T-Shirt ohne Buchstaben

Migration Senthuran Varatharajah hat Deutsch in der Fremde gelernt – und aus dieser Erfahrung bedeutende Literatur gemacht

Tatsächlich hatte er vorgehabt, über „das Fremde in der klassischen deutschen Philosophie“ zu promovieren, erzählt Senthuran Varatharajah. Stattdessen schrieb er seinen ersten Roman – „und damit verschwanden all meine akademischen Ambitionen“. Varatharajah nimmt sich zwei Stunden und eine Schachtel Zigaretten Zeit, um mit mir in einem Berliner Café über diesen Roman, Vor der Zunahme der Zeichen, zu sprechen.

Darin begegnen sich Valmira und Senthil auf Facebook. Binnen einer Woche schreiben sie sich die Nächte hindurch lange poetische Nachrichten. Sie begegnen sich nie persönlich. Gemeinsam ist beiden, dass sie in Asylbewerberheimen aufgewachsen sind. Valmira flieht als Kind mit ihrer Familie aus dem Kosovo. Dort war ihr Vater Anwalt, die Mutter studierte Medizin. In Deutschland arbeitet sich der Vater zum Dolmetscher für Serbisch und Albanisch hoch. Valmira ist eine smarte Kosmopolitin. Sie studiert Kunstgeschichte, macht Praktika in Galerien. Im Gespräch gibt Varatharajah freimütig zu, dass die Figur Senthil in großem Maße nach seiner eigenen Biografie gezeichnet ist. Die tamilische Familie floh Mitte der 80er Jahre vor dem Bürgerkrieg. In Deutschland arbeitet die Mutter als Putzfrau, der Vater in einer Fabrik. Sie werden Zeugen Jehovas. Mithilfe der Bibel lernt Senthil Deutsch.

Senthuran Varatharajah, geboren 1984 auf Sri Lanka, studierte Philosophie, evangelische Theologie und Kulturwissenschaft in Marburg, Berlin und London. Er macht ein Praktikum bei einer Frankfurter Investmentbank, reist durch die Welt, spielt in einer Band, und eben wurde er für einen noch unveröffentlichten Text mit dem ambitionierten Titel Farbenlehre mit dem vielverheißenden Kranichsteiner Literaturförderpreis ausgezeichnet.

Ein formales Experiment

Der Austausch von Nachrichten zwischen Valmira und Senthil im Roman verläuft weitgehend asynchron. Die beiden diskutieren nicht, sie antworten kaum direkt aufeinander. Man kann sagen: Sie erzählen sich ihre Leben. Die Erfahrung, die beide verbindet, ist das Aufwachsen in Asylbewerberheimen. Gemeinsam versuchen sie, eine Sprache für diese Erfahrung zu finden. Diese ist fern von jeglicher Romantisierung. Viele Aspekte der Sozialisation, wie sie beschrieben wird, sind überraschend. Zumindest für einen Leser wie mich, in dessen Familiengeschichte die extremste Fluchterfahrung ein Tritt über die französische Grenze war (von Großrosseln nach Petite-Rosselle im Jahre 1945).

Vor der Zunahme der Zeichen verhandelt ein gewichtiges Thema. Autor Varatharajah wählt dafür nicht „einfach“ die Struktur eines Familienromans, wie sie etwa die Autoren Shida Bazyar (Nachts ist es leise in Teheran) und Pierre Jarawan (Am Ende bleiben die Zedern) für ihre Fluchtgeschichten wählen. Varatharajah wagt ein formales Experiment. Die Biografien von Valmira und Senthil werden nicht linear erzählt, viele Details nicht auserzählt, die Sprache wirkt mitunter sehr akademisch. Der Text wimmelt nur so von Konjunktiv II und Plusquamperfekt. Oft werden sprachphilosophische Themen angerissen.

Kann das gut gehen? Während „inhaltistische“ Romane oft platt und langweilig wirken, wirken avantgardistische Formexperimente oft arrogant und abgehoben. David Foster Wallace charakterisierte die Haltung solcher Avantgarde-Autoren einmal mit den Worten: „Hier hast du mein Buch. Versuch mal es zu lesen. Und fick dich!“ Vor der Zunahme der Zeichen ist der seltene, sehr erfreuliche Fall, in dem klar erkennbar wird, wie erzählerische Besonderheiten durch den Inhalt motiviert sind.

Die philosophisch geschulte Sprache Senthils ist gewunden, er biegt die Syntax, bringt sie an ihre Ränder – und an den Rändern hat er sie ja auch erlernt, dort, wo die Asylbewerberheime stehen, an den Stadträndern. Varatharajah sagt dazu: „Beim Sprachelernen orientiert man sich an den materiellen Dingen. Denn die Eltern haben nicht die Begriffe dafür, sie zeigen darauf. Und du musst es dir irgendwie erarbeiten, du musst diese Verbindungslinie schaffen, von der Materie zum Begriff und wieder zurück – und auch über den Gegenstand hinaus.“

Diese ungünstige Ausgangsposition beim Sprechen lernen führt dazu, dass die Protagonisten ein reflektiertes Verhältnis zur Sprache entwickeln. Schon als Kinder entdecken sie linguistische und sprachphilosophische Probleme. Senthil entdeckt die „Arbitrarität der Zeichen“. Eine Erkenntnis, die in der Linguistik Anfang des 20. Jahrhunderts bei Ferdinand de Saussure auftaucht. Sie besagt, dass Wörter keine Ähnlichkeit mit den Gegenständen haben, die sie bezeichnen. Das Kind Senthil wundert sich, dass ein T-Shirt kaum Ähnlichkeit mit dem Buchstaben „T“ hat, obwohl Ersteres doch nach Letzterem benannt ist.

