Unsichere Außengrenze

Porträt Shumona Sinha bekommt auch Beifall von rechts, da ihre Literatur größer ist als politisch korrektes Denken

Im Literarischen Quartett sagte Marcel Reich-Ranicki einmal, es sei unmöglich für einen Autoren, in einer Sprache zu schreiben, mit der er nicht von Kindesbeinen an aufgewachsen sei. Das war in den 1990ern. Heute gibt es auf jeder Buchmesse eine Diskussionsrunde von Schriftstellern, die in einer Sprache schreiben, die sie sich selbst ausgesucht haben. Eine solche Schriftstellerin ist Shumona Sinha.

Aufgewachsen ist Sinha in Kalkutta. Ihre Muttersprache ist Bengalisch. Mit 22 Jahren begann sie Französisch zu lernen. Mit 28 Jahren zog sie nach Paris, wo sie an der Sorbonne studierte, danach als Lehrerin und Dolmetscherin arbeitete. Nun ist sie französischsprachige Schriftstellerin. Ich treffe sie in Berlin, wohin sie vom Internationalen Literaturfestival eingeladen wurde.

Ist sie als Autorin, die nicht in ihrer Muttersprache schreibt, denn heutzutage noch etwas Außergewöhnliches? „Jeder Autor erfindet seine Sprache. Egal ob er in den Wörtern seiner Muttersprache schreibt oder in einer anderen (...), wenn ich auf Bengalisch schreiben würde, könnte ich nicht so kritisch über mein Heimatland schreiben, wie ich das wollte. Einerseits müsste ich gegen den Druck von Nationalisten und religiösen Fundamentalisten anschreiben. Andererseits würde mich die bengalische Sprache daran hindern, das zu sagen, was ich gerne sagen will.“

Gebrochene Flüchtlinge

Seit sie Schriftstellerin ist, wurde Sinha zwar tatsächlich noch nicht von religiösen Fundamentalisten aus Indien bedroht. Dafür setzen ihr jetzt in Frankreich Behörden und Chauvinisten zu. Ihren ersten Erfolg hatte sie mit dem 2011 erschienenen Roman Erschlagt die Armen!.Darin verarbeitet sie ihre Erfahrungen als Dolmetscherin bei der französischen Asylbehörde Opfra. Ein düsterer und brutaler Roman, bei dem weder das französische Asylsystem noch die Asylsuchenden gut wegkommen. Wegen des Buches wurde sie von der Asylbehörde entlassen. Und auch Linke nehmen der Autorin zuweilen den Ton übel, in dem Sinha über Asylsuchende schreibt. Der Roman zeigt auf, wie das Asylsystem und die Schließung der Festung Europa Migranten die Würde nehmen. Daher ist es durchaus folgerichtig, wenn in dem Roman Flüchtlinge mitunter als würdelos und kaputt erscheinen. Es führt aber zu Missverständnissen. Sinha erhielt 2016 für den Roman den Internationalen Literaturpreis in Berlin. Bei der Preisverleihung sagte ihre Übersetzerin Lena Müller, sie hätte das Buch nie übersetzt, wenn sie gewusst hätte, wie rechte Journalisten es instrumentalisieren würden, um Stimmung gegen sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge zu machen.

Sinha selbst hat kein Problem damit, missverstanden zu werden: „Ich will nicht verheimlichen, dass Erschlagt die Armen! ein paar heikle Stellen enthält. Es ist ein sehr politisch inkorrekter Roman. Er gibt Asylsuchenden aber auch eine Stimme. Die Erzählerin des Romans erscheint zwar oft als verachtenswerte Person. Genau das erlaubt jedoch, Asylsuchende in einer Perspektive zu zeigen, wie es sie, denke ich, in der Literatur zuvor noch nicht gegeben hat.“ In Frankreich wurde das Buch nicht durch rechtsextreme Meinungsmacher instrumentalisiert. Aber sie habe immer wieder junge, in der Flüchtlingshilfe engagierte Menschen getroffen, die ihr Buch kritisierten, sagt Sinha.

„Viele Linke sehen die Welt in Schwarz und Weiß. Ich bin selbst links und Marxistin. Man muss aber leider zugeben, dass viele Linke es nicht hinkriegen, Nuancen zu erkennen.“ Dass Linke mit Menschen, die in Armut leben, bedingungslos sympathisieren, hat ihr zufolge fatale Konsequenzen. „Prekär lebende Menschen ernähren sich ja nicht nur schlecht. Sie konsumieren auch schlechte Kultur. Und nachdem sie zwanzig Jahre nur, Entschuldigung, Scheiße geguckt und gelesen haben, wählen sie den Front National. Man müsste Proletarier eigentlich erziehen. Aber Linke würden so etwas nicht sagen, weil für sie Menschen automatisch auf der richtigen Seite stehen, wenn es ihnen schlecht geht. Es ist ein Elend.“

Shumona Sinha erklärt bei jeder Gelegenheit, dass sie sich für Identitätspolitik nicht interessiert. Sie sagt, sie verspüre nicht das Bedürfnis, zu einer Gemeinschaft zu gehören und den Begriff von Nation verstehe sie eigentlich gar nicht. Der Titel ihres aktuellen Romans irritiert daher. Staatenlos deutet an, dass es sich um klagende Gesänge über Exil und den Verlust der Heimat handelt. Das ist aber nicht gemeint. Keine Figur des Romans muss befürchten, vertrieben zu werden.

