Ludwik

Auschwitz Warum Ludwik, ein Auschwitz-Überlebender, sich um die kalligraphische Qualität seiner Häftlingsnummer bemühte. Eine Erzählung aus Polen
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Ein US-amerikanischer Soldat schaut nach der Befreiung von Auschwitz auf die tätowierte Häftlingsnummer eines Überlebenden
Ein US-amerikanischer Soldat schaut nach der Befreiung von Auschwitz auf die tätowierte Häftlingsnummer eines Überlebenden

Foto: ERIC SCHWAB/AFP/Getty Images

Onkel Ludwik ist der einzige mir bekannter Mensch, der in Auschwitz war. Ich meine, der einzig mir persönlich bekannter Mensch. Und mit Auschwitz meine ich das KZ-Lager, nicht die Stadt. Das letzte ist nicht selbstverständlich, da ich aus Tychy stamme – der westlichen Nachbarstadt von Auschwitz. Im Polnischen und in Tychy sagt man in beiden Fällen von „war in Auschwitz“ – „byl w Oswiecimiu“, egal ob man das KZ-Lager und die Kriegszeit meint, oder die Dienstreise des Nachbars vor drei Tagen. Mit dieser Nachbarschaft der Städte habe ich – seit ich in Österreich und Deutschland lebte – oft Menschen etwas aufgezogen, die genauer nach der Lage meiner Herkunftsstadt fragten. Da damals das Tyskie-Piwo im Westen niemandem bekannt war, bin ich immer auf „westlich von Auschwitz“ ausgewichen. Was zunächst völlig wertfrei und geographisch gemeint war, hat sich schnell als ein leicht bösartiger Test herausgestellt: Die meisten Gesprächspartner waren bereits von der Erwähnung des Stadtnamens Auschwitz völlig überrumpelt, sie waren nicht nur von der Information selbst geschockt, aber am meisten war es ihnen peinlich zugeben zu müssen, daß sie keine Ahnung hatten, wo denn Auschwitz genau liegt.

Aber zurück zu Onkel Ludwik. Daß er in Auschwitz war, und zwar als Häftling, musste er nicht hervorheben. Es reichte, wenn er im Sommer den linken Ärmel hochzog – und damit die blau tätovierte 6-stellige Nummer zum Vorschein brachte. Ohne jeden Pathos, aber auch ohne einer Spur von Scham. Damit begann auch zwangsläufig jede seiner Auschwitz-Erzählungen. Nicht, daß er viele hätte, denn er redete nicht gerne über die Jahre 1943-1945. Aber er musste jedes Mal dieselbe Geschichte erzählen, sobald Menschen, die er neu kennenlernt, die Nummer sahen. In Polen wußten schon wir als siebenjährige Erstklässler, was diese sechs Ziffern auf dem linken Unterarm bedeuten. Zugleich war das Wichtigste seiner Geschichte eben mit dieser Nummer verbunden. Er erzählte immer mit einer schönen und authentischen Mischung aus Melancholie und Kraft, das heißt eigentlich fragte er seine Gesprächspartner: „Schau mal, sieht die Nummer nicht schön aus?“ Er meinte die Kalligraphie. Dass die Ziffern nicht „irgendwie auf die schnelle auf den zitternden Arm hinkekritzelt“ wurden. Sondern daß er, an dem Tag seiner Ankunft in Auschwitz, explizit darum bat, daß ihm diese Nummer „schön und gerade“ eintätoviert wird. Was vielleicht wie ein absurder, ja krankhafter Wunsch klingt, war in Wirklichkeit seine Einstellung, sein realistischer Optimismus. Er dachte: „Wenn ich dies hier überleben sollte – und um diese Tätovierung komme ich nun nicht herum – dann sollte mein Arm danach möglichst gut aussehen.“

Wie er erzählt, half ihm gerade diese trotzig-lebensbejahende Einstellung dabei vom ersten bis zum letzten Tag zu überleben. Das dies aber nicht der einige Grund war, wußte er natürlich. Auch die Tatsache, daß er nicht als Jude, sondern als Pole klassifiziert wurde. Daß er gerade ein recht gesunder 17-jähriger Teenager war. Daß er dennoch klug war – um zum Beispiel trotz Hitze kein Wasser aus Pfützen zu trinken.

