Margaret Thatcher in Zahlen

Thatcher Die Urteile über M. Thatcher liegen weit auseinander, und sind sehr emotionalisiert. Hier ein Versuch, nüchtern mithilfe öknomischer Zahlen ihre 11 Jahre zu bewerten.
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Während unter anderem hier im „Freitag“ über Margaret Thatcher hergezogen wird und sie noch als Tote als ideales Feindbild herhalten kann, waren die Nachrufe in z.B. polnischen Tageszeitungen, die ich gestern durchgegangen bin, vorwiegend positiv bis verehrend. In beiden Fällen von Sichtweisen entdecke ich ein großes Maß an Ideologie, ja sogar an Emotionen – was bei Erinnerungen ja verständlich ist. Daher beschloß ich mich in einer nüchterne, ökonomische Bilanz über die Regierungsjahre Margaret Thatchers zu versuchen.

Als erstes die hohen Inflationsraten, mit denen Großbritannien in den 70er Jahren geplagt war. Hier sind die Zahlen ganz klar, Thatcher hat es in relativ kurzer Zeit geschafft – tatsächlich nach Milton Friedman – die Inflation zu senken (in Klammern die Jahre ihrer Wahlerfolge bzw. des Rücktritts):

13,4% (1979) - 4,6% (1983) - 4,2% (1987) - 9,5 (1990). In den Jahren davon betrugen die Inflationsraten übrigens bis zu 25% pro Jahr.

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(Quelle: http://www.measuringworth.com/calculators/inflation/result.php)

Da die Inflation alle Einkommensschichten gleichermaßen trifft, und darüber hinaus – wegen der damit verbundenen hohen Zinssätze – das Investitionsklima schädigt, kann dies auf jeden Fall als ein großer Erfolg verbucht werden. Allerdings zeigen die Zahlen auch, dass gegen Ende ihrer Regierung die Inflation deutlich wieder stieg, was den Erfolg der 80er Jahre zum Teil relativiert.

Der zweite Erfolg Thatchers ist die spürbare Senkung der öffentlichen Schulden. Auch das kann als sozial gelten: je weniger man für die Zinslast zahlen muss, desto handlungsfähiger der Staat:

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(Quelle: http://www.tradingeconomics.com/united-kingdom/government-debt-to-gdp)

Natürlich könnte man einwenden, die Senkung der Staatsverschuldung wurde durch Schließungen der Bergbau-Industrie und/oder durch Privatisierungen erreicht. Doch egal ob man Thatcher-Fan oder – Feind ist, ist es zahlenmäßig ein Humbug. Denn weder durch Streichung der Subventionen an die Bergbau-Industrie (oder die Kosten wenn diese regelmäßig Verluste einfahren), noch durch die Einnahmen aus der Privatisierung wäre ein derartiger Schuldenabbau möglich. Beides waren „peanuts“ verglichen mit der gesamten Staatsverschuldung. Woraus wieder folgt: die Einschnitte gegen den Bergbau und andere Industrien, genauso wie die Privatisierungswelle waren weniger „buchhalterische“ Maßnahmen zur Verbesserung der Staatsfinanzen, als ideologische Manöver. Wobei man in beiden Fällen – Deindustralisierung und Privatisierung auch falsch liegt, wenn man es pauschal als „freie“ (oder gar „radikale“) Marktwirtschaft nennt. Gerade viele Privatisierungen (British Railways etc.) brachten keine „freieren“ Markt, da diese Unternehmen und Marktbereiche weiterhin monopolistisch blieben – nur eben nun in „privatem“ und nicht „staatlichem“ Eigentum.

Andererseits kann auf keinen Fall von „Verschlankung“ des Staates oder von Senkung der Staatsausgaben sprechen. In den Thatcher-Jahren hat der Staat nicht aufgehört, seine Ausgaben zu erhöhen, und – anders als bei „Reaganomics“ - war der Grund nicht massiv erhöhte Militärausgaben (so gesehen war finanziell auch der Falkland-Krieg ein „peanut“) (als Vergleich in manchen Diagrammen die Zahlen vor 1979):

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(Quelle: http://www.tradingeconomics.com/united-kingdom/government-spending)

Thatcher hat es also geschafft, die Staatsausgaben nicht zu senken – und dennoch die Budgetdefizite und die Staatsverschuldung zu senken.

Das gelang Thatcher, obwohl sie massiv die Unternehmenssteuern und Einkommenssteuern senkte – wohl wieder der Chicago School folgend, dass man Anreize für Wirtschaft schaffen sollte – und die indirekten Steuern zwar erhöhte, doch im geringerem Maße:

Corporate Tax:

The 1979 Conservative Budget of Geoffrey Howe cut the small companies' rate to 40%, followed by a further cut in the 1982 Budget to 38%.[5] The Budgets of 1983–1988 saw sharp cuts in both main and small companies' rates, falling to 35% and 25% respectively.[5] Budgets between 1988 and 2001 brought further falls to a 30% main rate and 19% small companies' rates.[5] From April 1983 to March 1997 the small companies' rate was pegged to the basic rate of income tax.[7] During the 1980s there was briefly a higher rate of tax imposed for capital profits.

