1917: Humus der Geschichte

Zeitgeschichte In Konstantin Paustowskis Roman „Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters“ vagabundiert der Held durch das Russland der Revolution. Jeder Tag kann sein letzter sein
1917: Humus der Geschichte
Paustowski 1956, als er seinen Revolutionsroman abschließt

Foto: Sputnik/Alamy

Anton Tschechow hat ein schwarzes Loch in der weißen Weste. Es traf ihn mitten in die Brust, er liegt am Boden in Schutt und Scherben. Das Bild des Dichters gehört zu den ersten Opfern der Straßenkämpfe rings um das Moskauer Nikitskije-Tor im November 1917. Der junge Kostja – Held des Romans Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters von Konstantin Paustowski (1892-1968) – ist unversehens in diesen Schlamassel geraten, büßt mit Tschechow im Passepartout zugleich sein Zimmer ein, das Granaten verwüsten. Erst vor Tagen hat er sich am Twerskoi-Boulevard eingemietet, als die Revolution gerade Moskau erreicht, aber die Kadetten der Alexandrowskoje-Kriegsschule nicht weichen, sondern kämpfen wollen. Sie berufen sich auf ihren Eid, auf Russland, auf den Zaren, auf Kerenski. In jener Nacht, da Tschechow durchlöchert von der Wand fällt, werden sie von Rotgardisten angegriffen, aufgerieben und müssen kapitulieren.

Kostja wird verdächtigt, selbst Offiziersschüler zu sein, und steht schon an der Wand, als ihm ein Bolschewik mit Soldatenkoppel über dem Jackett zuruft: „Troll dich mit Gott!“ Und Gott rät zur Flucht aus der Kampfzone und durch morgendliche Straßen, die zerschossene, lichterloh brennende Laternen wie die Fackeln einer Trauerprozession säumen. Der Umsturz verläuft in Moskau blutiger als in Petrograd und erlaubt mehr als nur eine Ahnung davon, was Russland und der Ukraine in den nächsten Jahren bevorsteht.

Paustowski – er vollendet dieses Buch erst 1956 – erzählt davon, wie die Revolution zum Bürgerkrieg wird, eine Orgie an Gemetzel und Grauen sein kann, ein Ausbund an Anarchie, an Träumen und gewalttätiger Hoffnung. Die Botschaft lautet, Geschichte braucht ihren Humus mehr als einen guten Ruf – sie scheut keine Opfer. Es erfüllt sich, was Lenin 1902 in seiner Schrift Was tun? angekündigt hat: Gebt uns eine Organisation von Revolutionären, und wir werden das Land aus den Angeln heben. 1918 zerfällt dieses Land wie ein Klumpen feuchten Lehms. Und niemand weiß mit Bestimmtheit, ob es sich davon erholt. Und wenn ja, wie.

Bei vielen Episoden seines Romans streift Paustowski eigene Lebensgeschichte. Wie Kostja ist auch er durch die Revolution vagabundiert und hat für Zeitungen wie Wlast Naroda, später dann die Prawda, im Kalender des Umbruchs geblättert. Auch ihn trieb es von Petrograd nach Moskau und Kiew, von wo es für Kostja freilich noch weitergehen soll – in die Wälder von Polesje bei Tschernobyl. Die Mutter und Schwester Galja leben dort auf einem entlegenen Gehöft, das nichts mehr abwirft, aber ständig in der Gefahr schwebt, von Banditen überfallen und ausgeplündert zu werden. Es gibt nichts zu holen außer getrockneten Pilzen und leeren Petroleumkanistern. Über allem liegt die Gewissheit, dass in solcher Einsiedelei ein Überleben die Kunst des Möglichen übersteigt. So brechen die beiden Frauen, bevor Kostja eintrifft, selbst nach Kiew auf, zu Fuß und als Bettlerinnen getarnt. Niemand soll ihnen nehmen wollen, was sie nicht haben. Um sicherzugehen, stolpert Galja mit dicker Brille wie eine Blinde hinter der Mutter her. Die Camouflage verspricht Schutz und Vorankommen drei Wochen lang. Dann stehen sie in der Wassilkowskge-Straße vor dem Haus, in dem Kostja als Untermieter bei der Witwe Amalia wohnt. Die ihn warnt und versteckt, soll er wieder einmal von einem der Warlords rekrutiert werden, die sich als Herrscher abwechseln. Wie von Michail Bulgakow im Roman Die weiße Garde vorzüglich beschrieben, geht die Stadt gerade von Hand zu Hand. Im Sommer 1917 haben deutsche Truppen Teile der Ukraine besetzt. Mal kollaborieren sie mit dem Nationalisten Petljura, mal mit dessen Gegner, dem Hetman Skoropadsky. Mitte 1918 fühlt Trotzkis Rote Armee vor, ob sie sich halten kann. Sie kann es nicht, weil die Truppen des „weißen“ Generals Denikin stärker sind und von der Ukraine aus den Süden Russlands aufrollen wollen.