Ludwik habe ich durch meinen Vater kennengelernt, sie waren Arbeitskollegen. Daß wir Kinder ihn Onkel nannten, liegt daran, daß man in Polen diese Bezeichnung oft Nicht-Verwandten gibt, die man nahe in die Familie schließt. Wie der Zufall es wollte: Ludwik wurde an dem Tag von der Gestapo in Warschau verhaftet, an dem mein Vater geboren wurde: 2. Mai 1943.

Auch über die Verhaftung und die Wochen in der Gestapo-Haft spricht Ludwik wie über eine Anekdote: „Schuld“ war „natürlich“ ein Mädchen: Denn wegen eines Rendezvous hat er seine Teilnahme an einer Untergrund-Schulung um 3 Tage verschoben, auf einen Alternativtermin. Wäre er zu dem ersten Termin gegangen, wäre er nicht in die Falle getappt. Danach kommt in seiner Geschichte immer der für Außenstehende und nicht Eingeweihte schockierender Satz, daß er sich gefreut habe, nach Auschwitz zu kommen. Der Hintergrund: Im Gestapo-Gefängnis fand jede Woche eine Exekution der Gefangenen des Untergrunds statt: Dabei wurden alle (jeweils in kleineren Gruppen) an die Wand gestellt, und dann wurde nach einem Zufallsprinzip (Spontanität der Soldaten?) jede Dritter erschossen. Die übrigen zwei Drittel durften zurück in ihre Zellen – bis zur nächsten Woche. So war ihm und seiner Familie klar, daß die Wahrscheinlichkeit gegen ihn arbeitete. In der Familie wurde es als „Erfolg“ angesehen, als Mithilfe von Bestechung und vielen Bittsteller-Besuchen die Eltern seine Überstellung nach Auschwitz endlich erwirkt hatten.

Ansonsten, bis auf seine Anekdoten, spricht er wie gesagt wenig über die Zeit im Lager. Ich weiß nie, ob der Grund Überdruss oder Bescheidenheit ist. Eines ist klar: Er spricht stattdessen viel lieber über das Leben. Manchmal hat er fast unhöflich (wobei Ludwik nie unhöflich sein kann, er ist ein umwerfender Charmeur) das Thema gewechselt: „Ach, aber erzählt doch du jetzt mal über euch, wie geht es denn deinem neuen Buch, deinen Kindern, deinem Haus? Erzähl mehr von deiner letzten Reise ... “ Es interessierte ihn nicht nur, er war jedes Mal begeistert davon, Geschichten voller Leben zu hören zu bekommen. Um immer wieder zu rufen: „Phantastisch! Unglaublich! Wunderbar!“ Damit bestätigte er auch sich selbst, wie schön das Leben ist – ob das der anderen, oder das eigene. Ob 1945 oder 1989 – er erwähnte immer wieder unermüdlich jedes neu aufgebaute Haus, in Parks neu angelegte und blühende Blumenbeere, neue duftende Bäckereien. Das Leben eben. Das ist sein Sieg über Auschwitz, über den Nazis, über den Haß, über den Tod.

Auf Deutschland oder die Deutschen fühlte er nie Haß. Er hat immer unterschieden zwischen dem Volk, den einzelnen Menschen, und den Tätern und Mitläufern. Statt über diejenigen nachzusinnen, die ihn verhaftet und umbringen wollten, dachte er an jene Deutschen, die ihn bei seinen Überführungsmärschen von Auschwitz über Buchenwald und nach Dachau heimlich mit Essensstücken unterstützt hatten. Auch das war seine Art: Lieber die Erinnerung an das Gute als an das Schlechte im Menschen in sich zu bewahren. Daher war er auch immer wieder in Deutschland, sprach gerne Deutsch sobald sich die Gelegenheit dazu bot (ohne zu erörtern, wie er zu seinen Sprachkenntnissen kam), er hatte nichts dagegen, dass seine Tochter einen Deutschen heiratete. Irritiert hat ihn nur eine Sache: Wenn er wiedermal mit einem neuen deutschen oder österreichischen Gesprächspartner auf das Thema „Ich war in Auschwitz“ kam, musste er jedes Mal erklären und richtig stellen, er wäre kein Jude. Vielleicht lag es an seinem für Polen ungewöhnlichen Nachnamen, vielleicht weil viele nicht wußten, daß in den KZ-Lagern nicht nur Juden waren. Zumal nicht selten der freundlich-großzügige Nachsatz kam: „Ach, Sie können es ruhig sagen!“

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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