter den fünfzig Kapiteln gibt es auch drei bis vier, in denen das nicht so klappt, weil Schlögel bei der Entfaltung seines Expertenwissens den Blick für das große Bild verliert. Das sind Kapitel, die man vielleicht nicht zu Ende liest, über die sowjetische Parfümindustrie etwa wollen wahrscheinlich die meisten nicht allzu viel wissen, aber wer weiß.

Auch wenn Das sowjetische Jahrhundert weder chronologisch noch systematisch erzählt ist, steht am Ende doch eine sehr umfassende Geschichte der Sowjetunion. Der größte Mangel, den Schlögel im Vorwort ja auch thematisiert, besteht in der Fixierung auf die russländische Teilrepublik der Sowjetunion. Von der Ukraine, den baltischen Staaten, den Ländern des Kaukasus oder Zentralasiens ist selten die Rede. Die ethnischen und territorialen Konflikte, die beim Zerfall der Sowjetunion vielerorts ausbrechen, bleiben unerwähnt und man erfährt keine Hintergründe, die helfen würden, ihre Entstehung zu verstehen. Dennoch: Auch für Laien ist Schlögels Kompendium sehr lesenswert. Es hilft, dieses Russland von heute zu verstehen. Hängen bleibt ein starker Eindruck davon, was das Verschwinden der Sowjetunion für die Bürger des Landes bedeutete. Schlögel gelingt es, sehr eindrücklich zu erklären, dass mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 nicht nur ein Staat verschwunden ist, sondern auch eine Lebensform, eine besondere Art des Wohnens, des Arbeitens, des Sehens und des Riechens. Das Verschwinden dieser Lebensform mag teils befreiend, teils demütigend gewesen sein. Wenn man auf die russische Seele schaut, sollte nicht aus dem Blick geraten, dass die Sowjetmenschen in sehr kurzer Zeit gezwungen waren, ganz andere Leben zu führen, man darf diese Erfahrungen nicht aus dem Blick verlieren, was freilich für alle postkommunistischen Nationen gilt.

Der Gulag ist jetzt Ferienort

Heute versucht Putin, einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung der sowjetischen Geschichte zu ziehen. Zu sehen ist das an den im Weißmeer gelegenen Solowki-Inseln. Bis 1939 war hier ein gigantisches Zwangsarbeitslager. Da auf der Insel einst auch ein großes Kloster stand, hat die russisch-orthodoxe Kirche „mit Unterstützung der Staatsspitze das Regiment über die Klosterinsel wieder übernommen“. Sie, so Schlögel, bereinige die Geschichte der Insel. Sie entscheide, wer die Insel betreten darf. So ist die Insel ein „Glamour-Gulag“ geworden, ein Ferienort exklusiv für die Elite des Landes. Man muss sich mal vorstellen: In russischen Schulbüchern werden die 1930er Jahre, die schlimmste Phase des Stalinismus, als Zeit „großer freiwilliger Aufopferung und des Enthusiasmus“ bezeichnet.

Seit Oktober 2016 ist Memorial, ein traditionsreicher Verein, der die Geschichte des Stalinismus aufarbeitet, gemäß einem umstrittenen russischen NGO-Gesetz als ausländischer Agent registriert. Aktuell läuft gegen Juri Dmitrjew, einen führenden Memorial-Aktivisten, ein Verfahren wegen Besitz von Kinderpornografie, das höchstwahrscheinlich politisch motiviert ist. Es drohen ihm 15 Jahre Lagerhaft.

Info

Das sowjetische Jahrhundert – Archäologie einer untergegangenen Welt Karl Schlögel C. H. Beck 2017, 912 S., 38 €

Die Bilder des Spezials

Die geschälte Banale, das sind absurde Kurzgeschichten der Berliner Illustratorin Jill Senft. „Warum einfach nur die Wirklichkeit wiedergeben?“, fragt Senft. „Illustration erlaubt es mir, mir alles vorzustellen.“ Die geschälte Banale ist eine Kombination aus dem, was sie sieht und erlebt. Bei Senft verrutschen die Größenverhältnisse, winzig klein, riesig groß, korrekte Perspektiven werden gebrochen. Senft arbeitet zuerst im Skizzenbuch mit Acrylfarben. Das lässt ihr die Freiheit, unverfänglich auszuprobieren, und fühlt sich weniger endgültig an. Danach werden die Entwürfe auf Papier oder Pappe überarbeitet.

Entstanden ist die Reihe Die geschälte Banale als Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Acryl auf Pappe und Papier, 2017

Lukas Latz ist freier Journalist und studiert zurzeit Osteuropastudien an der Freien Universität Berlin

06:00 14.10.2017
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz