1930: Wattierte Schultern

Zeitgeschichte Die Weltwirtschaftskrise trifft die Angestellten der großen Warenhäuser. Wer nichts verkauft, der fliegt, beschreibt es Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“
Basar der Großstadt: Berliner Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz
Basar der Großstadt: Berliner Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz

Foto: Arkivi/Imago Images

So rasant ihr Aufstieg, so unbeirrbar der Wille zum geschäftlichen Erfolg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden im Deutschen Reich große Warenhäuser zum Prototyp des urbanen Basars und erobern die Innenstädte. Kaum ein Bauwerk der Branche bringt das auf derart sinnfällige Weise zur Geltung wie das 1904 eingeweihte Kaufhaus Wertheim am Leipziger Platz in Berlin, das sich dort etabliert, wo fast in Rufweite die Reichsministerien an der Wilhelmstraße residieren. Architekt Alfred Messel vertraut auf die Wucht neoklassizistischer Fassadenpfeiler, um im Inneren verspielt und kapriziös dem Handelshaus elysische Gefilde zu gönnen. Beherrscht wird eine imposante Raumkunst von über alle Stockwerke reichenden Lichthöfen, die wie Kathedralen wirken und das Warenhaus zur sakralen Weihestätte des Konsums erheben. Bei solchem Ambiente lässt sich die Fülle des Angebots verführerisch zelebrieren, bei Luxusartikeln und Massenware gleichermaßen. Nach dem Prinzip „Alles unter einem Dach“ sind Maßanzüge ebenso zu haben wie Düngemittel für den Landwirt, dazu Spirituosen und Hutfedern. Im Tempel der materiellen Erweckung wird die Illusion genährt, jeder kann sich alles leisten, und zu Zeiten von Weimar gar eine „Demokratisierung des Konsums“ gefeiert.

Ende der 1920er Jahre konkurrieren die Trusts Hermann Tietz, Karstadt, Kaufhof und Wertheim um die Kundschaft. Marktführer sind die „Großen Vier“ nicht nur bei Angebot und Umsatz, auch von der Größe der Belegschaften her. Karstadt beschäftigt in 91 Filialen fast 24.000 Angestellte, beim Kaufhof-Konzern mit seinen 40 Geschäftslokalen sind es 15.000, Wertheim rekrutiert nur geringfügig weniger Personal. In der Reichshauptstadt führt die Macht der Handelskonzerne mitunter so weit, dass in die öffentliche Verkehrsplanung eingegriffen wird. 1923 lässt sich die Nord-Süd-Bahn-AG beim Bau der U-Bahn Gesundbrunnen–Neukölln (Linie D) von Wertheim bei einem Baukostenzuschuss von fünf Millionen Reichsmark davon überzeugen, den bereits im Rohbau fertigen Bahnhof Oranienplatz nicht in die Trassenführung aufzunehmen und stattdessen einer Station Moritzplatz näherzutreten, deren Ausgänge zur 1911 errichteten Wertheim-Filiale führen. Karstadt wiederum setzt durch, dass die 1929 nach US-Vorbild vollendete Niederlassung am Hermannplatz über eine direkte Passage vom U-Bahnsteig zum Warenhaus verfügt (die bis heute existiert).

Über all der glitzernden Herrlichkeit treiben im Frühjahr 1930 dunkle Wolken dahin. Ein halbes Jahr Weltwirtschaftskrise hat zu Abstiegsangst und Arbeitshetze geführt. Die Zahl der Erwerbslosen nähert sich in Deutschland der Vier-Millionen-Grenze, doch ist die Talsohle noch längst nicht erreicht, geschweige denn durchschritten, wie das den Notverordnungen des Kanzlers Brüning vom katholischen Zentrum zu entnehmen ist. Da die Kaufkraft schwindet, verzeichnen die Warenhäuser um ein Drittel rückläufige Umsätze. Hermann Tietz und Wertheim müssen Millionenkredite aufnehmen und sich mit Zinsen von bis zu neun Prozent bei Banken verschulden. Drohen Entlassungen, dann in Größenordnungen.

Kleiner Mann – was nun?, fragt der Schriftsteller Hans Fallada mit seinem 1932 erschienenen Roman über den Kaufhauskuli Johannes Pinneberg, Verkäufer in der Herrenkonfektion des noblen Warenhauses Mandel und ein kleines Licht, wie er von sich selbst sagt, untergekommen in einer illegal für 40 Reichsmark vermieteten Wohnung, von der die Baupolizei nichts wissen darf – verheiratet mit Emma Mörschel („Lämmchen“) aus Mecklenburg und Vater eines wenige Monate alten Sohnes. Pinneberg schuftet, ist beflissen und erbötig, noch hat er seine Stelle, aber Schwung und Zuversicht schwinden.

