Wulff und die Muslime in Deutschland

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Was uns die Wulff-Affäre über das Selbstbewusstsein der Muslime
in Deutschland verrät

Um das gleich klar zu sagen: ‚Die Muslime‘ in Deutschland gibt es nicht! Es lässt sich jedoch über Kommentare, Publikationen und Äußerungen von Vertretern der muslimischen Interessenvertretungen ein Stimmungsbild herstellen.


Was hat nun die Affäre des Christian Wulff mit dem Selbstbewusstsein der Muslime zu tun? Dazu müssen wir zurück zum Beginn seiner Amtszeit. „Der Islam gehört zu Deutschland“ stellte er fest, in einer Zeit in der das Buch von Thilo Sarrazin bereits massenhaft über die Ladentheke gegangen ist. Das haben die deutschen Muslime nicht vergessen und sich erinnert, als der Skandal um den Kredit für das Klinkerhäuschen aufkam.


„ Lasst unseren Bundespräsidenten in Ruhe!“ ruft uns Ekrem Senol, Chefredakteur des MiGAZIN, in einem Kommentar gleich zu Beginn der Kreditaffäre zu. Dann geht er auf die Mordserie der Zwickauer Zelle ein und man fragt sich, wie sich dieser Zusammenhang herstellen lässt. So lassen sich weitere Beispiele finden. Auch die Europaausgabe der türkischen Tageszeitung Hürriyet versagt Wulff nicht ihre Unterstützung und titelt "Volle Unterstützung für Wulff durch Muslime". Der Sprecher des Koordinationsrates der Muslime Bekir Alboga betont "Es wäre (…) sehr schade, wenn er aufgrund politischer Intrigen diese Politik nicht mehr fortführen könnte."


Auch der Facebook-Gemeinschaft ist diese Sicht nicht entgangen. Der Autor und Blogger Philipp Brandenstein, selbst ein MiGAZIN-Kolumnist, stellt in einem Kommentar im Netzwerk ernüchtert fest: „Sollte Wulff tatsächlich im Amt verbleiben können, so wird er dies weder seinem Krisenmanagement noch dem Rückhalt aus der Regierung und den Regierungsparteien zu verdanken haben, sondern wohl nicht zuletzt der Tatsache, dass Deutschlands Muslime wie die Löwen für "ihren Präsidenten" kämpfen.“


Wo ist das Selbstwertgefühl der Muslime hin, dass sie sich so an einen Präsidenten klammern, der bis auf diesen einen klugen Satz nur den aktuellen Skandal zu bieten hat? Ich meine zu wissen, wo es sich verbirgt! Es ist dort, wo Thilo Sarrazin die deutschen Muslime als „belgische Ackergäule“ beschimpft und ihm tausendfach zugejubelt wird. Es ist dorthin, wo die Hinrichtungen von Migranten mehrheitlich türkischer Abstammung als „Döner-Morde“ bezeichnet werden. Es ist dort geblieben, wo der deutsche Innenminister Friedrich sagt, dass es nicht zu belegen sei, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Alltagsrassismen, Benachteiligung im Bildungssystem, Diskriminierung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, Diffamierung in den Medien. Vielleicht ist das Gefühl ein gleichwertiges Mitglied dieser Gesellschaft zu sein dort verloren gegangen.


In dem eindrucksvollen Theaterstück „Der Mann als Hund“ von Oswaldo Dragún geht es um einen Mann, der gezwungen ist als Wachhund eines Nachwächters zu arbeiten. Anfangs fügt er sich mit Befremden in diese Rolle, doch nach einiger Zeit findet er aus ihr nicht mehr heraus. Auch die Muslime in Deutschland müssen sich fragen, ob sie sich an einen zu Recht umstrittenen Bundespräsidenten anbiedern wollen oder aus ihrer Opferrolle rauskommen möchten.


Ich bin Muslimin und ich bin kein belgischer Ackergaul und ihr liebe Muslime in Deutschland seid es auch nicht! Manchmal meint man, die Muslime selbst wieder daran erinnern zu müssen.

12:06 18.01.2012
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Geschrieben von

lulu morgenstern

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