WER HAT ANGST VORM SYSTEMISCHEN RISIKO?

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Kürzlich hat der Bund eine weitere Garantie für die eigentlich – seien wir ehrlich – bankrotte Bank HRE gegeben, und will durch Enteignung auch noch zum Eigentümer dieser Bank werden. Insgesamt belaufen sich die Garantien somit auf 102 Milliarden Euro. 102.000.000.000 EUR.
Man sagt, die Bank sei „systemrelevant“, bei einer Pleite würde durch einen „Domino-Effekt“ womöglich das ganze Finanzsystem eine „Kernschmelze“ erfahren. Daher sei die HRE zu stützen, da sie ein „systemisches Risiko“ birgt.
Es wird zwar beschwichtigt, dies seien „nur Garantien“, also dass (noch) kein Geld des Steuerzahlers geflossen sei.
Dennoch, ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, persönlich für diese Bank mit ca. 1200 Euro zu haften – so die Summe, wenn man die Garantie auf Deutschlands Bevölkerung aufteilen würde.

Angenommen, wir glauben der Regierung, dass eine solche Bürgschaft notwendig ist, weil es sonst zu einem Zusammenbruch des Finanzsystems, wenn nicht sogar der ganzen Wirtschaftsordnung kommen würde. Dass es also tatsächlich ein „systemisches Risiko“ durch diese Bank gibt. Genau. Durch die derzeitige Lage der HRE, alsoderen Existenz.
Hier frage ich: Was ist es denn für ein „Finanzsystem“, in dem es möglich ist, dass eine Bank, die dem Durchschnittsbürger nicht einmal vom Ladenschild bekannt ist, einen „Domino-Effekt“ der Pleiten auslösen könnte? Oder könnte fast jede größere Bank, die in „Schieflage“ gerät, das System erschüttern? Umso schlimmer für „das System“. Das System und eine Regulierung, welches einem Finanzinstitut erlaubt, mit nur 5-7% Eigenkapitalquote Milliarden-Geschäfte zu betreiben! Wieviele Klein- und Mittelbetriebe könnten mit einer derartigen Bilanz überhaupt bestehen? Keines. Wieso ist es möglich, dass andere, tatsächlich systemrelevante Wirtschaftszweige wie Energie- oder Wasserversorger, oder sogar die Lebensmittelproduzenten nicht zu einem (plötzlichen!) Systemrisiko werden? Wäre es möglich, dass halb Deutschland plötzlich ohne Strom da stünde, „nur“ weil – über ein halbes Jahr lang – z.B. RWE von Pleite bedroht wäre?

Mein Problem bei diesen Bürgschaften ist jedoch, dass ich der Regierung nicht ganz glauben kann.
Mag sein, dass ich irre und meine Skepsis ungerechtfertig ist, doch wenn jemand seit fast einem halben Jahr (Oktober 2008) einerseits wie eine Telefonwarteschleife von einer „systemrelevanten Bank“, einem „systemischen Risiko“ redet und vor allem die Worte „keine Alternative“ hypnotisierend verwendet, andererseits aber keine plausiblen und detaillierten Erklärungen oder Darstellungen der Notwendigkeit einer solchen „Rettung“ mir, dem Bürger, bietet – dann werde ich als Bürger (und Steuerzahler) eben misstrauisch.
Bei solchen Summen gäbe es sicher noch die Mittel, ein paar Werbeeinschaltungen der Regierung zu setzen, ob in der Presse oder vor den Nachrichten, die mit schönen Bildchen, kleinen bunten Animationen, ein paar Zahlen und einer glaubwürdigen Lektor-Stimme im Hintergrund zumindest im Ansatz das Problem erklären.
Zu schweigen von den konkreten Zahlen: Wenn die Regierung die Informationen hat, mit wieviel Geld sie eine Bank stützen oder für sie bürgen muss, dann muss sie doch genaue aktuelle Bilanzzahlen der HRE oder zumindest ernsthafte Wahrscheinlichkeits-Berechnungen der zu erwarteten „Finanzlöcher“ und „Pleiten“ vorliegen haben.
Also entweder die Bundesregierung hat diese Zahlen, weiß also was sie tut, will es uns aber nicht sagen, oder aber... sie hat keine Ahnung – und will auch das nicht zugeben. Und erhöht die Garantieausgaben aus purer blinder Angst: vor dem Finanzkollaps, der Wirtschaftsdepression, vor dem „neuen Jahr 1929“ - und vor allem vor dem Unbekannten.

Lieber also alles garantieren, so tun, als wäre es alternativlos (ebenso wie „Konjunkturpakete“ als „ohne Alternative“ dargestellt werden), und als wäre auf einmal der „freie Markt“ unfähig, irgendwas zu tun.
Der freie Markt, der vielleicht nicht perfekt ist, und sicher nicht den Staat in vielen Aufgaben ersetzten kann. Der aber seit Oktober die HRE ohnehin als bankrott und fast wertlos einschätzt, und auch die Werte deren (bekannter) Gläubiger – also Banken, Finanzinvestoren, Versicherungen, etc. - herab gestuft hatte. Sicher, ohne Bund-Garantien würde der Markt die Gläubiger noch weniger bewerten – aber warum denn nicht? Sollen wirklich die Bürger das Risiko tragen?

Wäre es nicht sinnvoller, dass sowohl die HRE, als auch – wenn der Fall eintreten sollte! - deren geschädigte Gläubiger Insolvenz anmelden? Und dann, da das deutsche Insolvenz eher einen Neuanfang als einen Untergang anpeilt, abgewickelt werden, in den meisten Fällen als gesündere neue Unternehmen. Mit einer höheren Eigenkapital-Quote, bitte. Und einem geringeren „Grad der Verwobenheit untereinander“. Und ohne der Möglichkeit, zum „systemischen Risiko“ zu werden.

Denn langfristig ist es ein viel ernsthafteres („systemisches“) Risiko, wenn Unternehmen für ihre Geschäftsaktivitäten nicht in vollem Sinne haften – und davon ausgehen, man könne ruhig „risikofreudiger“ handeln: wenn es gut geht, sind wir erfolgreich, wenn nicht – wird uns schon der Staat, also die Allgemeinheit, stützen.
Eine derartige asymmetrische Einstellung zur Folgen eigenes Handelns ist nämlich nicht nur in der Wirtschaft, sondern generell falsch. Daher wünschte ich einen „pädagogischen“ Weg der Insolvenz, der über die Konsequenzen der Handlungen als Beispiel dient, aber auch nicht zwangsläufig einen „Untergang“ bedeutet. Ein langlebiges Beispiel für die Finanzbranche, wie für jeden Wirtschaftstreibenden, wie auch für jede Einzelperson die mit Geld zu tun hat.

10:33 23.03.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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