(http://en.wikipedia.org/wiki/United_Kingdom_corporation_tax#Rates)

Income Tax:

Margaret Thatcher, who favoured indirect taxation, reduced personal income tax rates during the 1980s.[14] In the first budget after her election victory in 1979, the top rate was reduced from 83% to 60% and the basic rate from 33% to 30%.[15] The basic rate was also cut for three successive budgets - to 29% in the 1986 budget, 27% in 1987 and to 25% in 1988.[16] The top rate of income tax was cut to 40% in the 1988 budget.The investment income surcharge was abolished in 1985.

Under the government of John Major the basic rate was reduced in stages to 23% by 1997.Under Labour chancellor Gordon Brown it was further reduced in stages to 20% by 2007.As the basic rate stood at 35% in 1976, it has been reduced by 15% since then.However, this reduction has been largely offset by increases in other taxes such as National Insurance contributions and Value Added Tax (VAT).

(http://en.wikipedia.org/wiki/History_of_taxation_in_the_United_Kingdom#Income_Tax)

VAT:

Conservative Chancellor Geoffrey Howe increased the standard rate of VAT from 8% to 15% and abolished the higher rate in June 1979.[2][5][9] The rate remained unchanged until 1991, when Conservative Chancellor Norman Lamont increased it from 15% to 17.5%.

(http://en.wikipedia.org/wiki/Value_Added_Tax_%28United_Kingdom%29)

Es hat wohl wirklich gestimmt – in diesem Fall Großbritanniens und in dieser Zeit - mit den Ideen von Friedman & Co.: Senkung der Unternehmens- und Einkommenssteuern hat dem Fiskus doch insgesamt mehr Einnahmen als Steuerausfälle beschert. Anderseits ist klar, daß eine derartige Refokussierung der Steuereinnahmen – von direkten zu indirekten Steuern – vor allem die mittleren und unteren Einkommensschichten trifft – da diese weniger oder nichts direkt zu versteuern haben, jedoch jeden Tag die VAT zu entrichten haben. Zu Folgen von Thatcher-Politik für die „soziale Einkommensschere“ aber später (GINI-Koeffizient).

Da der Staat trotz deutlich gesunkener Steuersätze die Schulden abbauen konnte, liegt am deutlichen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in den Jahren 1979-1990. Vor allem auch – statistisch sehr relevant – real und pro Kopf gemessen:

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(Quelle: http://www.measuringworth.com/datasets/ukgdp/result.php)

http://www.fotos-hochladen.net/uploads/bild5hkbaj1unmx.png(Quelle: http://www.tradingeconomics.com/united-kingdom/gdp-growth-annual)

Wie man sieht, stieg das BIP seit 1981 konstant auf durchschnittliche Raten von 5% pro Jahr – deutlich mehr als in den 70er Jahren, und das ohne dass der Grund eine höhere Staatsverschuldung wäre (deficit spending). Wieder ein Punkt für Friedman. Außer, dass wie bei der Inflation, die Zahlen gegen Ende der 80er Jahre wieder schlechter werden.

Das steigende BIP spiegelt sich auch im deutlich gestiegenen „verfügbare Einkommen“ wieder (also dem, was dem Bürger am Ende nach Steuern bleibt, um zu leben):

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(Quelle: http://www.tradingeconomics.com/united-kingdom/disposable-personal-income)

Überraschender Weise sieht es bei der Sparquote lange nicht so gut aus, während die Konsumausgaben deutlich steigen:

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Die Interpretation ist nahe liegend: Es wurde mehr konsumiert als gespart. Ob dieser Trend gut oder schlecht für die Wirtschaft wie für den Einzelnen ist, sei dahingestellt - solange sich der Einzelne nicht verschuldet. Mir fehlen hier leider genauere Zahlen zur privaten Verschuldung der Haushalte, doch bei diesen Zahlen bin ich sehr kritisch: Ich vermute, die angeblich so sparsame Tochter einer armen Krämerfamilie hatte nichts dagegen, daß ihre Landsleute weniger zurücklegen und dafür ihr Einkommen eher verkonsummieren, womöglich teils durch private Schulden (denn die Sparquote ist ein Durchschnitt, bei dem die Reichsten eher Kapital zurücklegen und es nicht schaffen es zu konsumieren, die Mittel- und Niedrigeinkommen eher umgekehrt).

Da wir bei statistischen Durchschnitt sind – auch das reale BIP pro Kopf, das verfügbare Einkommen und die Konsumausgaben – das sind alles Durchschnittswerte. Sie sagen nichts über die Verteilung der Einkommen oder der Steuerlast. Hier ist es notwendig, den GINI-Koeffizienten zu nehmen, quasi als zusätlichen „deflator“ zu dem schönen Mittelwerten. Die Zahlenreihe wieder gekoppelt an die Jahre:

26% (1979) - 27% (1983) – 34% (1987) – 37% (1990).

