Mond über Soho

1928 In Berlin wird Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ uraufgeführt. Es ist ein Sensationserfolg und der absolute Höhepunkt des Theaters der ausgehenden zwanziger Jahre
Lutz Herden | Ausgabe 33/2013 3
Mond über Soho

Foto: Ullstein Bild

Der Vorhang hätte geschlossen bleiben, das Ensemble nicht spielen, Bertolt Brechts Dreigroschenoper an jenem 31. August 1928 nicht uraufgeführt werden können. Der Komponist des Werkes hat entdeckt, dass eine Nebendarstellerin auf der im Programmheft abgedruckten Besetzungsliste fehlt. Kurt Weill empört sich, und das heftig. Die Vergessene ist seine Frau Lotte Lenya. Wenn ihr Part so wenig wert sei, müsse sie auch nicht auftreten. Dann gäbe es eben keine Seeräuber-Jenny mit ihrem „Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen ...“, das die Lenya auf den Proben so zart, so zerbrechlich und so zupackend gesungen hat.

Während der Inszenierung mit dem zynischen Brecht hat es schon manchen handfesten Krach gegeben – es fehlt noch der ganz große Skandal. Der Schauspieler Erich Ponto, besetzt für den Londoner Bettlerkönig Jonathan Jeremiah Peachum, erschien zu den Proben zuweilen mit gepacktem Koffer und wollte abreisen. Carola Neher – die Idealbesetzung für Peachums Tochter Polly, wie Theaterdirektor Ernst Josef Aufricht überzeugt war – kam zum Schiffbauerdamm, um zu zetern: Sie halte die Rolle für zu klein und werde sie daher nicht übernehmen. Brecht unterbrach daraufhin eine Probe, setzte sich auf die Bühne und schrieb Seite um Seite, damit die Rolle der Diva wuchs und wuchs. Ernst Josef Aufricht wollte den Streit nicht auf der Bühne austragen, sondern in seinem Büro schlichten. Impertinent und frech fand das die Neher, zerriss ihr Rollenbuch, kreischte „Spielen Sie das Zeug allein“ und verschwand aus dem Theater – in dieser Reihenfolge. Ein Auftritt wurde zum Abgang. Schließlich wird Roma Bahn eine Polly Peachum spielen, die der Rolle alles abverlangt und nichts schuldig bleibt. Unter dem Mond von Soho betet sie ihren Mac (genannt Mackie Messer) so hingebungsvoll an, dass ein Kitsch-Idyll selten ergreifender geriet.

Doch zurück zu Weill und Lenya. Aufricht fleht sie an, ihn nicht zu ruinieren. Er sei nicht nur Direktor, sondern eben auch Pächter dieses Theaters. Es müsse gespielt werden. Er habe doch ein ganzes Vermögen – immerhin 100.000 Reichsmark, die zu allem Unglück auch noch seinem Vater gehörten – in diese Inszenierung gesteckt, um dem verwöhnten Berliner Publikum zur beginnenden Saison 1928/29 einmal keinen Schiller, keinen Hauptmann, keinen Feuchtwanger, keinen Toller, sondern etwas Modernes zu bieten. Dafür komme nur Brecht infrage. Ohne die Dreigroschenoper sei er bankrott.

Weill gibt nach, und die Lenya will sowieso lieber spielen als hinschmeißen. Sie erntet mit den Rache- und Mordphantasien des kleinen Abwaschmädchens in der Ballade von der Seeräuber-Jenny den ersten Szenenbeifall dieses Premierenabends, als sie piepst „Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: (Pause) Hoppla!“

Alles rast, tobt, trampelt

Bis dahin haben die Zuschauer alles mit knisternder Kälte quittiert. Dann aber, Ende des ersten Aktes. Kurt Gerron – ein feister Riese in massiger Gestalt, von Brecht eben noch wegen seiner Trägheit als Fehlbesetzung für den Tiger-Brown, den Polizeipräsidenten von London, geschmäht – stimmt den Kanonensong an. Er muss es tun, ihn übermannen rührselige Erinnerungen an das gemeinsame Soldatenleben mit seinem Freund Macheath damals in Indien. Als zum ersten Mal der Refrain ertönt „Soldaten wohnen / Auf den Kanonen / Vom Cap bis Couch Behar“ wird das Publikum munter.

„Wenn es mal regnete / Und es begegnete / Ihnen ’ne neue Rasse / ’ne braune oder blasse“, geht es weiter, und plötzlich sind sie auf der Galerie dabei, sich die Hände rot zu klatschen. „Da machten sie vielleicht daraus ihr Beefsteak Tatar“. Auch das Parkett geht jetzt mit. Es beginnt die letzte Strophe.

„John ist gestorben, und Jim ist tot / Und Georgie ist vermisst und verdorben / Aber Blut ist immer noch rot / Und für die Armee wird jetzt wieder geworben.“ Und wieder der Refrain. „Da machten sie vielleicht daraus ihr Beefsteak Tatar“.

