1941: Den Kreml im Blick

Zeitgeschichte Wie der Krieg gegen die Sowjetunion geführt und gesehen wird, zeigt die Feldpost deutscher Soldaten aus dem Osten. Was die Heimatfront erreicht, ergibt ein Sittenbild

Das andere Deutschland müsse es doch geben, das der werktätigen Massen, der Arbeiter und Bauern. Wenn denen bewusst werde, dass man sie dazu missbrauche, den ersten sozialistischen Staat der Erde zu vernichten, würden sie ihre Waffen nicht länger auf die Klassenbrüder im Osten richten, sondern wegwerfen. Diese Ansicht hätten nach dem 22. Juni 1941 viele seiner Landsleute geteilt, erinnert sich der sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg (1891–1967) – im Krieg Frontkorrespondent der Armeezeitung Krasnaja Swesda – in seinen Memoiren Menschen, Jahre, Leben. „Die Verteidiger von Smolensk oder Brjansk sprachen nach, was ihnen von der Schule, von Versammlungen und der Zeitung her bekannt war: Die deutsche Arbeiterklasse ist stark …, zwar haben die Faschisten mit Hilfe der Ruhrmagnaten und der Sozialverräter (gemeint: die SPD; L.H.) die Macht ergriffen, doch das deutsche Volk ist gegen sie.“ Wie konnte es dann sein, dass Wehrmacht und SS-Einsatzgruppen mit solch brachialer Zerstörungswut über die Sowjetunion herfielen? Ohne Mitleid, ohne Gnade.

Sicher gab es Deutsche wie den Gefreiten Albert Liskow, der einen Tag vor dem Überfall durch den Bug schwamm, um die Grenzposten auf der anderen Seite zu warnen. Oder den Luftwaffenoberleutnant Harro Schulze-Boysen, der über den Kurier Alexander Erdberg der sowjetischen Botschaft in Berlin Material über den Aufmarsch im Osten zuspielte. „Angriff zwischen 20. und 22. Juni“, funkte der Kundschafter Richard Sorge am 15. Juni 1941 aus Tokio nach Moskau, andere Beispiele ließen sich anfügen. Das Gros der Soldaten an der Ostfront aber beseelten weder Klassensolidarität noch Gewissensnöte, stattdessen Eroberungslust und rassistischer Dünkel, wenn Adolf Hitler minderwertige Völker zur Räson bringen wollte. Die Welt war voller Feinde und das deutsche Volk ohne Raum. „Von Finnland bis zum Schwarzen Meer – vorwärts!“, dröhnte der Marschgesang durch die Wochenschau, „Führer befiehl, wir folgen dir“, war der Refrain. Wer „folgte“, konnte im Sommer 1941 aus dem Leben gerissene weißrussische Dörfer sehen. Von deren Holzhäusern waren nur gemauerte Schornsteine oder Kamine übrig geblieben, ein gespenstischer Totenwald nach der Feuersbrunst. Schwerlich war dem Anblick erschossener Zivilisten, von Frauen und Kindern, zu entkommen, den in Panzern oder Schützengräben verkohlten sowjetischen Soldaten. War das mühelos verkraftbar? Regte sich Unbehagen angesichts der dem Hungertod preisgegebenen Kriegsgefangenen unter freiem Himmel? Oder reichte die Versicherung, die höhere Gerechtigkeit der arischen Eroberer habe sie zu dem verurteilt, was sie verdienten?

Am 30. Juni 1941 schrieb der Soldat Helmut N. über den Einfall in die Sowjetunion an seine Frau in Ostpreußen: „Der Führer hat wieder einmal alle Last der Verantwortung, all die Qual der Entscheidung, all das Wissen, Gefahr und Größe des Einsatzes … allein für uns alle getragen.“ Was folgt, mutet an wie die Nachschrift eines NS-Propagandapamphlets. „Wir wollen es stillen und heißen Herzens hinnehmen als eine Bestätigung unseres Glaubens daran, dass unser Volk zur Rettung und Führung Europas berufen ist.“

Die in Büchern, Sammlungen und Archiven überlieferte Feldpost vom Kriegsschauplatz im Osten wirkt häufig wie ein geistiges Stillleben, das nur weniger Striche bedurfte, um Botschaft zu sein. „Soeben habe ich den ersten Sekt getrunken auf russischem Gebiet“, steht auf einer Feldpostkarte von Anfang Juli 1941. „Natürlich ist der Krieg kein Zuckerlecken, das weiß jeder. Aber wir Deutschen haben ein Recht darauf, uns auch mal an den Fettnapf der Welt zu setzen“, geht es weiter.