Je höher die GINI-Rate, desto ungleicher ist das Einkommen in der Bevölkerung verteilt (0% = allen gehört genauso viel, 100% - einer Person gehört alles). Diese Zahlen belegen, dass Thatchers Politik tatsächlich – trotz vieler Erfolge – zu einer deutlich größeren „Schere“ in den Einkommen geführt hat. Teils durch die Steuerpolitik, teils aber auch durch Lohnentwicklung und die Arbeitslosigkeit.

Zur Entwicklung der Reallöhne fehlen mir leider die Zahlen für 1979-1990, deswegen helfe ich mir mit Zahlen aus 1986-2011. In dieser Zeit ist zwar der reale Stundenlohn um 62% gestiegen – klingt wunderbar. Allerdings, wenn man sich die Einkommensschichten genauer ansieht, betrug der Anstieg für das unterste Prozent 13%, während die obersten Einkommen um 67% zulegten. (Quelle:

http://www.ons.gov.uk/ons/dcp171776_286266.pdf). Das bedeutet, dass zwar alle über die 25 Jahre real mehr verdienten, doch die „Ausschüttung“ der Zuwächse sehr ungleich ausgefallen ist. Trotzdem muss bei aller Ungleichheit gesagt werden, dass in derselben Zeit die realen Durschnittseinkommen in Deutschland oder USA kaum angestiegen sind.

Wenn man vom Stundenlohn redet, ist die Produktivität nicht weit. Hier die Zahlen:

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(Quelle: http://www.tradingeconomics.com/united-kingdom/productivity)

Man sieht deutlich, dass die Produktivität seit Thatcher deutlich steigt (um gegen Ende ihrer Regierung zu stagnieren). Wenn man jedoch die Raten der Lohnentwicklung heranzieht, haben wir das alt bekannte Bild: Den meisten Gewinn aus den Produktivitätszuwächsen hat nicht der Arbeitnehmer, sondern der Arbeitgeber – womit wir wieder bei einem Grund für die GINI-Entwicklung wären.

Diese wird auch durch die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen deutlich:

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(Quelle: http://www.tradingeconomics.com/united-kingdom/unemployment-rate)

Zwar senkt sich die Zahl gegen Ende der Regierung deutlich, womit man Thatcher nicht anlasten kann, dass sie dauerhaft hohe Arbeitslosigkeit geschaffen hatte. Da aber der GINI-Koeffzient in dieser Zeit nicht steigt, vermute ich eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland seit der Agenda 2010: Die Arbeitslosen zahlen sinken zwar, doch meist durch schlecht bezahlte Jobs. Und die Jahre der hohen, konstanten Arbeitslosigkeit davor haben „nachgeholfen“, am Arbeitsmarkt der Arbeitgeberseite eine viel stärkere Position für Job-Verhandlungen zu verschaffen.

Schließlich – hat Margaret Thatcher die britische Industrie wirklich zu Grabe getragen? Scheint mir nicht so, denn im Vergleich zu den 70er Jahren ist die Entwicklung der Industrie im Schnitt kaum zurückgegangen:

http://www.fotos-hochladen.net/uploads/bild11tafsjupk2l.pngDie Wachstumsraten bleiben meist bei +- 5% - wobei man wieder sieht, dass die Indikatoren schlechter werden, je man sich dem Jahr 1990 nähert. Aus meiner Sicht war es nicht so sehr Thatcher, sondern viel mehr John Major und Tony Blair, die aus Großbritannien einen „Finanzmarktplatz“ gemacht hatten, in dem die Industrie an Bedeutung verloren hat. Thatcher hat die Entwicklung der Finanzindustrie befördert, doch sie wollte nicht gleichzeitig die Industrie vermotten. Das haben ihre Nachfolger gemacht.

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Vielleicht aber auch deswegen, weil sie versucht hatten, aus dem hier wiederholt beschriebenen Niedergang der britischen Wirtschaft 1988-90 (BIP-Wachstum, Inflation, Importdefizite, gesunkene Produktivität) einen Ausweg zu finden – und fanden als Zaubermittel die Finanzindustrie (deren Gurus übrigens nicht Milton Friedman, sondern Scholes & Fischer waren).

Abschließend – die Wahlergebnisse Thatchers: 43,9 % (1979) - 42,4% (1983) – 42,2% (1987).

Diese zeigen, dass sie zumindest einen großen Teil der Bevölkerung hinter ihre Politik bringen konnte, und es lag meiner Meinung nach eher an der Wirtschaft, als am verlautbarten Antikommunismus oder dem patriotischen Falkland-Krieg. Somit ist es auch logisch, dass sie ihren Rücktritt erklärte, als ihr Wirtschaftsmodell doch stark ins Trudeln geraten ist. Wobei dieses „Trudeln“ eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Krise 2008-2013 ist, welche ihren Nachfolgern und den entfesselten, unverantwortlichen und irrealen Finanzkapitalismus anzulasten ist.

12:43 10.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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