Alles rast, tobt, trampelt. Da-capo-Rufe. Aber Aufricht hat jedes Da capo verboten. Harald Paulsen als Macheath spielt weiter und sagt zu Brown: „Obwohl das Leben, uns die Jugendfreunde ...“ Es geht unter. Da-Capo-Rufe im Staccato-Rhythmus. Kurt Gerron tritt an die Rampe und sieht hinauf zu Aufrichts Loge. Der nickt und winkt und Kurt Weill hebt den Taktstock. „Soldaten wohnen / Auf den Kanonen!“

Die Dreigroschenoper hat einen Erfolg, den bis Ende dieser Theatersaison im Juli 1929 keine Bühne in Berlin mehr überbieten wird. Brecht hat zeigen können, was er in diesem Fall unter epischem Theater versteht – Szene für Szene die Geschichte des Verbrechers Macheath erzählen, der mit einer Aktie mehr anfangen kann als mit einem Dietrich und vor dem Galgen durch einen reitenden Boten des Königs gerettet wird. Seine Parabel – als Geschäft lohnt sich das Verbrechen, weil jedes Geschäft ein Verbrechen sein kann – hat Brecht diesmal einem Revuestück anvertraut. Es bietet Unterhaltung und spielt mit Rauschzuständen, die jedes Publikum gern auskostet. Freilich soll der kulinarische Effekt dieses Theaters mehr der Fabel und Weills Musik zu verdanken sein. Weniger den „Einschüben“, den Songs, Moritaten und Balladen. Sie brechen die Handlung auf und auseinander, strotzen vor plebejischer Lust und existenzialistischem Furor – und „Belehrung“ natürlich. Etwa, als Mac fragt, „denn wovon lebt der Mensch?“. Und antwortet: „Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.“

Kann der Mensch nur als Wolf überleben? Ist das so gemeint? Nie weiß man in dieser Oper für Bettler, woran man ist. Immer ist alles anders, als es scheint. Trivialität schlägt Erotik, als Polly um ihr Glück mit dem eben getrauten Mac bangt. Der Mond über Soho sei „ganz dünn“, klagt sie, „wie ein Penny, der schon ganz abgegriffen ist“. Das Brutale kokettiert mit dem Lieblichen. „Das war so schön in diesem halben Jahr, in dem Bordell, wo unser Haushalt war“, schwärmen Mac und Jenny in der Zuhälterballade, auch wenn er ihr manchmal „ins Zahnfleisch gelangt“ hat. „Da bin ich manchmal direkt darauf erkrankt“, singt Jenny und schämt sich stolz.

Die Kritik hat an der Uraufführung nicht viel auszusetzen, lässt aber süffisant durchblicken, dass sich Brecht mit der Dreigroschenoper weniger als epochaler Dramatiker denn als handwerklich versierter Stückeschreiber zu erkennen gäbe. Weshalb dieser Autor dem literarischen Berlin als politischer Dichter gelte und von Hitlers Gefolgschaft so angegriffen werde, bleibe ihm nun erst recht ein Rätsel, ätzt Kurt Tucholsky. Der Kritiker Alfred Kerr sekundiert im Berliner Tageblatt, man gehe in dieses Stück nicht wegen „des Häppchens Kommunismus“, sondern weil es sich um ein perfektes Unterhaltungsstück handele. Kollege Herbert Ihering will sich da nur um einen Hauch absetzen und hat am Schiffbauerdamm ein „handliches, unterhaltendes Gebrauchsstück“ gesehen.

Derart angegriffen und animiert, schweigt Brecht erhaben. Erst 1931 wird er in seinem Arbeitsjournal auf „das Repertoirestück Dreigroschenoper“ plädieren, bei dem populäre Eingängigkeit keinesfalls „die Attacke auf die bürgerliche Ideologie“ schmälern müsse. Seine Figuren habe er so zeigen wollen, dass man mit ihnen gern ein Bier trinken würde. Eben deshalb sei ihre Zugehörigkeit zur bürgerlichen Gesellschaft nicht nur angedeutet, sondern nachgewiesen worden. Wer genau hinsieht und zuhört, muss ihm recht geben. Was sind Peachums Bettler, was sind Macs Spießgesellen Hakenfinger-Jakob, Säge-Robert oder Münz-Matthias anderes als beflissene Angestellte ihrer Unternehmungen? Sie freuen sich, wenn der Mond über Soho mehr ist als ein abgegriffener Penny. Denn davon haben sie genug in der Tasche. Man muss sich des Mitgefühls mit ihnen nicht schämen. Peachum sagt es doch: „Die Gemeinheit der Welt ist groß, und man muss sich die Beine ablaufen, damit sie einem nicht gestohlen werden.“ Was hat sich daran geändert?

06:00 28.08.2013
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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