1917: Weiße Lilien

Zeitgeschichte Mit dem Buch „Das nackte Jahr“ schreibt Boris Pilnjak einen Schlüsselroman über die Oktoberrevolution vor 100 Jahren, indem er versucht, Russland gerecht zu werden
Lutz Herden | Ausgabe 26/2017 1

Die russische Provinzstadt Ordynin, die „tausend Werst von wo auch immer entfernt liegt“, ist auf den Gebeinen ihrer toten Seelen errichtet, falls sich die Ratten nicht daran halten und wenig übrig lassen. Wird ein Haus niedergerissen, kommen Schädel, Lumpen, Knochen und verlorenes Inventar zum Vorschein. Neben dieser Unterwelt gibt es in Ordynin jede Menge Honoratioren wie Vater Lewkojew im Diözeseladen oder den Lehrer Blanmanshow, der für endlose Geografiestunden bekannt ist. Mehr allerdings wegen seiner Frau, die den ganzen Sommer über nackt im Haus herumläuft oder am Fenster im bloßen Hemd Obst aus ihrem Garten feilbietet. Ähnlich sittenfrei verfahren die Spirituosenhändler am Markt mit ihren Kostgängern, den Quartalssäufern, die selbstvergessen fremde Stiefel küssen, falls ihnen am Morgen die frühen Kirchgänger Erlösung gönnen. Fallen die Kopeken im Winter unter die Bedürftigen, kann es geschehen, dass mancher mit dem Mund vom Boden abtaut, was in Erwartung eines Paradieses der Träume benötigt wird. Um das Seelenheil dieser Erniedrigten und all der anderen Bürger kümmert man sich in 27 Kirchen und einem Kloster. Das bleibt so bis zum Jahr 1919, als in Ordynin die Revolution eintrifft. Sie wagt es, dieses Elysium wie einen makabren Schandfleck zu tilgen.

Noch so viel mehr ließe sich aus dem Roman Das nackte Jahr von Boris Pilnjak, erschienen 1922 in Moskau, herauslesen. Es wären Geschichten und Mutmaßungen zugleich. Denn die Handlung bleibt Stückwerk, findet Gefallen an einer chaotischen Fabel. Episoden flammen auf und verglimmen wieder, Menschen treten auf und verschwinden wieder. Wo ein Handlungsgewebe greifbar scheint, wird es zerrissen, was nicht heißt, dass es damit für alle Zeit zerstört sein muss. Mit dem Sinn für narrative Anarchie findet der damals 28-jährige Autor ein Gleichnis für die eruptive Anarchie der Revolution im „nackten Jahr“ 1919. Er widmet sich fehlendem Petroleum, Typhus, Hunger und Bürgerkrieg durch eine literarische Rhapsodie, die mehr einer Filmcollage gleicht, als dass sie die Dominoelegie eines Romans bedient, bei dem ein Kapitel aus dem anderen folgt.

Man glaubt sich mit der Stadt Ordynin in eine unwirtliche Gegend im Osten Russlands versetzt. Aber dann fallen Namen, die Ordynin als urbanes Sinnbild für Moskau ausweisen. Der Zentrale Platz wird in Roter Platz umbenannt. Pilnjak beschreibt ein Kloster, das der Basilius-Kathedrale ähnelt. Es wird das Viertel Kitai-Gorod geschildert, als sei der gleichnamige Moskauer Bezirk mit Handelskammer und Börse gemeint. Beiläufig wird erwähnt, dass an Ordynin die Wologa vorbeifließt, was wie Wolga und nach der Mutter aller russischen Ströme klingt.

Wer unbeirrt auf die Gesetze der erzählerischen Logik pfeift, der will mehr. Und der darf mehr. Der soll seine assoziative Topografie ruhig durch ein Panoptikum der Personen ergänzen. „Wir haben eben die Revolution“, so die lässige Begründung, die mehr auf einen Schicksalsschlag anspielt als auf die geschichtsbewusste Tat von epochalem Ausmaß. Pilnjak platziert Figuren verschiedener Herkunft und gegensätzlichen Seins – Anarchisten, Bolschewiken, Wahrsager, Dorfälteste, Schmuggler, Weißgardisten, Huren, Selbstmörder – unter oft gleichem Namen. Was nicht nur Verwirrung stiftet, sondern bedeuten soll, dass alle im Schmelztiegel des Umbruchs hecheln und schwimmen, untergehen und auftauchen. Wer sich rettet, ist selten geblieben, der er war, als der Sud nach ihm rief. „Wir haben eben die Revolution. Und die kommt wie eine große Reinigung über die Welt.“

Kaum jemand muss das schmerzhafter erfahren als die Adelsfamilie der Ordynins im Herrenhaus vor der Stadt, in dem auch Maxim Gorkis Sommergäste verkehren könnten. Der wuchtige Klotz ist vor Jahrhunderten und ein ganzes Jahrhundert lang erbaut worden, jetzt aber Verfall und Fäulnis ausgeliefert. Noch im Juni, wenn draußen die Kalmücken singen, hat sich der Winter in feuchten Wänden eingenistet. Über die Ordynins sei die Zeitenwende hereingebrochen wie ein Maigewitter, glaubt Gleb, einer der drei Söhne des Fürsten, ein weltabgewandter Asket, der mit seinem Ikonengesicht in die entrückten Fantasien seiner Malerei flieht. Den Erzengel Barachiel zaubert er auf die Leinwand, das zerrissene Gewand von weißen Lilien übersät, als habe die Revolution Modell gestanden. Gleb hört, dass sich im Zimmer über dem Atelier Bruder Boris erschießt, und malt weiter.

