Die Liebeshandlung (89-110) || Warum sich überhaupt verlieben?

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Dieser Text ist Teil eines Projekts: Wir lesen gemeinsam Die Liebeshandlung von Jeffrey Eugenides

Mit Madeleine, der Hauptfigur der "Liebeshandlung“, führt uns Jeffrey Eugenides durch die Welt einer jungen Studentin und lässt uns Teilhaben am Lieben, Streben und Suchen dieser Figur. Es handelt von Gefühlen, die eigentlich nur Selbstbetrug sind, einfach nur Sex, echter Liebe und Schmerz.


Maddy, wie sie von ihren Eltern genannt wird, trifft Leonard und verliebt sich. Das Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“ begleitet sie dabei und führt sie fast statisch durch die einzelnen Stufen.


„Sie las Fragmente einer Sprache der Liebe, erstaunt, wie bedeutungsvoll es für ihr Leben war.“


Es beginnt mit:

Die Erwartungen

attente/Warten

Angstaufwallung, die durch das Warten auf das geliebteWesen ausgelöst wird, nach Maßgabe kleiner Verzögerungen (Verabredungen, Telefonanrufe, Briefe, Heimkehrverzögerung)


Maddy sitzt an einem Freitagabend alleine zu Hause, um auf einen Anruf von Leonard zu warten. Ihre Mitbewohnerinnen hat sie abgewimmelt als sie mit ihr um die Häuser ziehen wollten, um alleine in ihrem Zimmer auf diesen Anruf zu warten. Hier wird klar, was die Sehnsucht nach Leonard mit ihr macht. Sie macht sie einsam!


„Je länger sie darüber nachdachte, desto besser verstand Madeleine, dass „extreme Einsamkeit“nicht nur das beschrieb, was sie für Leonard empfand. Es erklärte, was sie immer empfunden hatte, wenn sie verliebt gewesen war.“


Verliebt sein macht sehnsüchtig und Sehnsucht macht einsam? Klingt logisch! Doch verlieben wir uns nicht gerade weil wir nicht einsam sein wollen, weil wir es über lange Zeit vielleicht auch gar nicht ertragen? Wieso muss Liebe so kompliziert sein? Ich lese weiter…


Es folgen:

Glückliche Tage

Fête/Fest

Das liebende Subjekt erlebt jede Begegnung mit dem geliebten Wesen als Fest.


Nun kommen also die glücklichen Tage. Ein Mix aus Lust und Intimität, eigentlich ziemlich banalen Konflikten - Warum sind wir immer bei Dir und nie bei mir?...Warum schämst Du Dich in meiner Gegenwart „kacken“ zu gehen?...Warum gießt Du meinen Baum? – und langen Gesprächen oder vielleicht doch einem therapeutischen Miteinander?


„Und nachdem sie die nächsten drei Tage mit nichts als Sex und Pizza in Leonards Zimmer verbracht hatten und Madeleine sich immerhin so weit entspannen konnte, dass sie wenigstens hin und wieder kam und schließlich aufhörte, sich dauernd darum zu kümmern, ob sie einen Orgasmus hatte oder nicht, weil ihr Hunger nach Leonard irgendwie schon durch seine Befriedigung befriedigt wurde, ja nachdem sie sich erlaubt hatte nackt auf seiner ekligen Couch zu sitzen und im Bewusstsein, dass er auf ihren (unvollkommenen) Hintern starrte, quer durchs Zimmer in sein bad zu gehen, seinen gammeligen Kühlschrank nach Essen zu durchwühle (…) und ihn mit Tauruskräften in die Kloschüssel pinkeln zu hören, ja, am Ende dieser drei Tage wusste Madeleine mit Sicherheit: Sie war verliebt.“


Das ist es also, denke ich mir, womit Hollywood Millionen verdient - vermutlich in Wahrheit aber Milliarden. Nur hört da meine Vorstellungskraft nun wirklich auf! – und Bollywood auch. Wonach die Singles dieser Welt sich sehnen. Was uns als gesellschaftliches Ideal vermittelt wird. Ich denke nach und lese weiter und werde doch noch fündig…


„Madeleine redete; er hörte zu; dann redete er, und sie hörte zu. Noch nie hatte sie jemanden gekannt, und erst recht keinen Typen, der so empfänglich war, der alles in sich aufnahm. (…) Sie fühlt sich gut behandelt, wie etwas Kostbares oder unendlich Faszinierendes. Es machte sie glücklich, darüber nachzudenken, wie viel er über sie nachdachte.“


Da haben wir es doch! Über die Banalität des Alltäglichen hinaus gibt es tatsächlich einen Grund sich verlieben zu wollen. Doch sind wir nicht in Hollywood und Maddy ist nicht Julia Roberts und so...


Die (Zerstörungs)kraft dreier Worte:

Ich liebe dich

Je t’aime / Ich-liebe-dich


Sie traut sich und fasst das komplexe Gefühl der Liebe, diese geheimnisvolle Emotion, derer wir wohl niemals wirklich gewahr werden, in drei kleine aber bedeutungsvolle Worte: Ich liebe Dich.


„Leonard küsste sie. Als sie es nicht mehr aushielt, packte sie ihn an den Ohren. Sie zog Leonards Kopf hoch und hielt ihn fest, damit er den Beweis dessen sah, was sie fühlte (sie weinte jetzt). Mit heiserer Stimme, in der irgendetwas Angeknackstes, eine Ahnung von Gefahr mitschwang, sagte Madeleine: „Ich liebe Dich.“


Eigentlich ein Grund zu feiern, mitzuweinen, ein Gänsehaut-Feeling-Moment. Aber wie es mit der Liebe so ist. Es kommt alles ganz anders…

Ist das erste Geständnis einmal abgelegt, besagt ein „Ich liebe dich“ nichts mehr…Leonard hockte da, mit einem Grinsen im Gesicht. Das war der Moment, in dem Madeleine ihm das Buch an den Kopf warf.“


Und ich dachte nur: Was für ein Arschloch! Arme Maddy! Nachdem ich mir einen Tee aufbrühte und mich wieder beruhigte, saß ich nun da und sagte zu mir selbst: Warum sich überhaupt verlieben?

14:14 03.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

lulu morgenstern

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