Studieren auf der Insel

Literaturwissenschaft Die Geschichte des Berliner Peter-Szondi-Instituts erinnert an einen verschwundenen Geist
Lukas Latz | Ausgabe 03/2016

Drei Jahrzehnte lang war Westberlin ein Treibhaus für linke Gegenkulturen. In der Stadt, deren Einwohner keine Wehrpflicht ableisten mussten, sammelten sich Pazifisten, Salonkommunisten, Punks und alle anderen, die ihre Jugend gern etwas verlängerten. Diese Gegenkulturen spiegeln sich verzerrt auch in der Geschichte des an der Freien Universität Berlin angesiedelten Peter-Szondi-Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (kurz: AVL). Neulich ist das Institut 50 Jahre alt geworden. Anlässlich des Jubiläums hat die Literaturwissenschaftlerin Irene Albers, selbst Professorin am Institut, gemeinsam mit Studierenden einen Dokumentationsband zur Institutsgeschichte herausgegeben.

Seinen Ruhm, der weit über Berlin hinausging und vielleicht noch geht, verdankt das Institut vor allem dem Professor, der es gegründet hat: Peter Szondi, geboren 1929 in Budapest in eine jüdische Familie, Überlebender des KZ Bergen-Belsen. Sein Anspruch war es, die traditionellen Nationalphilologien zu überwinden. Diese bezogen in die Literatur noch vor allem die Geschichte der Nation ein, in deren Sprache sie verfasst worden sind. Während der Nazizeit hat diese Forschungsperspektive in der Germanistik zu jeder Menge an chauvinistischen Schriften geführt, in denen etwa über die Vorzüglichkeit der deutschen Literatur die Überlegenheit der deutschen Rasse bewiesen worden ist. Dem Spröden und dem Braunen in der Germanistik wollte Szondi entgegenwirken – durch die vergleichende Betrachtung verschiedener Nationalliteraturen einerseits und durch die Stärkung einer allgemeinen Literaturtheorie andererseits.

Charismatiker

Vor allem die Literaturtheorie wird zum Markenkern des Instituts. Zudem lehrte Szondi seinen Schülern das genaue Lesen. Im vorliegenden Band wird von Zeitzeugen immer wieder wieder an die Anforderungen erinnert, die Szondi an eine Textlektüre gestellt hatte. Wer nicht exakt war, konnte schon mal in barschem Ton abgefertigt werden. Nicht jeder Student kam damit klar, und es gehört zu den Nebenaspekten des Bands, dass er auch über die Autorität der Antiautoritären informiert. Der Philologe Szondi liest mit seinen Studenten die ästhetischen und geschichtsphilosophischen Schriften Adornos, welche ihn schon zu Zeiten seiner Promotion stark beeinflusst haben. Außerdem beschäftigt man sich intensiv mit Theorien des Zeichens und der Sprache. Erstaunlich schnell ist das Institut auch mit der Rezeption von Strukturalismus und Poststrukturalismus. Schon 1968 lädt Szondi den poststrukturalistischen Philosophen Jacques Derrida aus Paris zu einem Vortrag ein. Und man darf hier daran erinnern, dass der deutsche Übersetzer des frühen Hauptwerks von Derrida, De la grammatologie, später nicht nur als Schauspieler bekannt wurde, sondern auch ein Student des Instituts war: Hanns Zischler.

In der Tradition der Frankfurter Schule verstand sich Peter Szondi auch als engagierter Intellektueller. In den akademischen Gremien verteidigte er revoltierende Studenten häufig vor überzogenen Strafen der damals noch sehr autoritär gesinnten Professorenschaft. Als Fritz Teufel und Rainer Langhans, Mitglieder der Kommune 1, wegen eines angeblich hetzerischen Flugblatts vor Gericht standen, verteidigt sie Szondi mit einem heute berühmten „philologischen Gutachten“ zu dem Flugblatt. Seine Haltung ist postum in einem Suhrkamp-Band von 1973 mit dem sprechenden Titel Über eine „Freie (d. h. freie) Universität“: Stellungnahmen eines Philologen dokumentiert.

Im Oktober 1971 begeht Szondi unter bis heute ungeklärten Umständen Suizid. Auch danach haben an dem Institut immer wieder aparte, charismatische Leute studiert und gelehrt, Samuel Weber, Werner Hamacher oder die ebenfalls früh verstorbene Henriette Beese, die sich um den Nachlass ihres Lehrers Szondi kümmerte, dessen gedrucktes Werk im Übrigen überschaubar ist, gerade seine frühe Schrift Theorie des Dramas ist allerdings ein Standardwerk.

