Der aussichtslose Kampf gegen die Armut

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vielleicht sollte ich diesen Text nicht so pessimistisch betiteln, und stattdessen mit einer ausnahmsweise frohen Botschaft in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise beginnen:
Durch den Finanzkollaps der vergangenen Monate wurde die Armut gesenkt!!!
Klingt paradox, wenn nicht unverschämt.
Will ich damit vielleicht sagen, dass tatsächlich durch die Abschaffung des (Finanz-)Kapitalismus, der gerade dabei ist sich selbst zu vernichten, das Armutsproblem gelöst werden kann, bzw. sogar bereits Erfolge zu beobachten sind?
Keineswegs, leider – was vor allem die Armut, nicht so sehr den Kapitalismus, angeht. Denn das, wovon ich spreche, ist leider nur eine statistische Senkung der Armut, oder besser gesagt: der statistischen Armutsgrenze.

Durch die Wertpapier-Implosion der letzten Monaten haben vor allem die höchsten und die höheren Einkommensschichten am meisten (absolut, aber auch relativ) an Einkommen und Vermögen verloren - da diese in viel größerem Umfang als die unteren Einkommensschichten ihr Vermögen in Aktien angelegt hatten.
In Deutschland wird die statistische Armutsgrenze als 60% des Netto-Durchschnittseinkommens errechnet, wobei – zum Glück – zumindest hier sowie nach OECD-Kriterien nicht der statistische Durchschnitt (Mittelwert), sonder der Median genommen wird, womit die wenigen, aber deutlich höheren Einkommen weniger Einfluss auf den Wert haben.

D.h. hätten wir als Einkommenswerte 2 – 2 – 3 – 4 – 6 – 20 - 300, wäre deren Mittelwert 337/7 = 48,14, während der Median bloß 4 betragen würde.
Doch selbst bei der Median-Methode zur Bemessung der Armutsgrenze bedeutet ein Einkommenseinbruch der „reicheren Schichten“ (vor allem, wenn diese, wie in Deutschland, breiter sind als in den meisten Ländern der Welt), dass dadurch statistisch die Armut sinkt!...
Zurück zu dem Zahlenbeispiel. Danach wäre die Armutsgrenze bei 60% von 4, also 2,4. Angenommen nun die drei reichsten aus meinem Beispiel verlieren jeweils 33% ihrer Einkommen, die anderen bloß 10% (da sie viel weniger oder gar keine Aktien besaßen).
Dann hätten wir folgendes Einkommensschema: 1,8 – 1,8 – 2,7 – 3,6 – 4 – 13,33 – 200. Dieses ergibt einen Median-Wert von 3,6, was wiederum eine Armutsgrenze von 2,16 bedeutet, also eine Senkung von den vorherigen 2,4. Was statistisch heißt: armutsgefährdet ist jemand nunmehr nicht bei einem Einkommen von 2,4 oder darunter, sondern erst unterhalb von 2,16. Grund zum Jubeln? Wohl kaum.
Ein anderes, simpleres Beispiel: Angenommen, das Einkommen eines jeden Bürgers steigt jedes Jahr um 10%. Statistisch ändert sich dann zwar der Median des Einkommens, aber nicht der Anteil der Bevölkerung die unter die Armutsgrenze fallen – also unter 60% des Medians. Grund zu Frust und Sorge?

Es geht mir nicht um statistische Spielereien, sondern um eine andere Herangehensweise und Betrachtung des negativen Phänomens Armut, das es natürlich auch in einem Land wie Deutschland gibt, wenn auch sehr selten als als die absolute Armut (siehe WHO-Definition). Dennoch scheint mir jeder, der z.B. bettelt oder nach Pfandflaschen im Müll sucht – als arm.
Gleichzeitig finde ich, dass die derzeitige Methode zur Armutsberechnung, viele zu „Armen“ oder „Armutsgefährdeten“ macht, die es gar nicht sind, oder sich gar nicht so fühlen. Wenn man aber aus der Zeitung erfährt, man sei (statistisch) armutsgefährdet – fühlt man sich auch vielleicht doch so...
Für eine echte Armutsbemessung brauchen wir einen absoluter Grundwert (=Armutsgrenze), der einen gesunden Warenkorb, ausreichende Quadratmeter-Miete mit Strom, Wasser & Heizung, sowie eine „angemessene“ (ich weiß, es kling hässlich) Pauschale für nicht-materielle Ausgaben und Werte (Kino, Presse, Freizeitsport) beinhaltet. Hier kann man durchaus diskutieren, was „sozial notwendig“ und was bereits „ein Luxus“ ist, und wie die Gesellschaft es schaffen soll, dass möglichst alle Mitbürger nicht unter eine solche Armutsgrenze fallen.
Die derzeitige Berechnung von Armut ist nichts mehr als eine Aussage über die Einkommensverteilung einer Gesellschaft. Die mich zwar zu paradoxen Beispielen und Aussagen inspiriert, vielen aber eher sorgenvolle Gedanken und Ängste bereitet – sobald man sich ausrechnet, dass man nahe, an, oder unter der „Armutsgrenze“ liegt.

Der „Kampf“ gegen eine derart definierte „Armut“ ist kaum zu gewinnen. Was aber egal sein kann – solange man die tatsächliche Armut erfolgreich bekämpft.

20:21 30.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

Kommentare 1