Sind wir nicht alle Uli Hoeneß?

Steuerbetrug Wir sind gerne Weltmeister. Wir waren mal Papst. Doch sind wir nicht manchmal selber auch Uli Hoeneß?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Uli Höneß hat Steuern hinterzogen, vermutlich. Denn trotz seiner Selbstanzeige ist das Verfahren lange nicht abgeschlossen. Aber sehr wahrscheinlich darf man bald den ersten Satz nicht nur ohne dem „vermutlich“ sagen, sondern auch direkter formulieren: Uli Hoeneß ist ein Steuerbetrüger. Es sollen ungefähr 6 Millionen Euro sein, die er der Staatskasse vorenthalten hatte. Das ist verwerflich, das ist kriminell, daran ändert auch sein soziales Engagement nichts.

Er ist ein Steuerbetrüger – wie schätzungsweise 8 Millionen seiner Landsleute. Mindestens. Denn auch unter den vielen Tausenden, Hunderttausenden, ja Millionen vielleicht, die „den Fall Hoeneß“ kommentieren und beurteilen, befinden sich viele ähnliche Betrüger. Bei wenigsten davon liegt der Steuerbetrug in dieser Millionenhöhe – was nichts daran ändert, daß es ein Betrug am Staat, an der Allgemeinheit ist.

Denn nüchtern betrachtet (und das erhoffe ich nicht nur von einem Finanzbeamten) ist es für den Staat egal, ob eine Person 6 Millionen Euro hinterzieht, oder aber 6 Millionen Bürger jeweils einen Euro hinterziehen. Am Ende wird dadurch der Allgemeinheit (und dazu ist der Staat und die Staatskasse gedacht) dieselbe Geldsumme vorenthalten.

Auf Uli Hoeneß mögen sich nun viele stürzen, weil er eine bekannte Persönlichkeit ist und weil die hinterzogene Summe sehr hoch ist. Wäre da ein ethisch kritischer Blick auf das eigene Verhalten, auf die „Details“ der eigenen Steuererklärung (oder des Elterngeld-, Hartz-4-, oder sonstigen Förderantrags) nicht sinnvoll, sollte man den „kleinen Betrug“ nicht genauso verurteilen? Wie oft wird dabei – sei es die Pendlerpauschale, die Werbungskosten, die „Fachliteratur“, die Verrechnung des privaten PKWs oder die Berechnung des „Arbeitszimmers“ - ebenso betrogen? Die geschätzten Ausgaben eher „nach oben“ aufgerundet, ebenso die Kilometer oder die Raumfläche? Und was ist mit Schwarzarbeit? Egal, ob man dieser z.B. als ein Hartz-4-Bezieher nachgeht, oder diese als Auftraggeber für „schwarz“ arbeitende Handwerker, Putzfrauen, oder Babysitter in Anspruch nimmt?

Der Fall Hoeneß ist aus meiner Sicht nur dadurch verwerflicher als anderer Betrug, weil hier auch die relativen Dimensionen größer sind. Denn die 6 Millionen (über ca. 12 Jahre, also 500.000 Euro pro Jahr) an hinterzogenen Einkommens- oder Abgeltungssteuern machen bei Hr. Hoeneß – proportional zu den jährlich ordnungsgemäß abgeführten Steuern – wahrscheinlich mehr aus als bei jemanden, der seine Kilometerpauschale „nach oben frisiert“. Hoeneß hatte vielleicht 30-50% seiner Steuern nicht bezahlt, bei den meisten ihre Steuererklärung „schön rechnenden“ Bürgern schafft man bestenfalls 5% bis 10% an „Ersparnis“. Dagegen ist der Betrug eines schwarz arbeitenden Hartz-4-Beziehers, am Gesamteinkommen gemessen, womöglich größer bei Höneß. Ein Festangestellter oder ein Rentner hat weniger Möglichkeiten zu betrügen und zu tricksen als ein Selbständiger – da reicht ein kurzer Blick in die einfachste „Steuer-Spar-Software“.

Und es gibt noch einen zweiten besonderen Aspekt der Unverhältnismäßigkeit – die Gesetzgebung. Die Tatsache, daß Steuerbetrüger – ob groß oder klein – sanfter angefasst werden und ihnen meist weniger Konsequenzen drohen, als einem erwischtem Schwarzarbeiter (auch das proportional zum Einkommen und zur Betrugshöhe). Ganz zu schweigen von Behandlung und Sanktionierung von Sozialhilfe- und Hartz-4-Empfängern. Nur für die ersteren gibt es dieses seltsame, und von Hr. Hoeneß auch genutzte, Instrument der „Selbstanzeige“.

Dennoch meine ich: Uli Hoeneß´ Verhalten ist zu verurteilen, keine Frage. Weil Steuerbetrug generell als Diebstahl zu verurteilen ist – bei allen, die es tun. Unabhängig von der absoluten oder relativen Geldsumme. Mögen die Millionen „Kleinsteuerbetrüger“ privat auch mindestens so sozial engagiert und spendabel wie Herr Hoeneß sein.

Wir sind gerne mal Weltmeister. Wir waren mal Papst. Wir sind immer wieder auch Uli Hoeneß.

[Nachtrag am 29.04.2013:

Als Ergänzung hier einige Zahlen zu hier besprochenen Themen:

https://www.freitag.de/autoren/lukasz-szopa/steuerbetrug-und-verwandtes-in-zahlen

]

13:23 26.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

Kommentare 114

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar