Zum falschen Zeitpunkt, am falschen Ort?

8. / 9. Mai 8. oder 9. Mai? Oder gar der 2. September? Moskau, Danzig oder Berlin? 1939 oder 1941? Sowjets oder Russen - oder noch andere? Feiern oder gedenken?

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Zuerst die schlechte Nachricht: auch Kim Jong Un wird in Moskau am 9. Mai fehlen, um das Ende des 2. Weltkriegs vor 70 Jahren zu gedenken und das neueste russische Friedensgadget, den Kampfpanzer „Armata“ bewundern zu können. Der Grund liegt wohl darin, daß er wie sein Vater Kim Jong Il (und ich) Flugangst hat, und ursprünglich vorhatte, mit der Bahn zu reisen. Und zu spät feststellte, daß er es wegen der langen Zugreise nicht einmal schaffen würde, zusammen mit Angela Merkel am 10. Mai – dem Tag, an dem vor 70 Jahren politisch wie militärisch nichts geschah – Blumen in Moskau niederzulegen. Zum Trost aller „Russenfreunde“ und zum Ärger aller „Russenhasser“ wird er erst Recht nicht am 8. Mai in Danzig bei der eher „westlich“ geprägten Veranstaltung – absurder weise am Ort, wo der Krieg begann, nicht endete - zum selben Thema vorbei schauen können. Ebenso wenig war zu erwarten, daß ihn der schwulenfreundliche Ökohippie-Fahrradclub „Die Nachtwölfe“ bis nach Berlin-Treptow mit nimmt – sie mußten schon früher los, da ihnen das NATO-Vorzeigeland Polen aus Furcht vor fettigen langen Haaren und erhöhten CO2-Werten die Einreise verweigerte.

Die unterschiedlichen Daten – 8. und 9. Mai – sind eigentlich ein Witz der Geschichte. Deutschland hat die Kapitulation am 8. Mai 1945 unterschrieben, und diese wurde sogar den Sowjets vor Mitternacht überbracht. Doch leider fehlten deren Generalstab deutsche Uhren, denn sie richteten sich immer noch nach der sowjetischen Zeit, die eine Stunde „später“ war. Ein Wunder, wie bis dato die Koalition der Alliierten dennoch recht erfolgreich gegen Hitler koordiniert werden konnte. Andere Quellen belegen, daß man tatsächlich in den 9. Mai hineingeschlittert ist – weil die sowjetische Seite so lange für ihre Unterschrift brauchte (https://de.wikipedia.org/wiki/Tag_des_Sieges). Jedenfalls haben so nicht nur anno 2015, sondern seit 1945 beide, „der Westen“ (V-Day) wie „der Osten“, einen formellen Grund, getrennt zu feiern und zu gedenken. Dabei gibt es natürlich Überläufer, oder auch nur Staaten, die mit 69 (Ukraine) bzw. 70 Jahren (Polen) Verspätung gemerkt hatten, bisher nach der falschen Uhrzeit den Gedenktag begangen zu haben – und den Feiertag vom 9. auf den 8. Mai per Parlamentsbeschluss zurückdatiert hatten. (West-)Deutschland hat hingegen erst am 8. Mai 1985 offziell bemerkt, daß man an diesem Tag vom Nationalsozialismus befreit wurde. Es gibt aber auch Organisationen, die als eine Art Kompromiss beschlossen haben, den 8. Mai – am 9. (http://www.vvn-bda.de/8-mai-2015/ - Berlin) oder gar wie Merkel am 10. Mai zu gedenken (https://www.freitag.de/autoren/awilmen/demonstration-zum-tag-der-befreiung= ). Noch skurriler wird es, wenn manche Aktivisten diesen tatsächlichen „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland mit Russland verknüpfen, und ihn unter dem Motto „Zum Gedenken an 70 Jahre Befreiung von Faschismus & Krieg sowie aus Sorge um den Frieden mit Russland!“ begehen wollen (https://www.freitag.de/autoren/hans-springstein/aktion-zum-9-mai-blumen-fuer-den-frieden ). Dabei wird nicht nur nach einem schlechten europäischen Brauch, der anscheinend nicht nur Rechte, sondern auch Linke befallen hat, „Russland“ mit „UdSSR“ gleichgesetzt, und dabei vergessen, daß auch Millionen Soldaten anderer Völker der Sowjetunion ebenso in der Roten Armee mitgekämpft und dabei ihr Leben riskiert und auch geopfert hatten (und deren Oberbefehlshaber ein Georgier war). Einige ukrainische und weißrussische „Patrioten“ stellen gerne gar einen wenig geschmackvollen Vergleich an, wonach ihr Volk prozentual sogar mehr Opfer als die Russen zu beklagen hatte. Erst recht wird am 9. Mai selten an amerikanische, jugoslawische, britische oder griechische Soldaten und Kämpfer erinnert, die gegen Nazi-Deutschland gefallen sind – und zu diesem Sieg beigetragen hatten. Interessanter weise fand jedoch 1994 die letzte Parade der in Deutschland stationierten russischen Soldaten (da es keine sowjetischen mehr gab) – am 8. Mai statt...