Dass das kleine Institut bis heute nicht geschluckt worden ist, ist vor allem Eberhard Lämmert (1924–2015) zu verdanken. Lämmert gehört mit seinem immer noch lesenswerten Buch Die Bauformen des Erzählens (1955) zu den wichtigen Erneuerern der Literaturwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Als er 1976 Präsident der Freien Universität Berlin wurde, nahm er auch eine Professor am AVL-Institut an. Als geschickter, der SPD nahestehender Hochschulpolitiker konnte er die Studienzahlen am Institut gering halten und dafür sorgen, dass das Institut unabhängig von anderen Fakultäten blieb. Unter Narzissmus, der Berufskrankheit von Professoren, litt er, wie berichtet wird, nicht. Lämmert duldete am Institut von allen Seiten Widerspruch gegen seine Person. Die Pluralität, die er gewährte, erwies sich für Forschung und Lehre als höchst fruchtbar. Sein Wissen vermittelte er auch einem breiteren Publikum, etwa in der Berliner Urania, andererseits prägte er nachhaltig die Neuordnung der Berliner Hochschulen nach der Wende, unter anderem als Gründungsdirektor des Zentrums für Literaturforschung. Eberhard Lämmert starb im letzten Frühjahr.

Er war da schon viele Jahre emeritiert und das AVL-Institut längst nicht mehr Kontrapunkt zu anderen geisteswissenschaftlichen Einrichtungen, sondern vielmehr ein Institut unter anderen. Der Austausch mit der Humboldt-Universität oder der Universität der Künste wird eng. Die Forschungsansätze der vier am Institut lehrenden Professoren sind grundverschieden. 2013 ist zudem Winfried Menninghaus, einer der bekanntesten deutschen Literaturwissenschaftler und das prominente Gesicht des Instituts, nach Frankfurt gewechselt. Das philologisch Biedere, das Szondi so sehr verabscheut hat, hat am Institut auch wieder ein Stück weit Einzug gehalten.

Hedonisten

Die besonders interessanten Beiträge des nun erschienenen Dokumentationsbands werfen einen Blick auf die Studienbedingungen am Institut. Ab den 60er Jahren ist die Beschäftigung mit philosophischer und geisteswissenschaftlicher Theorie unter den Studenten häufig als gesellschaftskritische, linke oder irgendwie subversive Praxis verstanden worden. Neben dieser kritischen politischen Haltung herrschte – wie den Beiträgen zu entnehmen ist – aber auch vom ersten Tag an ein elitärer Geist, den auch ein Eberhard Lämmert nicht vertreiben konnte. Allerdings hatte dieser Geist wenigstens nichts Provinzielles, exklusiv war er natürlich dennoch. In den späten 80er Jahren versuchte eine feministische Gruppe, das zu ändern. Nachhaltigen Erfolg hatte das offenbar nicht. Zumindest für die Studenten, die in die inneren Kreise aufgenommen werden, ist das Studium sehr fesselnd. Eine Person, die besonders euphorisch auf ihr Studium zurückblickt, spricht vom „intellektuellen Hedonismus“, einer „Spielwiese der Lebenskunst“ und einer „Zeit gepflegter Anarchie“. Auch das Ideal des genauen Lesens und der politischen Philologie lebte weiter: gelehrt von Hella Tiedemann, deren geringer publizistischer Austoß im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Bedeutung als Hochschullehrerin im besten Sinn stand.

Nicht zuletzt durch Hella Tiedemann blieb das AVL-Institut einer der Orte (West-)Berlins, an dem die konservativen Werte der bundesrepublikanischen Mehrheitsgesellschaft nicht galten. Wohl aber deren luxuriöse Bedingungen: Zahlreich sind die Erinnerungen an den prächtigen Garten der Villa, in der sich das Institut vor seinem Umzug in die kollektivierende „Rost- und Silberlaube“ der FU befand. Aber es wird auch deutlich, dass die Studienbedingungen der 80er Jahre heute nicht mehr vorhanden sind. Der Wandel hat auch mit dem Ende von Westberlin zu tun, mit ihm kehrte die Normalität ein. Wer der Frage nachgeht, was genau sich verändert hat, findet das einst extraordinäre Seminar mitten im Alltag der Studienbedingungen von heute wieder: Ein großes Problem besteht darin, dass die Lehre zu einem großen Teil von Lehrbeauftragten in prekären Anstellungsverhältnissen getragen wird. Weil in jedem Semester andere Dozenten Seminare geben, sind ein enges Betreuungsverhältnis und ein intensiver Austausch kaum zu gewährleisten.

Das hohe Engagement der Lehrbeauftragten ist oft sehr ehrenwert. Nicht weniger oft bringt es auch viele Probleme mit sich: wenn etwa Privatdozenten in Bachelor-Seminaren einfach das unterrichten, was ihnen Spaß macht. Da sie ja sowieso kaum bezahlt werden, betrachten sie es eher als Hobby, Seminare zu geben. Literaturtheoretische Grundbildung wird dann häufig nicht vermittelt. Es gibt viel Einzelkämpfertum. Vielen fehlt die Aussicht auf eine systematische Bildung, durch die sie eine Haltung und das notwendige Selbstbewusstsein vermittelt bekämen, um sich im Berufsleben zu angemessenem Wert zu verkaufen. Haltung, das vermittelt der vorliegende Band auch, wurde zu Szondis Zeiten nicht zu knapp vermittelt. Das Berufsleben war damals allerdings kein Gegenstand von Seminaren.

Nach Szondi Irene Albers (Hg.) Kulturverlag Kadmos 2016, 544 S., 29,80 €

Lukas Latz hat vor Kurzem seinen Abschluss am Peter-Szondi-Institut gemacht

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06:00 03.02.2016
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz

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