1934: Der Hölle Ordnung

Zeitgeschichte In Osthofen bei Worms wird eines der ersten KZ der NS-Diktatur geschlossen. Was ihr über diesen Ort erzählt wird, inspiriert Anna Seghers zu dem Roman „Das siebte Kreuz“
1934: Der Hölle Ordnung
Ringsumher liegt die weiche Gegend nördlich von Worms

Foto: NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz

Draußen, vor dem Tor, jagen Kinder vorbei und singen: „Maikäfer, flieg, der Vater ist im Krieg.“ Drinnen, hinterm Tor, liegt in einer alten Werkhalle Stroh auf kaltem Beton und grobem Stein. Nicht zum Zudecken sind die Ballen gedacht, nur zum Drauflegen, wenn es Nacht wird im Massenarrest für hundert bis hundertfünfzig Menschen, die hier als Schutzhäftlinge festgehalten werden. Die ersten kommen am 6. März 1933, springen vom Wagen und hinein ins SA-Spalier, dann immer weiter den Kiesweg entlang und an den Latrinen vorbei. Tage zuvor hat Werner Best, Staatskommissar für das Polizeiwesen im Volksstaat Hessen, die ehemalige Papierfabrik am Ziegelhüttenweg in Osthofen zum Konzentrationslager bestimmt. Abgesehen von den Verhörkellern in der Papestraße und dem Columbia-Haus in Berlin wie einer Militärschule im thüringischen Nohra wird Osthofen zum ersten Internierungsort dieser Art in Deutschland. In den nächsten Wochen folgen Dachau, Oranienburg und Esterwegen.

Man habe es mit einer „Erziehungs- und Besserungsanstalt“ zu tun, schreibt das Lokalblatt Niersteiner Warte am 22. April 1933. Umerzogen und gedemütigt werden zunächst Arbeiter, vornehmlich Gewerkschafter aus Worms und Alzey, die in Osthofen zur Abschreckung für ihresgleichen einsitzen und dazu ausersehen sind, am 1. Mai 1933 zum Tag der Nationalen Arbeit amnestiert zu werden.

So viel guten Willen hat die braune Macht, und so viel leistet sie in Osthofen als Arbeitgeber: Für 50 Pfennig am Tag bewachen SA-Leute das Lager, meist junge hungrige, kräftige, gern lachende Burschen aus der Gegend, deren Eltern nicht selten einen ruinösen Bauernhof als Lebensgepäck mit sich herumschleppen. Einen Tagessold von zwei Reichsmark erhält der erste Lagerkommandant Karl d’Angelo, ein alter Kämpfer, der alte Rechnungen begleicht und gleich dafür sorgt, dass die gesamte SPD-Fraktion aus dem Gemeinderat Osthofen ins Lager wandert. Wäre von der Erstbesatzung noch der SS-Sturmbannführer und Lagerarzt Dr. Reinhold Daum zu nennen, der jedem Gefangenen bei Einlieferung „Haftfähigkeit“ und bei Entlassung „Arbeitsfähigkeit“ bescheinigt.

Ringsherum liegt die weiche Gegend nördlich von Worms. Auch wenn man den Rhein nicht sieht, ist es seine Landschaft mit Hügeln und Berghängen, Weideland und Weinstöcken zwischen Herrnsheim, Abenheim und Nordheim. Der Himmel ist manchmal grell, oft nur grau. Die Dörfer können wie verschüttet wirken, wenn mit der Nacht der Nebel kommt, im frühen Morgenlicht undurchdringlich und verschwiegen bleibt, sodass Gefangene wie der Rechtsanwalt Max Tschornicki einen Schutz finden, der sie unsichtbar macht.

Der Sozialdemokrat kann sich am 3. Juli 1933 aus einem Arbeitskommando bei Osthofen absetzen, zunächst bis Höchst, dann nach Frankfurt durchschlagen, um schließlich das zu jener Zeit noch Frankreich unterstehende Saarland zu erreichen. Vor dort geht es weiter nach Paris, später bis Südfrankreich. An der Seine trifft Tschornicki im Sommer 1935 auf die emigrierte Schriftstellerin Anna Seghers und erzählt ihr vom Lageralltag in Osthofen, von der Kloake, die mit Konservenbüchsen ausgeschöpft werden musste, von der Angst, zur Gestapo nach Worms gebracht, verhört und gefoltert zu werden, vom Nägelklopfen, von Essensentzug und Scheinerschießungen. Und wie man abends nach den Sternen Ausschau hielt.

Anfang 1937 beginnt Anna Seghers im Café Les Deux Magots mit der Niederschrift ihres Romans Das siebte Kreuz. Osthofen nennt sie Westhofen und einen „verfluchten Ort“. Sie erfindet einen „Tanzplatz“, den es am Ziegelhüttenweg so nie gegeben hat, ebenso wenig wie die sieben gekuppten Platanen, an die Lagerführer Fahrenberg sieben Bretter nageln lässt, auf dass sieben Kreuze entstehen, an die spätestens nach sieben Tagen die sieben Häftlinge geschlagen werden sollen, die aus Westhofen geflohen sind.