Und so haben wir leider zu dem wichtigen Datum zwei Gedenktage, den „Tag der Befreiung“ am 8. Mai und den „Tag des Sieges“ am 9. Mai – keine zufriedenstellende Situation. Würden stattdessen die noch lebenden Veteranen der damaligen Armeen entscheiden können, bin ich mir sicher, daß sie trotz gesundheitlicher Hindernisse schnell zu einer Einigung kämen. Auch wenn die Architekten und Gestalter des Sowjetischen Ehrendenkmals in Berlin-Treptow – Jakov Belopolskij und Evgeni Vutschetitsch - in der Aufschrift über dem Eingangsportal nur den Kampf und Sieg für das eigene Land - „Ewiger Ruhm den (im Kampf gefallenen) Helden für die Freiheit und Unabhängigkeit der sozialistischen Heimat gefallen sind.“ - erwähnen, bei dem es sie bis nach Berlin verschlagen hatte, und kein Wort über die Befreiung anderer Völker und Länder verlieren. Erst am Denkmal selbst findet man etwas verblasst im roten Marmor eingraviert die Erwähnung des „Kampfes für die Befreiung der Menschheit von faschistischer Knechtschaft“. Aber was soll's, auch die USA, der Tschad, Israel, die Türkei oder die Saudis kämpfen mal für „ihre Heimat“ und/oder ihrer Werte etwas außerhalb ihrer Landesgrenzen. Daher eignet sich dieses Denkmal zur Ehre der sowjetischen Soldaten, die im „Großen Vaterländischen Krieg 1941-1945“ gefallen sind, nur bedingt als Ort, um das Ende des 2. Weltkriegs (1939 – 1945) zu feiern. Außer man wohnt – wie ich – nur ein paar Minuten vom Denkmal entfernt, oder aber ist ein DDR-Traditionalist, der schon immer dasselbe Ziel des 9.Mai-Spaziergangs gewählt hatte.

Dennoch wäre mein Vorschlag, sich an die DDR zu richten – beim Datumsproblem. Dort wurde eine Zeit lang sowohl der 8. wie der 9. Mai gedenkt und gefeiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Feiertage_in_der_DDR ). Oder aber man schafft es nicht nur, den 1. September 1939 als den Beginn des 2. Weltkriegs anzuerkennen, sondern auch über den europäischen Tellerrand zu springen, und zu bedenken, daß in Asien der 2. Weltkrieg erst am 2. September 1945 – mit der Kapitulation Japans – zu Ende ging. Da es aber bis dahin nicht mal Kim Jong Un schaffen könnte, wäre eine zweitägige Feier zum Ende des 2. Weltkriegs inmitten von Berlin, am Brandenburger Tor, wohl das beste: mit Komorowski am richtigen Ort, mit Merkel zum richtigen Datum, und mit Putin statt mit dem Panzer – auf einem angeberischen Motorbike. Und die Vertreter der USA, Frankreich und Großbritannien hätten es da nicht zu weit von ihren Botschaften, um vorbeizukommen.

Da dies aber bis zum nächsten Wochenende kaum realisierbar sein wird, werde ich persönlich am 9. Mai zum Treptower Denkmal radeln. Nicht nur, weil Samstag ist, sondern weil es trotz politisch und historisch strittig gewählter Orte und Daten nicht falsch sein kann, als einzelner Mensch Millionen gefallener Menschen zu gedenken.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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