Der Roman folgt zwei Hauptpersonen, die sich jedoch nie treffen. Mina ist eine junge indische Bäuerin, die in einem Dorf in der Nähe von Kalkutta lebt. Die in der Region regierende kommunistische Partei plant, auf den Feldern, die die Bauern aus Minas Dorf bewirtschaften, eine Automobilfabrik zu errichten. Mina, eine funktionale Analphabetin, führt den lokalen Protest dagegen an. Ein kommunistischer Politbonze lädt sie zu sich ein und bedroht sie. „Groß bist du geworden. Du bist jetzt eine Frau“, sagt er ihr zum Abschied. Es klingt, als warne er sie davor, dass sie jetzt schwanger werden kann. Und dies geschieht tatsächlich. Sie hat Sex mit einem Jugendfreund, wird schwanger, der Typ verschwindet. Gleichzeitig bekommt sie für ihren Protest Unterstützung von einer abenteuerlichen Koalition aus hinduistischen Nationalisten und Maoisten.

Paris, Stadt des Hasses

Im Gespräch erklärt Shumona Sinha, warum Mina in einem metaphorischen Sinne staatenlos ist: Als Frau kann Mina nicht über ihren eigenen Körper selbst bestimmen. Dabei sollte der Körper eigentlich eine Art autonomer Eine-Person-Staat sein mit sicheren Grenzen. Um ihren Körper hat Mina keine Grenzen. Sie stirbt an einem brutalen Gewaltverbrechen, für das es eine Reihe möglicher Täter gibt. Nicht nur die Kommunisten bedrohten sie, vielleicht wollte ihre Familie die Schande einer unehelichen Schwangerschaft ausmerzen oder die unheimliche oppositionelle Koalition initiierte den Mord, um Unruhen zu provozieren (was auch tatsächlich gelingt). Der Roman zeigt eindrücklich, aus wie vielen Richtungen Minas körperliche Unversehrtheit bedroht wird. Sie tut nichts und hat doch nur Feinde.

Esha, die zweite Protagonistin, kennt Mina nur aus den Medien, die über den Mord an ihr berichten. Die Figur hat eine ähnliche Biografie wie die Autorin, Esha lebt in Paris und unterrichtet Englisch an einer Schule in den Banlieues. Wir folgen Esha durch ihren Alltag, in dem die Unversehrtheit ihres Körpers auch immer wieder in Frage gestellt wird.

Ihre in großer Mehrheit arabisch- oder afrikanischstämmigen Schüler erklären ihr, dass Simone de Beauvoir eine „Hure“ war, weil sie Sex mit Frauen hatte. „Zieh dir ’ne Burka an!“, sagt ein Schüler zu ihr. Da sich alle anderen mit ihm solidarisieren, kann er nicht bestraft werden. Der Beamte, der sich um ihre Einbürgerung kümmert, interessiert sich nicht nur dafür, ob Esha an die Werte der Republik glaubt oder ob sie über ihre Biografie lügt. Er würde offenbar auch gerne mit ihr schlafen.

Die Kulisse des Romans bilden antisemitische Demonstrationen, Schändungen jüdischer Friedhöfe, Terrorismus. Wie bei dem Mord an Mina wird auch hier oft nicht klar, wer die Täter sind: französische Rechtsradikale, arabischstämmige Islamisten, linke Antizionisten oder alle zusammen. Wie in den Kapiteln über Mina lässt die Autorin meistens offen, zu welcher Gruppe die Täter gehören. Eine tolle literarische Strategie, die aufzeigt, dass Fanatismus kaum genau zu verorten ist und somit auch schwer zu bekämpfen.

Sinha sagt, der öffentliche Raum in Paris sei nicht immer so voll von Aggressionen gewesen, wie sie es in dem Roman schildert. „Als ich 2001 nach Frankreich kam, fühlte ich mich dort überall sehr, sehr wohl. Vielleicht lag es auch nur daran, dass ich noch Studentin war und das Studentenleben immer toll ist. Genau weiß ich es nicht. Aber ich denke, es hat ungefähr 2012 angefangen, als die Sozialisten an die Regierung kamen. Das verursachte einen Backlash. Nach wenigen Monaten protestierten Hunderttausende gegen die geplante Einführung der Ehe für alle. Und diesen Backlash bemerke ich auch im Alltag.“

Sinha ist klug genug, die Gegenüberstellung der indischen Bäuerin und der französischen Akademikerin nicht auf eine These zuzuspitzen. Aus dem Vergleich geht weder hervor, dass beide Gesellschaften gleich misogyn, unsozial und rassistisch sind, noch erscheint Frankreich als das bessere System. So provoziert der Roman sowohl postkoloniale Kulturrelativisten als auch die Advokaten der Überlegenheit des Westens. Es ist wieder ein tolles Buch geworden. So viel Furore wie Erschlagt die Armen! wird Staatenlos aber nicht machen.

Info

Staatenlos Shumona Sinha Lena Müller (Übers.), Edition Nautilus 2017, 160 S., 19,90 €

06:00 18.10.2017
Geschrieben von

Lukas Latz

Student in Berlin, Spaziergänger überall Twitter: @lukaslac
Lukas Latz

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