Die Frage nach der Legitimität der Revolution

Mit einigen Anekdoten des Romans nimmt Pilnjak Anleihen bei seinem 1920 erschienenen Sammelband Gewesenes, den er als unmittelbare Reflexion der Oktoberrevolution begreift. Dort freilich taucht die Metapher vom „nackten Jahr“ noch nicht auf. Dass sie der Autor dann wie eine Zustandsbeschreibung gebraucht, wird der intensiven Beschäftigung mit dem symbolistischen Lyriker Alexander Blok (1880-1921) zugeschrieben, der die Zeit zwischen 1914 und 1918 als die „schrecklichen Jahre“ gedeutet hat, in denen man mit dem Krieg für die fatale Nähe zum Rest des Kontinents büßte. Europa belaste Russland, „seit es ihm von Zar Peter aufgepfropft worden war“, schreibt Pilnjak im Kapitel über den Untergang der Ordynins, als wollte er sagen, nach den „schrecklichen Jahren“ wurden die „nackten“ unvermeidlich.

Was an dieser Stelle durchscheint, ist die Frage nach der Legitimität der Revolution. Sie hat aus Sicht ihrer Protagonisten gewiss den historischen Moment ausgekostet – die seit 1914 beschleunigte Agonie zaristischer Selbstherrschaft –, will aber kein Kriegsgewinnler, sondern Sieger der Geschichte sein. Pilnjak stützt diesen Anspruch nicht vorbehaltlos. Sein Werk wird in der frühen Sowjetunion dennoch als Schlüsselroman anerkannt. Geschätzt unter anderem, dass er den Bolschewiken-Kommissar in der Lederjacke als Archetyp ebenso beachtet, wie er den „neuen Menschen“ in seiner urwüchsigen Naivität beschreibt: Iwan Koloturow etwa, als Sprecher der Dorfarmut ein Urkommunist. Oder Archip Archipow als Ortsvorsteher, der als Autodidakt am frühen Morgen Ökonomie-Bücher studiert, um seiner Mission gerecht zu werden. Koloturow und Archipow nippen nicht am Leben, sie wagen sich heran. Sie verkörpern, was Lenin in seinen damaligen Schriften als existenziell für die Rettung des Landes benennt – den „hartnäckigsten, schwierigsten Heroismus der alltäglichen Massenarbeit“ (Die große Initiative).

Auch wenn sich Pilnjak stets zum „proletarischen Schriftsteller“ erklärt, schützt ihn das nicht. Ende der 1920er Jahre gerät er in die Kontroversen um Leo Trotzki, der die Revolution von Missbrauch und Niedergang bedroht sieht, weil sie auf Russland beschränkt blieb, statt in Europa um sich zu greifen. Hat Pilnjak mit seinen schrägen Geschichten aus dem Universum Ordynin die Degeneration vorweggenommen? Hat er sich im „nackten Jahr“ allzu innig dem haltlosen, rückständigen, gewalttätigen Russland zugewandt, das sein Heil immer in sich selbst sucht? Mit dem sechsten Kapitel, überschrieben Die Bolschewiken, lässt sich solcher Vorwurf zurückweisen, wenn die Subbotnik-Hingabe der Arbeiter aus der Metallfabrik Tajeshewo gerühmt wird. Als die Weißen abgezogen sind –, am Kran der Montagehalle baumelt noch ein Mann im Wind, den Kranhaken zwischen den Rippen – zerren sie ihr verrottetes Werk mit bloßen Händen aus dem Dreck, um wieder produzieren zu können. Zum Lohn erhält jeder ein Pud Eisen, das vorläufige Monatsentgelt, um daraus Äxte und Sensen für den Tauschhandel herzustellen. „Die Fabrik gebar sich selbst ... Ist dies nicht ein Poem, hundertmal großartiger als die Auferstehung des Lazarus?“, schwärmt der Autor.

Als Pilnjak im Oktober 1937 verhaftet wird – vielleicht auch weil Gorki nicht mehr lebt, der ihn lange zu verteidigen wusste –, ist der jähe Absturz kaum mehr aufzuhalten. Er sei als Trotzkist schwerer Verbrechen gegen den Sowjetstaat überführt, heißt es im Militärgerichtsurteil vom 21. April 1938. Noch am gleichen Tag wird Boris Pilnjak erschossen.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 12.07.2017
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 27/2020

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