Kostjas Mutter und Galja kommen ebenfalls bei Amalia unter. Gemeinsam stellen sie künstliche Teerosen aus Stoffresten her, sehr kunstvoll, sehr sorgfältig, manchmal zehn am Tag, manchmal weniger. Sie werden von einer Zwischenhändlerin abgeholt, am Kiewer Baikowo-Friedhof zusammen mit billigen Kränzen verkauft, finden reißenden Absatz, verschaffen einen halben Liter Milch oder einen Sack mit gefrorenen Kartoffeln. Die werden in Amalias Küche zum Mohrrüben-Tee verzehrt, während draußen die Einheiten Petljuras einziehen. Die patriotischen Ukrainer wissen, woran sie in diesem Augenblick gemessen werden. Umgehend hängen von Motten zerfressene gelb-blaue Fahnen von Balkonen und aus Fenstern, hinter denen auch das rot-weiß-blaue Tuch bereitliegt, das einst dem Zaren galt. So ist vorgesorgt, falls sich Petljura nicht behauptet und nach den Granaten Denikins bald schon seine berittenen Donkosaken durch die Stadt fliegen.

„Nach ihr konnte es nur noch Untergang oder blendende Helligkeit geben“

Paustowski vermerkt, die Bevölkerung sei nach all den „Umschwüngen“ so sterbenselend, dass sie mit stoischem Gleichmut verfolge, „wer die Stadt beherrsche, wenn nur die Neuankömmlinge niemanden erschossen, nicht plünderten und die Bewohner nicht aus den Häusern warfen“. Das aber geschieht, wenn Denikins Offiziere mit alkoholschwerer Stimme und kokaintrüben Augen zu singen beginnen: „Schwarze Husaren! Rettet Russland, schlagt die Juden – denn sie sind die Kommissare!“ Dann dauert es nicht lange, bis ein gellender, nicht mehr abreißender, von Haus zu Haus reichender Schrei durch das nächtliche Kiew geistert. Nur so können sie sich im jüdischen Viertel vor einem Pogrom schützen und die Glaubensbrüder warnen, von Todesahnung befallen und der Hoffnung beseelt, Reste menschlichen Gewissens erweichen zu können. Besonders Petljura unternimmt nichts gegen die Massaker, denen während des Bürgerkrieges in der Ukraine mehr als 50.000 Juden zum Opfer fallen.

„In Zeiten der Revolution lernen Millionen und Abermillionen Menschen in jeder Woche mehr als in einem Jahr gewöhnlichen und trägen Lebens“, schreibt Lenin 1918. Das mag stimmen, aber sie lernen ebenso, dass ihr Leben in den Händen eines unbeugsamen Schicksals liegt und nicht mehr – eher weniger – als ein Kanten Brot wert sein kann.

Da er Mutter und Schwester bei Amalia gut aufgehoben weiß, zieht es Kostja weiter nach Odessa, wohin er in einem klapprigen Güterzug unterwegs ist. Der kann nicht einmal andeutungsweise dem Tempo folgen, mit dem die Kraniche über ihn hinwegziehen. Wie im Bürgerkrieg üblich, stößt die Lokomotive einen sehnsüchtigen Pfiff aus, wenn das Heizmaterial zu Ende geht. Dann werden von den Passagieren ganze Provinzbahnhöfe geschleift, Türen aus den Angeln gerissen, Zäune und Wärterhäuschen abgebrochen und zu Brennholz zerhackt. Und wieder pfeift die Lok, diesmal ihr Abfahrtssignal. Es ist die Zeit, da in der Ukraine die Banden der Clanchefs Machno und Seljonyjs im Hinterhalt liegen, Gefangene an Bäume hängen oder lebendig begraben. Sollten Rotarmisten oder Juden darunter sein, wird ihnen die Haut in Streifen aus dem Rücken geschnitten, bis sie verbluten. Paustowski ist das nicht fremd. Er kennt Grauen und Entsetzen aus dem Weltkrieg. Ab Herbst 1914 ist er als Sanitäter in einem Lazarettzug eingesetzt, kommt durch Ostpreußen, Polen und Belarus. Als seine beiden Brüder fast gleichzeitig fallen, darf er zur Familie nach Moskau zurückkehren.

Im letzten Kapitel der literarischen Odyssee durch ein verschwundenes Zeitalter fährt Kostja mit einem Passagierdampfer nach Jalta und sieht einen Hafen näherkommen, der einer ausgestorbenen Stadt vorgelagert scheint. Sie wirkt leergefegt, erstarrt in der knisternden Kälte des Winters 1919, in den Häusern kein glimmendes Licht. Alles ist der hereinbrechenden Nacht hingegeben. Die Posten am Kai warnen ihn, doch kann Kostja der verlockenden Finsternis nicht widerstehen und wähnt sich an der Wendemarke seines Lebens – „nach ihr konnte es nur noch Untergang oder blendende Helligkeit geben“.

06:00 07.11.2017
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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