Systemisches Risiko Ackermann

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Bisher wollte ich nicht zu denen gehören, die auf Josef Ackermann, dem Chef der Deutschen Bank, herumreiten. Ob wegen seines einstiges Vicory-Zeichens beim Mannesmann-Prozess (Was ist schlimm daran, als Angeklagter vor einem unabhängigen Gerichtsverfahren und bei der jedem zustehenden Unschluldsvermutung, Zuversicht auszudrücken?), oder wegen seiner hohen Gehälter (Da ich weder Kunde seiner Bank noch deren Aktionär bin, bin ich froh, dass ein großer Teil davon als Steuern dem Staat zukommen). Ich fand es sogar lobenswert, als Ackermann Ende 2008 meinte, er würde sich (als Bank) schämen, Staatshilfen anzunehmen. Ackermann zu beschimpfen hat in Deutschland etwas von McDonalds-Kritik: Auch wenn viele noch schlimmer sind, dienen beide, als negatives Aushängeschilder, als "Hau-den-Lukas"-Vorlagen.

Doch meine vorgestrige Zeitungslektüre inspirtiert mich nun doch zu einer eindeutigen Ackermann-Kritik. Nicht wegen des großlettrig verkündeten aktuellen 9,9 Mio-Euro-Gehalts für Josef Ackermann, sondern wegen seiner Aussage zur Griechenland-Krise - die in einem Mini-Artikel auf den hinteren Seiten des Wirtschaftsteils der Tageszeitung zu finden war ("Ackermann für Rettung der Griechen", "Süddeutsche Zeitung" vom 18.03.2010, S.25).
Ackermann wird darin wie folgt zitiert: "Wir müssen das Land auffangen. Es fallen zu lassen, ist unvorstellbar. Wir müssen kleinere Brände löschen, bevor noch größere entstehen." Und weiter: "Es handelt sich um eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung, die Kosten wären für alle zu hoch, wenn man keine Rettung findet." Zu beachten sind rein sprachlich einerseits die wenig "wirtschaftssachlichen" Vokabeln wie "unvorstellbar", "Brand" oder das wiederholte "(wir) müssen", und andererseits, im Gegenzug, das trockenen Worte von einer "Kosten-Nutzen-Rechnung".

Was Ackermann hier natürich meint, ist nicht sein Mitgefühl mit den maroden Staatsfinanzen Griechenlands. Er fordert die EU und den deutschen Staat, Griechenland finanziell zu helfen - damit deren Gläubiger, aber allen voran seine Instiution, keine Schwierigkeiten bekommen: "Wenn man Griechenland nicht stabilisiere, werde als nächstes das griechische Bankensystem zum Problem, was für deutsche Banken weitere Milliardenausfälle bedeuten würde."
Es scheint also, als hätte Herr Ackermann seine Meinung geändert und schämt sich nun nicht mehr, den Staat um Hilfe zu bitten - oder er möchte seine Gefühle zumindest verbergen. Er offenbart allerdings andere Gefühle (Angst? Panik? Sorge?), indem er uns emotionell nahe legt, wir sollen den Griechen unbedingt mit Staatsgeldern helfen - nur damit diese das Geld als Schuldner umgehend an die Deutsche Bank überweisen (oder auch von dieser neue Kredite erhalten können). Es wird mit "Bränden" gedroht, andererseits auf "unser aller" Nutzen verwiesen. Wir sind zurück im Herbst 2008, als die Banken mit der Drohung des "systemischen Risiko" von den Staaten hunderte Milliarden erpressten.
Mag sein, dass tatsächlich ein solches Risiko bestand und auch heute im Fall Griechenlands besteht. Doch war es nicht Ackermann und seine Kollegen, die seit dem Ausbruch der Finanzkrise alles dagegen unternommen hatten, dass Staaten Finanzinstitutionen stärker regulieren und kontrollieren (vor allem durch höhere Eigenkapitalsätze, aber auch durch den Verbot einiger Finanzinstrumente)?
Die Deutsche Bank hat in der Vergangenheit gerne als Gläubiger den Griechen Kredite gewährt - und nun sollen wir alle dafür garantieren, wenn deren Rückzahlungen nicht klappen? Als Gläubiger verlangt jede Bank vom Schuldner den Zins - der die Risiken abdecken soll. Darüberhinaus kann sich jede Bank gegen Kreditausfälle rückversichern. Hat nun die Deutsche Bank schlecht kalkuliert?
Oder definiert hier Ackermann seine Version der "sozialen Marktwirtschaft": die möglichen Gewinne fließen den Banken zu, für die Verluste garantiert die ganze Gesellschaft? In solch einem Fall hätte ich tatsächlich etwas gegen das hohe Gehalt des Deutsche Bank-Vorstands - da sich ja dieser aus Gewinnen ableitet, während die Risiken wir alle tragen müssen.

Sollte man also - wenn man schon als Staat die Risiken tragen muss - die Banken nicht lieber gleich verstaatlichen? Nur das nicht! Denn staatliche Banker und Investoren sind keinesfalls besser als private.
Meine Version einer Freien Marktwirtschaft sieht eher so aus, dass diese Wirtschaftsordnung (und damit die ganze Gesellschaft) auch frei von Drohungen der Banker und deren "systemischen Risiko" bleibt. Wenn man die Finanzinstitutionen und deren Geschäftspraktiken (vor allem deren Volumen!) soweit reguliert, dass sie keine Bedrohung für die gesamte Volkswirtschaft darstellen (ob durch höheres Eigenkapital, Abtrennung des Investment-Banking vom "normalen" Bankengeschäft, oder durch die Zergliederung der Banken) - können von mir aus die Banker von ihrem Arbeitgeber beliebig hohe Gehälter und Boni erhalten. Sie sollen aber nie die Frechheit besitzen von der Allgemeinheit zu verlangen, irgendwelche "Brände" löschen "zu müssen."

P.S. Übrigens, sollte zum Beispiel die deutsche Regierung der griechischen helfen, wird sie das Geld leider nicht aus einem Festgeld-Konto überweisen, sondern sich selbst noch weiter verschulden müssen - vielleicht bei denselben deutschen Banken, die nun um ihr "griechisches Geld" bangen. Also würden die Milliarden von Frankfurt nach Berlin, dann von dort nach Athen, und von dort wieder zurück nach Frankfurt zu den Banken. Eigentlich kommen also die Milliarden gleich wieder zurück, wobei Griechenland nun nicht den deutschen Banken, sondern dem deutschen Staat Geld schuldet. Der Unterschied ist aber, dass während die Privatbanken nun einen besseren Schuldner hätten (Deutschland statt Griechenland), übernimmt der deutsche Staat das Risko eines Griechenland-Kredits für das er sich im Inland weiter verschulden musste...

21:51 20.03.2010
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Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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