Ich frage Varatharajah, wie die Figuren seines Buches zu solchen Einsichten kommen: „Die Sozialisation bewirkt, dass du in einer gewissen Art immer schief zu dieser Sprache stehst und auch immer stehen wirst. Auch weil bis zu einem gewissen Punkt die Anteilnahme daran verweigert wird. Es zieht immer eine Verwunderung, eine Irritation oder eine Gratulation nach sich, wenn die Figuren sprechen. Wenn du nicht – und jetzt benutze ich diesen Begriff tatsächlich – in einer ‚natürlichen‘ Umgebung Deutsch lernst, sondern durch die Sprache der Bibel, die Sprache der Literatur, die Sprache des Fernsehens, dann fehlt dir die Selbstverständlichkeit im Umgang mit ihr. Dann ist alles Wunder – auch dass wir überhaupt sprechen können –, und dann kommen diese Einsichten.“

Die nuancierte Sprache der beiden Figuren bildet auch einen scharfen Kontrast zu den rassistischen Beschimpfungen, denen sie immer wieder ausgesetzt sind. Wer immer noch bezweifelt, dass Sprache ein Instrument zur Ausübung von Gewalt sein kann, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Senthil schreibt: „die arbeitskollegen meines vaters nennen ihn neger.“ Valmira schreibt: „Ich dachte an meine Klasse, in der ich dreckige Bettlerin und schmutziges Asylantenkind genannt wurde.“ Es wirkt, als wollten sie sich durch ihren gewählten Stil von vulgärer rassistischer Hate Speech so weit wie möglich entfernen. Als wollten sie gegen die im Rassismus erfahrene Ohnmacht durch ihre rhetorische Eloquenz ankämpfen.

Bemerkenswert ist auch, wie es Varatharajah gelingt, seine extrem abstrakte Lexik mit einem hohen Maß sinnlicher Erfahrung zu füllen. Er belebt sie. Seine abstrakte Sprache transportiert plötzlich nicht mehr nur abstrakte Theoreme, sondern Kränkungen, Ängste und Schrecken, die wie wirklich erlebt wirken.

Die einzige Form der Rückkehr

Das beste Beispiel ist der Titel Vor der Zunahme der Zeichen, der wie der ausladende Titel einer unlesbaren sprachphilosophischen Studie klingt. Im Buch evoziert der Ausdruck jedoch Furcht und Zittern. Denn er dient als plastischer Euphemismus für die genozidale Gewalt singhalesischer Milizen gegen die tamilische Bevölkerung Sri Lankas. Der Grund, warum Senthils Vater aus dem Land flieht und seine Mutter, die gerade mit ihm schwanger ist, bald folgen wird: „sie kamen ohne ankündigung. sie kamen durch wände. sie kamen tag und nacht. meine mutter sah, wie sie in einem jeep an ihrem haus vorbeifuhren. sie sagt, das sei ein zeichen. sie sagt, bevor diese zeichen zunehmen, vor der zunahme der zeichen, sollte er gehen.“

Der Roman ist ein Erfolg. Friedenspreisträgerin Carolin Emcke zitierte aus dem Roman bei ihrer Eröffnungsrede der Ruhr-Triennale. Der Vertrag für ein zweites Buch ist bereits abgeschlossen. „Ich dachte: Shit! Literatur kann ja doch was“, sagt Varatharajah. Und er erzählt, dass ihm junge Menschen schreiben, die auch in Asylbewerberheimen groß geworden sind. „Sie sagen: ‚Zum ersten Mal hat mir jemand eine Sprache gegeben, darüber zu sprechen. Zum ersten Mal hat mir jemand die Möglichkeit eröffnet, dass wir über eine so stigmatisierte Erfahrung, die wir in unserer Biografie verschweigen, offen reden können.‘“

In diesem Sommer besuchten Varatharajahs Eltern Jaffna, ihre Herkunftsstadt in Sri Lanka. Dort schenkten sie der Jaffna-Bibliothek, die einmal eine der größten Bibliotheken Asiens war, bis sie 1981 von Singhalesen weitgehend zerstört wurde, eine Ausgabe des Romans.

„Ich bin kein besonders emotionaler Typ, aber das hat mich bewegt. Da habe ich zum ersten Mal – und das war vielleicht das Bewegende – verstanden, dass dieses Buch nicht nur eine deutsche Geschichte, sondern auch eine tamilische Geschichte ist. Dieses Buch nach Jaffna zu bringen, war für meine Eltern eine Art coming home. Die einzige Form von Rückkehr, die ihnen geblieben ist.“

Info

Vor der Zunahme der Zeichen Senthuran Varatharajah S.Fischer 2016, 256 S., 19,99 €

Lukas Latz schreibt regelmäßig für den Freitag und studiert Osteuropastudien in Berlin

06:00 14.12.2016
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz

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