Die Freude an der Null

Null-Wirtschaft Ein Lob auf das Statische: 0% Neuverschuldung, 0% Zinsen, 0% Inflationsrate, 0% Wirtschaftswachstum. Es lebe die Null in der Wirtschaft!

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Man kann nicht nur Finanzminister Schäuble, nicht nur der Bundesregierung, sondern dem ganzen Land Deutschland gratulieren: Die „schwarze Null“, also ein ausgeglichener Haushalt, wurde 2014 geschafft. Mein Respekt und Freude beinhalten keinen Funken Sarkasmus – ich freue mich wirklich. Ich wüßte zwar nicht, warum eine Null unbedingt „schwarz“ sein muss - ich würde mich auch über eine „rote“ oder „grüne“ oder „lila-weiß-karierte“ Null freuen. Die Hauptsache ist aber, daß die Ausgaben des Bundeshaushalts die Einnahmen nicht übersteigen. Es ist schlicht und einfach vernünftig, so meine Sicht, daß es so bleibt – in den Folgejahren, und wenn möglich nicht nur in Deutschland. Die Einnahmen und Ausgaben sollten lang- und mittelfristig identisch sein – bei einem „Verein“ (und nichts anderes ist ein Staat), welcher als „gemeinnützig“ - also nicht „gewinnorientiert“ - definiert ist. Natürlich, es kann man kurzfristig vorkommen, daß man etwas mehr ausgeben muß (siehe J. M. Keynes) – aber nur von dem, was man vorher erspart hatte (ebenfalls Keynes). Somit wäre langfristig auch eine andere Null wünschenswert – bei der Verschuldung der öffentlichen Haushalte. Denn ohne der Zinskosten für die existierenden Schulden hätte Deutschland längst einen Überschuß von ca. 20 Mrd. €. - und das bei derzeit sehr niedrigen Zinsraten für dt. Staatsanleihen. Vor 10 Jahren musste der Finanzminister für weniger Schulden fast doppelt so viel an Zinskosten an die Gläubiger überweisen. Diejenigen, die meinen, daß es sich „lohne“ gerade jetzt in Zeiten niedriger Zinsen mehr auf Pump zu leben, sind für mich öffentliche Finanzspekulanten.

Da wir bei niedrigen Zinsraten sind – meine Freude über die Nullen geht weiter. Die zweite schöne Null ist die Kapitalverzinsung. Diese beträgt in Deutschland mehr oder weniger 0% für Girokonten und Sparguthaben. Warum sollte es auch mehr sein? Und zwar nicht nur heute, sondern in irgendeiner Zeit, ob vor 10 Jahren oder in 20? Auch hier ist mein Blick nicht materiell motiviert, sondern eher ethisch: Warum sollte ich für mein Kontoguthaben irgendwelche Zinsen, sprich Rendite, erhalten – wenn ich dafür nichts tue? Worin wäre hier mein Verdienst? Weder investiere ich selber in eine Unternehmung, also eine eigene Idee, noch trage ich irgendein Risiko: in der EURO-Zone sind alle Giro- und Sparguthaben bis zu 100.000 € von staatlichen Garantien gedeckt. (Und auf meinem Konto sind derzeit weniger als die o.g. Summe). Wo beim Kapitaleinsatz kein Risiko vorhanden, da ist auch keine Rendite gerechtfertigt. Ich finde es somit vollkommen okay, daß ich jeden Monat ein paar Euro als Kontogebühren zahle – ist immer noch günstiger als ein Safe für Bargeld. Die Verzinsung kann weiterhin bei Null bleiben.

Zumal es noch eine schöne Null gibt, die dritte: die Inflationsrate. Diese liegt derzeit im EURO-Raum ebenfalls bei ungefähr 0%. Wunderbar. Denn alles andere ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch der Vernunft nach negativ zu sehen. Eine Deflation – weil sie dazu führt, daß das Geld, welches nur ein Zahlungsmittel sein sollte, wertvoller wird - und somit übermäßig gehortet wird. Ebenso aber eine auch nur geringe Inflation: denn diese führt genau umgekehrt dazu, daß man motiviert ist, eher Geld auszugeben, als man es notwendigerweise müsste. (Daher der bösartige Wunsch einiger Ökonomen, für den EURO-Raum eine „2-3%ige Inflation anzupeilen“). Zu schweigen von spürbar stärker Inflation, wie etwa in Venezuela oder früher in Polen, wo das gerade verdiente Geld schon am nächsten Morgen deutlich weniger wert ist.

Die vierte Null ist die wichtigste: Das Wirtschaftswachstum. Nur aufgrund magischer Statistik oder des künstlichen Verfalls des Ölpreises wird es 2015 vielleicht ein spürbares (also höheres als der statistische Fehler) Wachstum geben. Gut so. Ich sehe keinen Grund, warum eine Wirtschaft notwendig wachsen sollte. Auch abgesehen von Schäden für Umwelt und Psyche – wie kann ein Wirtschaftssystem, irgendein Wirtschaftssystem, darauf basieren, daß „alles wachsen muß“? Noch sinnvoller als ein Null-Wachstum wäre daher ein erratischer Wachstum, ein irrationaler, nicht messbarer Wachstum (oder Senkung) des Wirtschaftsvolumens. Mal ein Jahr rauf, mal ein jahr runter, dann wieder gleich, etc. etc. Wie bei Temperaturen auf dem (nicht von Klimawandel bedrohten) Mars, oder meinem durchschnittlichen, jährlichen Lesekonsum.

Die nächste „schwarze Null“, die Deutschland anpeilen sollte, wäre eine ausgeglichene Handelsbilanz. Regelmäßig Haushaltsdefizite anzusammeln ist genauso unvernünftig, wie mittel- und langfristig Handelsüberschüsse aneinander zu reihen. Denn der Überschuß des einen ist immer der Fehlbetrag des anderen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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