Bis dahin kennen Warenhäuser kein Arbeitsjoch, bei dem Drill und Disziplin über allem stehen. Man ist um Verkaufskultur bemüht und auf Mitarbeiter angewiesen, denen das Keepsmiling so gut wie nie aus dem Gesicht gleitet. Weil sie sich sozial privilegiert fühlen, keine Proletarier sind und besser verdienen als die Masse? Ein Verkäufer bei Wertheim hat 1929 ein Monatseinkommen zwischen 170 und 230 Reichsmark netto, eine Verkäuferin zwischen 150 und 180. Es gibt eingespielte Hierarchien, den „Rayonchef“, der eine Abteilung führt, den Ersten Verkäufer für Herrenkonfektion oder die Erste Verkäuferin für Weißwäsche. Sie empfangen die Kunden an der Freitreppe zu ihrer Galerie und führen sie den Verkäufern zu, die wiederum Kassenmädchen und Warenboten unter sich haben. Gearbeitet wird ab neun Uhr morgens für elf Stunden mit Frühstücks- und Mittagspause in der firmeneigenen, preiswerten Kantine. Bei Karstadt verfügt der Neubau am Hermannplatz gar über eine Personaldachterrasse, die wie ein Park bepflanzt und als Ort der Erholung gedacht ist.

Nun aber sitzt allen das Gespenst der Kündigung im Nacken. Bei Mandel haben sie sich mit Herrn Spannfuß einen „Organisator“ geholt, der eine Verkaufsquote verordnet: „Geben Sie mir Ihren Kassenblock, und ich werde wissen, was für ein Mann Sie sind.“ Soll heißen: Zeig mir, was du abgesetzt hast, und wir wissen, was du dem Haus Mandel noch wert bist. Ab sofort gilt, bloß „keine Pleite schieben“, zu der es kommt, wenn ein Kunde geht, ohne gekauft zu haben. Pinneberg wird angezählt. „Sie sehen so abgespannt, so gar nicht einkaufsermunternd aus. Ich empfehle Ihnen Ihre Kollegen in den States als Vorbild“, hört er von Spannfuß. „Die sehen abends genauso munter aus wie morgens. Abgespannte Verkäufer sind keine Empfehlung fürs Geschäft.“

Als Pinneberg eines Morgens zu spät kommt, wird er in die Direktion vorgeladen, um von Spannfuß eine letzte Warnung entgegenzunehmen, die nach letzter Ölung klingt. „Vermutlich wollen Sie uns zu verstehen geben, dass Ihnen das Warenhaus Mandel piepe ist, schnurz und piepe.“ Pinneberg bringt stotternd vor, sein Kind habe die ganze Nacht geschrien. Die Entschuldigung macht alles nur schlimmer. „Sie überschätzen das Interesse, das die Firma an Ihrem Privatleben nimmt, mein Herr. Erst kommt die Firma, noch einmal die Firma und zum dritten Mal die Firma, und dann können Sie machen, was Sie wollen. Das Warenhaus Mandel ernährt und kleidet Sie, das Warenhaus Mandel ermöglicht die Basis Ihrer Existenz. Sie leben von uns! Wir haben Ihnen die Sorge um Ihren Lebensunterhalt abgenommen!“

Danach ist Pinneberg nicht nur angezählt, sondern angeschossen wie ein waidwundes Reh. Macht es nicht mehr lange, steht auf seiner Stirn. Die Kollegen sehen es mit einer Mischung aus Mitgefühl und Behagen. Trifft es den, verschont es mich. Die Kunden wollen vom Elend der gehetzten Kreatur nichts wissen, wie der Schauspieler Franz Schlüter, den Pinneberg vergöttert, weil er in seinen Ufa-Filmen die kleinen Leute so lebensecht spielt. Schlüter will sich einkleiden lassen – als Flaneur vom Kurfürstendamm, als Ganove aus der Ackerstraße und Gigolo vom Nollendorfplatz, als distinguierter Herr im Weinhaus Huth. Er will aussehen und lässt sich kostümieren. Das Warenhaus Mandel kann zeigen, was es auf der Stange hat, und Pinneberg, wie er die Stange abräumt, groß kariertes Sakko, breite Revers, Schiebermütze, wattierte Schultern, Samthandschuhe. „Und was darf ich nun aufschreiben, Herr Schlüter?“ Na, nichts. Schlüter wollte bloß mal sehen. Pinneberg winselt, bettelt und barmt, bis ihn der Rauswurf erlöst.

Die Warenwunderwelt unterm gläsernen Baldachin sollte Ewigkeiten überdauern. Und dann hat sie gerade ein paar Jahrzehnte hinter sich, als die großen Häuser zwar nicht zu leblosen Steinhaufen werden, zu verlustreichen jedoch allemal. Wer von den Angestellten bleiben darf, muss sich in Lohnverzicht üben, dekretiert etwa durch die „Notverordnung zur Vermehrung und Erhaltung der Arbeitsgelegenheit“, wie sie am 5. September 1932 der neue Kanzler Franz von Papen durch Reichspräsident Hindenburg unterschreiben lässt. Pinneberg trifft das nicht mehr, seit einem Jahr schon geht er stempeln.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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