„Dass es im Innersten des Menschen etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar“

Seghers erzählt von diesen sieben, die den sicheren Tod im Lager gegen einen nicht ganz so sicheren auf der Flucht tauschen wollen. Darunter ist Ernst Wallau, einst KPD-Bezirksleiter und Betriebsrat in Mannheim, dazu gehört der Mechaniker Georg Heisler. Dessen Kreuz auf dem „Tanzplatz“ ist nach sieben Tagen noch immer leer und soll es bleiben. Sein Ausbruch wird zur Rettung. Heisler durchbricht die Mauer der Einsamkeit, die ihn anfangs umgibt, als er durch Abflussrohre kriecht, in verlassenen Hütten schläft, auf einem Fährkahn den Rhein überquert, nach Höchst, nach Frankfurt, nach Mainz driftet, wo die Stadt ein einziges Fangnetz scheint, weil alle überwacht werden, bei denen er auftauchen könnte – seine Mutter, die Brüder, die Freunde, die Bekannten, die Genossen, die eigene Frau, die letzte Freundin. Flieg, Maikäfer, flieg, und lass dich schön erwischen.

Heisler hat einen Vorteil, weil sie ihn in Westhofen als Menschen zerstören wollten, haben sie ihm das Gesicht zerschlagen. Und so zeigen die Steckbriefe einen, den es nicht mehr gibt. Nur an seinem Lächeln wäre er noch zu erkennen. Doch kommt Heisler auch deshalb durch, weil er sich von Wallau als dem Stärkeren, nicht aber von dessen Stärken, löst. Seghers beschreibt wie so oft in ihren Romanen und Novellen die Kraft der Schwachen. Im Siebten Kreuz besonders die des „kleinen Röder“, eines Jugendfreundes von Heisler, der sich mit seiner Familie im NS-Staat eingerichtet hat mit vielen Kindern, mit Windelgeld und Mutterkreuz. Der dem Überlebensrecht auf Anpassung nicht widersteht. Er hilft Heisler aus Anstand und Mitgefühl, gerät in Gefahr und übersteht ein Gestapo-Verhör, weil ihn bei allem inneren Zittern die Furcht nie besiegt. Solche wie „Paulchen“ Röder helfen eine Bresche in die vermeintliche Allmacht von Heislers Verfolgern zu schlagen, gerade sie. Westhofen-Kommandant Fahrenberg – wie Karl d’Angelo in Osthofen ein Veteran der Bewegung – könnte schwören, dass jedes seiner sieben Kreuze zur Richtstatt wird, und geht daran zugrunde, sich getäuscht zu haben. Ungerührt lassen die Vorgesetzten ihren Todesengel fallen, der sich daraufhin selbst fallen lässt und erschießt. Die Mächtigen wollten nicht, heißt es im Roman, „dass die Hölle aufhören sollte, und die Gerechtigkeit beginnen, sondern sie wollten, dass auch in der Hölle Ordnung sei“.

Ende 1933 hat eine SS-Bereitschaft aus Worms die SA-Posten unterm Torbogen zum Lagergelände in Osthofen abgelöst. Monate später kursiert das Gerücht, für diesen Dienst und dieses Lager werde bald keiner mehr gebraucht. Heinrich Himmler, Reichsführer SS, ernennt im Juni 1934 Theodor Eicke – bis dahin Kommandoführer im KZ Dachau bei München – zum Inspekteur aller Konzentrationslager im Reich. Eicke soll aufräumen und schließen, was anfangs gebraucht wurde, sich nun aber – wie Osthofen – als verzichtbar erweist. Anfang Juli 1934 steht das Konzentrationslager leer, die letzten 78 von insgesamt 1.603 Häftlingen, die hier Wochen oder Monate zubringen mussten, werden in andere Lager überstellt oder unter Auflagen freigelassen. Im Oktober 1936 erwirbt die Unternehmerfamilie Bühner die Gebäude, um ihre Möbelfabrik nach Osthofen zu verlagern.

Den Emigranten Max Tschornicki hat die Gestapo offenbar nie ganz aus den Augen verloren. Am 11. August 1944 wird er in Südfrankreich verhaftet, von Lyon weiter nach Auschwitz und im Januar 1945 in ein Außenlager des KZ Dachau deportiert, wo Tschornicki am 21. April 1945 an Ruhr stirbt. Und Georg Heisler? Anna Seghers beobachtet in ihrem Buch, wie er an einem frühen Morgen über die Kasteler Brücke in Mainz geht, einem Posten seinen gefälschten Pass zeigt und unter Deck des Frachters Wilhelmine verschwindet, der ihn rheinabwärts in die Niederlande bringt. Irgendwann wird sich Georg einem Spiegel anvertrauen, der ihm zeigt, was ihn gerettet hat und er verloren glaubte: sich selbst. Es könnte sein, dass er dann ahnt, wie sehr die äußeren Mächte auch wüteten, „dass es im Innersten des Menschen etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar“.

06:00 10.06.2018
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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