Der zügige Vormarsch wie die feindlichen Verluste während der ersten Kriegsmonate bescheren den Briefen von der Front ein Stimmungshoch. Die Soldaten mögen keine überzeugten Nazis sein, auf dem Feldherrenhügel steht mancher allemal. Siegesgewissheit ist Pflicht. „Wir glauben, noch in diesem Jahr eine Parade in Moskau abzuhalten. Wenn der Russe erledigt ist, dann haben wir ja nur noch den Tommy. Die Nuss wird im Vorübergehen geknackt“, teilt der Gefreite Emil Sesshaft am 14. August 1941 seiner Freundin Erna in Berlin mit. Dazu noch einmal Soldat N.: „Worte sind zu klein, um das Wunder zu begreifen, das in den stolzen und bedeutungsvollen Siegen unserer Wehrmacht begriffen liegt.“ Auch die Heimatfront ist zuversichtlich, so verkünden die Eltern ihrem Sohn, dem Gefreiten Kurt Fries, am 10. Oktober 1941: „Wir nehmen an, dass es mit dem Iwan aus ist, wenn dich dieser Brief erreicht. Gestern wurde im Reichssender durchgegeben, dass der Endkampf an der ganzen Moskauer Front nun eingesetzt hat.“ Um die gleiche Zeit vermeldet Kriegsberichterstatter Heinz Megerlein: „Schon sind die Türme des Kreml mit dem Fernglas zu erkennen. Ein paar kraftvolle Stöße noch und die letzten Hindernisse sind beseitigt.“

Eine sowjetische Gegenoffensive wirft alles über den Haufen. Vor Moskau werden die deutschen Truppen Ende 1941 um 150 bis 200 Kilometer zurückgeworfen. Die „Türme des Kreml“ rücken in weite Ferne, da hilft kein Fernglas. Bis auf Weiteres werden sie nicht das Dekor „für die gewaltigste Siegesschau aller Zeiten“ (Megerlein) sein. Ein Regimentsadjutant aus dem 185. Infanterieregiment beklagt in seinem Brief vom 5. Dezember 1941: „Alles haben wir im Stich gelassen, unsere Fahrzeuge, unsere Maschinengewehre, unsere Sturmgeschütze, alles, sogar die Verwundeten. Um uns heult der Schneesturm. Mein Gott, womit haben wir das verdient!“ Die Stimmungswende im Winter 1941/42 bei minus 30 Grad und in Sommeruniform ist so krass wie das Bewusstsein unverkennbar, einem Krieg ausgeliefert zu sein, der alles kostet, Anstand und Würde zuerst. „Hier hat vor den traurigsten Bildern das Weinen keinen Sinn ... Es wächst das Gefühl der menschlichen Armut und der menschheitlichen Schuld, die in jedem Einzelnen wurzelt“, schreibt der Soldat Robert Rupp am 22. November 1941 an seine Frau. „Eine tiefe Scham wächst. Manchmal schäme ich mich sogar, geliebt zu werden.“

Ein Jahr später wird es im Kessel von Stalingrad schlimmer sein. Die Wächter am Tor des Todes sind verschwunden. Sie halten niemanden mehr auf. Die Ahnung weicht der Gewissheit, es gibt weder Ausweg noch Rettung. Der Gefreite Helmut Gründling, 20 Jahre alt, notiert Ende Dezember 1942 in seinem letzten Brief nach Hause: „Ich muss über die Frage nachdenken, ob es für mich als Einzelnen überhaupt nötig ist, dass Deutschland besonders groß und mächtig ist. Heute wird man ob solcher Gedanken als Ketzer verschrien, aber die Leute, die in dieser Frage die Schnauze am weitesten aufmachen, sind leider da, wo die ‚politische Größe des Reiches‘ erkämpft wird, nicht zu finden.“ Dem Oberstabsarzt Horst Rocholl sind solche Gedanken fremd. Er will „kämpfend zugrunde gehen ..., wissen wir doch, dass wir hier für Deutschland und unsere Idee, für unseren Führer stehen“, schreibt der bald darauf Verschollene am 14. Januar 1943. Stahlhelm, Stahlgewitter, Stalingrad, dem unbelehrbaren Frontkämpfer ist trotz Verdun und Marneschlacht der Boden lange vor Hitler bereitet. Das NS-Regime kann sich – erst recht nach dem 22. Juni 1941 – darin bestärkt fühlen, eine brutale, aber mögliche Vollendung des bürgerlichen Antikommunismus und Antisowjetismus zu sein. 27 Millionen sowjetische Kriegstote, das musste erst einmal vollbracht werden, dafür brauchten die Täter verlässliche, willige Komplizen.

Nach 1945 will die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft die Last der Geschichte nicht als Last der Erinnerung ertragen. Wie gehabt hält sie sich an einer imaginierten Bedrohung aus dem Osten schadlos. Man ist nicht, wie oft behauptet, unfähig, begangene Verbrechen und darin wurzelnde historische Schuld als solche wahrzunehmen, sondern unwillig. Einmal mit Drachenblut gesalbt, das hält für eine Epoche und mehr. Wer darin Traditionspflege erkennt, missversteht die Obsession der Anmaßung keineswegs. Sie wirkt nach, und sie wirkt weiter.

Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

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